Start | Kontakt | Impressum
 
 
 

Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim DAV

Warum stoppt China den Ausbau von Windkraft?

Eine Meldung Ende Februar auf china.org.cn ließ die Fachwelt aufhorchen:  China hat den weiteren Ausbau der Windkraft in sechs wichtigen Provinzen vorerst gestoppt.  Die Förderung erneuerbarer Energien hat auch in China einen sehr hohen Stellenwert, daher lohnt ein näherer Blick auf die Umstände dieser Entscheidung.

Die Luftqualität in einigen chinesischen Städten ist so schlecht, dass Atemwegserkrankungen häufig sind.  Man spricht von mehr als einer Million vorzeitig verstorbener Menschen durch die Luftverschmutzung, hauptsächlich wegen veralteter Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren.  Bereits im elften Fünfjahresplan für die Jahre 2006 bis 2010 standen daher die Themen Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit der Energieversorgung auf der Tagesordnung.  Eine Verbesserung der Luftqualität sollte hauptsächlich durch Schließung kleinerer Kohlekraftwerke und dem Einbau von Filtern in größere und modernere Kohlekraftwerke erreicht werden.  Mit einher ging das Ziel, in dem Fünfjahreszeitraum den Energieverbrauch je Einheit von Bruttosozialprodukt um zwanzig Prozent abzusenken. 

Mit dem zwölften Fünfjahresplan für die Jahre 2011 bis 2015 setzte sich das Land erstmals Ausbauziele für sog. "erneuerbare" Energien, und zwar sehr ehrgeizige.  120 Gigawatt (GW) an Wasserkraft, 70 GW an Windenergie und 5 GW an Solarenergie sollten neu gebaut werden.  Auch sollten 200.000 Kilometer an Höchstspannungstrassen neu gebaut werden. Zum Vergleich:  Deutschland hat derzeit etwa 200 GW an Kraftwerkskapazitäten, je hälftig Wasser-, Wind-, Solar- und Biomassekraftwerke auf der einen Seite und Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke auf der anderen; in der Zeit wurden hierzulande nur wenige Dutzend Kilometer Höchstspannungsleitungen errichtet.  Dass die chinesischen Ziele teilweise deutlich übertroffen wurden, zeigt die folgende Tabelle.

Chinas Stromproduktion 2015/16

Kraftwerksart

Installierte Leistung 2015 (GW)

Zubau 2016 (GW)

Stromproduktion 2016 (TWh)

Kraftwerksauslastung 2016 (Jahresstunden)

Wasserkraft

320

12

1.150

           3.528  

Windkraft

131

18

241

           1.721  

Solarenergie

43

34

66

           1.100  

Kohle

895

48

3.906

           4.250  

Gas

66

4

188

           2.765  

Kernkraft

27

7

213

           6.984  

Andere

 

 

302

 

Gesamt

>1.482

>123

6.066

 

Daneben setzte sich China weitere Ziele in Energieeffizienz und Luftreinhaltung, die sämtlich erreicht wurden.  Die Zubaupläne bei "erneuerbaren" Energien genießen also nicht nur hohe Priorität bei der Planung, sondern auch in der Umsetzung.  Kein anderes Land hat in den vergangenen Jahren so große Kapazitäten bei thermischen und "erneuerbaren" Kraftwerken hinzugebaut.  Und kein anderes Land hat so viele Höchstspannungsleitungen neu errichtet, um Wasserkraftwerke und Windparks in entlegenen Landstrichen anzuschließen.

Und nun der Ausbaustopp für Windkraft in sechs windreichen Provinzen, die zusammen mehr als ein Drittel der Landesfläche bedecken.  Nach den Pressemeldungen war der Ausbaustopp eine Reaktion auf die geringe Nutzbarkeit des Windstroms.  Traurige Rekordhalter waren die Anlagen in Gansu in Zentralchina.  Dort konnten nur 57 % der durch Windenergieanlagen im Jahr 2016 produzierten Energie auch genutzt werden.  In der sehr großen Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas waren es 62 %, in den beiden benachbarten Provinzen Jilin und Heilongjiang im Nordosten Chinas waren es 70 % und 81 %, in der Inneren Mongolei, eine große Provinz im Norden Chinas immerhin 79 %.  Insgesamt blieben im Jahr 2016 fast 50 TWh an Windstrom ungenutzt, im Jahr davor bereits 34 TWh.  Dass so viel Energie quasi weggeworfen werden musste, liegt vordergründig am immer noch nicht ausreichenden Leitungsbau zwischen den entlegenen Provinzen mit hohem Windaufkommen und den industriellen Zentren.  Dahinter verbirgt sich aber ein tieferes Problem der Windenergie, das hier dank der besseren Datenlage anhand der deutschen Windstromproduktion skizziert wird. 

Wind weht in vielen Jahresstunden gar nicht oder nur wenig, und in sehr wenigen Jahresstunden bläst er stark.  Unten dargestellt ist die Häufigkeitsverteilung der in Deutschland "geernteten" Windenergie der Jahre 2009-2014.  Hierzu wurden die veröffentlichten Stundenwerte der momentanen Windleistung mit der zum jeweiligen Zeitpunkt installierten Leistung an Windkraftwerken ins Verhältnis gesetzt.  Danach wurden diese Werte auf eine installierte Leistung an Windenergie von 50 Gigawatt (GW) hochgerechnet, so viele Windkraftwerke haben wir in etwa heutzutage.

Quelle: entso-e, Dr. Björn Peters

Wie man der Häufigkeitsverteilung für Deutschland entnehmen kann, wird in den meisten Jahresstunden weniger als 15 GW an Windstrom produziert.  Der Mittelwert liegt in Deutschland bei nur 8,0 GW, was 1.404 Vollaststunden entspricht, also noch weniger als in China (1.721 GWh/GW·a).  Ein Viertel der Energie wurde in Deutschland in den 700 Stunden des Jahres erzeugt, an denen mehr als 20 GW an Windleistung zur Verfügung stand.  Umgekehrt bedeutet, dass in den anderen 8.000 Stunden des Jahres weniger als 20 GW produziert wurden.  Die Leitungskapazitäten, um solche Windparks mit ihrer Nennleistung anzuschließen, sind also in mehr als 90 Prozent der Jahresstunden zu weniger als 40 Prozent ausgelastet.

In China wird die Häufigkeit der Stundenproduktion an Strom aus Windkraft nicht anders verteilt sein als in Deutschland.  Entlegene Windparks teilweise über mehrere Tausend Kilometer an die industriellen Zentren im Süden und Westen anzuschließen ist dort ein kostenträchtiges Unterfangen.  Die Leitungskapazität aber zu verdoppeln, um nur ein bisschen mehr an Energie transportieren zu können, rechnet sich einfach nicht.  Insofern erscheint es glaubwürdig, dass die chinesische Regierung dies nun erkannt hat und gegenzusteuern beginnt.  Ein Baustopp für Windkraftanlagen scheint dabei ein folgerichtiger Schritt zu sein.  Windkraft passt von der Produktionscharakteristik nur in geringem Umfang in das moderne Stromproduktionssystem eines Industrielandes.

20. März 2017

Dr. Björn Peters

Dr. Björn Peters ist Gründer der
Unternehmens- und Politikberatung
"peters – Continental Commodity Consulting"

Dr. Björn Peters ist Analyst und beschäftigt sich
seit vielen Jahren mit dem Thema "Energiewende"
unter wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten