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Ralph Thiele, Politikberater

Resilienz – Schock und Stress standhalten (Teil 1)

Kollisionskurs

"Resilienz" als Fähigkeit, Rückschläge einzustecken, wieder aufzustehen und weiterzumachen, ist – seiner lateinischen Bedeutung folgend – in unser Leben "zurückgesprungen". Sie soll unsere Städte und Gesellschaften künftig widerstandsfähiger machen gegen die Auswüchse von Terrorismus, Klima- und anderen Katastrophen oder auch gegen Angriffe auf kritische Infrastrukturen.

Während Globalisierung, Urbanisierung, Klimawandel und die Akteure einer entstehenden neuen Weltordnung kollidieren, entwickeln sich Krisen zum Dauerphänomen. Stress und Schock sind Weggefährten des Alltags - keine Woche ohne Kriegstraumata und Flüchtlinge, Terror- und Cyberangriffe, Naturkatastrophen und sozialen Aufruhr, finanzielle und wirtschaftliche Krisen. Faktoren wie Überbevölkerung, Armut, Migration, Korruption, Staatszerfall, organisierte Kriminalität und tödliche Infektionskrankheiten verschärfen die Lage.

Europa wankt unter Krisenstress, Haushaltsproblemen und terroristischen Schockerfahrungen. Die NATO ist nur noch ein Schatten ihres früheren Ich. Die Vereinten Nationen werden als vormaliger Schutzpatron globaler Friedenspolitik, Menschenrechte und rechtsstaatlicher Normen von Warlords, Terroristen und Coalitions of the Willing zu einem Akteur marginaler Bedeutung degradiert. Auch die OSZE hat Mühe, sich relevant in ihre Kernaufgabe Friedenssicherung einzubringen.

Auch wenn sich manche Katastrophen – insbesondere Naturkatastrophen – nicht verhindern lassen, können wir dennoch die damit verbundenen Risiken erkennen und absehbare Wirkungen eindämmen. Genau dies haben die Europäische Union und die NATO im Sinn. Zwei Gipfeltreffen der Organisationen Mitte 2016 mündeten im Dezember in 42 Maßnahme Paketen und einer gemeinsamen Erklärung: "Gemeinsam können beide Organisationen (...) einen besseren Nutzen aus den vorhandenen Ressourcen ziehen, um für Sicherheit in Europa und darüber hinaus zu sorgen."

Beide Organisationen sind derzeit dabei, die gemeinsame Arbeit zu strukturieren. Erste Maßnahmenpakete zielen auf eine engere Zusammenarbeit in der maritimen Sicherheit, beim Schutz von kritischer Infrastruktur und insbesondere auch bei der Abwehr von Cyber-Angriffen im Netz. Man befürchtet, dass es Angreifern gelingen kann, ganze Stromnetze und Bankensysteme lahmlegen. Auch vor Desinformationskampagnen ist man besorgt und plant gemeinsame Analysen sowie parallele und koordinierte Übungen im Krisenmanagement. Weiterhin ist eine engere Zusammenarbeit in der Forschung und bei der Ausbildung von Experten vorgesehen.

 

Hybride Gefahren

Resilienz ist insbesondere bei der Begegnung hybrider Gefahren von Bedeutung. In Europäischer Union und NATO hat man erkannt, dass die Begegnung hybrider Bedrohungen, Krisenmanagement und Resilienz Hand in Hand entwickelt werden müssen. Sie verstehend dies als eine gemeinsame Aufgabe von strategischer Bedeutung. Russland wird vorgeworfen, solche hybriden Ansätze bei der Krim-Annexion angewandt zu haben. Diese Ansätze machen den westlichen Staaten und Gesellschaften politisch, militärisch und sogar gesellschaftlich sichtbar zu schaffen trotz der eigenen scheinbar überwältigenden wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Überlegenheit.

Seit Putins "grüne Männchen" – Soldaten in Tarnuniformen ohne Rang- und Nationalitätenabzeichen – im Jahr 2014 auf der Krim auftauchten. die Kontrolle über den Regierungssitz, das Parlament und den Flughafen in Simferopol übernahmen, sowie Einrichtungen der ukrainischen Armee abriegelten, sind Europäische Union und NATO alarmiert. Die Hauptverantwortung für die Abwehr hybrider Bedrohungen für die nationale Sicherheit und Verteidigung und die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung liegt zwar bei den Mitgliedstaaten selbst. Gemeinsamen Bedrohungen werden allerdings besser auf multinationaler Ebene begegnet, insbesondere, wenn sie sich gegen länderübergreifende Netze oder Infrastrukturen richten. Finnland plant für 2017 den Aufbau eines sogenannten "Europäischen Zentrums zur Abwehr Hybrider Gefahren". NATO und EU-Mitgliedstaaten sind gehalten, sich daran zu beteiligen.

Für die Einsätze auf der Krim und in der Ostukraine zeigten sich die zivilen und militärischen Instrumente russischer Machtpolitik vorzüglich vorbereitet. Zivile Aktionen waren mit denen der militärischen Kräfte gut abgestimmt. Russische Investitionen, Handel und Finanztransaktionen wurden systematisch eingesetzt, um ökonomische und politische Eliten zu beeinflussen. Medien wurden massiv für Desinformation genutzt, insbesondere um pro-russische Positionen zu stärken. Avatare – Akteure mit Scheinidentitäten – diskreditierten über das Internet relevante Personen des öffentlichen Lebens mit kritischen Positionen zu Russland. Verbindungen zu russischem Organisiertem Verbrechen, zu lokalen kriminellen Akteuren und ebenso zu religiösen Einrichtungen wurden mit der Zielsetzung aktiviert, ethnische Spannungen zu verstärken und Kampagnen für die Rechte von Minderheiten zu befeuern. Hinzu kamen massive Cyberangriffe auf ausgewählte Ziele. Militärische Kräfte, ob verdeckt, subversiv oder regulär, hielten sich im Hintergrund und verliehen den entscheidungssuchenden, nicht-militärischen Aktivitäten lediglich den erforderlichen Nachdruck.

Doch Russland ist weder der erste noch der einzige hybride Akteur. Die Entwicklung hybrider Bedrohungen führte von der Hisbollah im Libanon über den IS im Irak, Syrien und in Libyen nach Russland. Längst sind auch Staaten wie Iran, Nordkorea oder China bemerkenswerte hybride Akteure.

Immerhin hat Russland als erster Nationalstaat das Thema gründlich studiert, in funktionsfähige Konzepte umgesetzt, diese in Simulationen und großangelegten Übungen verifiziert und schließlich im Einsatz erprobt. Warum? General Waleri Wassiljewitsch Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, brachte es bereits 2013 öffentlich auf den Punkt: "… ein funktionierender Staat kann sich binnen Monaten und sogar Tagen in ein Gebiet erbitterter bewaffneter Auseinandersetzungen verwandeln, Opfer einer externen Intervention werden und in einem Strudel von Chaos, humanitären Katastrophen und Bürgerkrieg versinken ... ." Damals haben wir allerdings noch nicht genau genug hingehört.

 

Worauf müssen wir uns einstellen?

Im Lichte der bisherigen Erfahrungen mit hybriden Akteuren zeichnen sich eine Reihe von Charakteristika ab:

  • Staatliche und gesellschaftliche Ordnung und Zusammenhalt sind das primäre Angriffsziel. Deren Bekämpfung und der gezielte Einsatz hybrider Akteure an den Schnittstellen traditioneller Verantwortungsbereiche werden Verwundbarkeiten zunächst geschaffen und dann gezielt angegriffen. Die daraus resultierende Ambiguität erschwert eine schnelle und entschlossene Reaktion des Angriffsopfers bzw. der internationalen Gemeinschaft. Durch schnelles, überraschendes Handeln schafft der Angreifer Tatsachen.
  • Der Schwerpunkt der Aggression liegt in zivilen Wirkungsfeldern. Die Konfliktentscheidung wird über eine planvolle Orchestrierung unterschiedlicher Mittel und Methoden primär politisch und zivil gesucht. Die militärische Komponente, darunter verdeckt operierende Spezialkräfte, Subversion oder reguläre Streitkräfte, verleiht den politischen und zivilen Aktivitäten lediglich den erforderlichen Nachdruck.
  • Die Kombination und Verschränkung unterschiedlicher Kategorien und Mittel lässt neue Formen der Kriegführung entstehen. Hybride Kriegführung kombiniert höchst kreativ irreguläre, subversive wie auch propagandistische Mittel und Methoden mit konventionellen Mitteln der Konfliktaustragung. Großangelegte Desinformationskampagnen und die Nutzung der sozialen Medien zur Beherrschung des politischen Diskurses oder zur Radikalisierung, Rekrutierung und Steuerung von Stellvertreterakteuren werden als Vehikel für hybride Bedrohungen genutzt.
  • Hybride Aggression und deren Angriffsziele sind nur schwer zu erkennen. Der Aggressor zielt auf die subversive Unterminierung eines anderen Staates und verschleiert seine Aktivitäten, um gegen gerichtete Entscheidungsprozesse zu behindern. Die einzelnen Angriffselemente erscheinen nach außen hin als nur vage zusammenhängend. Tatsächlich sind sie Bausteine eines sorgfältig angelegten Planes, dessen aggressive Zielsetzungen erst in der Gesamtschau der Elemente erkennbar werden.

Offene pluralistische und demokratische Gesellschaften bieten hybriden Bedrohungen, die nur eingeschränkt vorhersehbar und schwer zuzuordnen sind, vielfache Angriffsflächen. Noch vor kurzem konzentrierten sich Gegenmaßnahmen von Europäischer Union und NATO im Kontext hybrider Kriegführung auf militärische Maßnahmen. Doch wenn die Schwelle zum Krieg überschritten wird, ist die militärische Verteidigung möglicherweise bereits zu spät. Ein Angriff mit hybriden Mittel kann seine strategischen Ziele lange bevor militärische Mittel eingesetzt werden erreicht haben. Die Herausforderung lautet deshalb, Schadensereignisse zu absorbieren, ohne dass die Funktionsfähigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigt wird. Hierzu sind Strukturen erforderlich, die widerstandsfähig gegenüber bekannten und anpassungsfähig gegenüber unvorhersehbaren Herausforderungen sind.

10. April 2017


Ralph Thiele
Ralph Thiele ist Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V.