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Dr. Boris Alexander Braczyk

Renaissance:
Robert Mercer, Donald Trump und das Ende der "politischen Korrektheit"

"Renaissance Technologies" heißt das Unternehmen, dem als Co-CEO der Mann vorsteht, der sowohl im US-Präsidentschaftswahlkampf wie in der künftigen Arbeit der amerikanischen Regierung ebenfalls als eine Art informeller Co-CEO verstanden werden kann, vielleicht auch als aktiver Aufsichtsratsvorsitzender, ganz genau kann und muß man das nicht fassen. So wichtig die Arbeit und das Denken Stephen Bannons als Chefstratege im Weißen Haus für die Ausrichtung der Regierung Trump ist, kann doch das ganze Ausmaß der Ernsthaftigkeit der begonnenen Zeitenwende nur ermessen, wer wenigstens annähernde Kenntnis über jenen Mann besitzt, der Bannon im entscheidenden Moment, aus dem Hintergrund wirkend, mit Trump gleichsam verschmolz: Robert Mercer. Aus solcher Kenntnis heraus hat der Verfasser dieser Zeilen bereits Wochen vor dem Wahltag einen Wahlsieg Trumps als sicher vorausgesagt – und ein letztliches Gelingen der von Mercer, Bannon und Trump erstrebten geistig-sittlichen Zeitenwende, gegen jeden inneramerikanischen oder europäischen Widerstand.

Robert Mercer

Renaissance Technologies, kurz RenTec, gilt als erfolgreichster Hedge-Fund-Betreiber der Welt, erfolgreicher als die weit bekannteren Investment-Legenden Warren Buffet und George Soros, welche im Wahlkampf Trumps Gegnerin unterstützten. Der Kernfonds der Firma, der Medallion-Fund, arbeitet längst nicht mehr für gebührenzahlende Investoren, sondern nur noch für die eigenen Mitarbeiter. Als Bewerber für offene Stellen werden Naturwissenschaftler, Mathematiker und Informatiker gesucht; studierte Betriebswirte und sonstige Finanzfachleute sind unerwünscht. Kenner sagen, RenTec verfüge über "die beste Physik- und Mathematik-Fakultät der Welt".

Der mit Trump gleichaltrige Mercer, seit 1993 bei RenTec und seit 2009 Co-CEO, kam durch seinen Vater, selbst Wissenschaftler, als Zehnjähriger erstmals mit der theoretischen Welt der Computer in Berührung und schrieb als Jugendlicher, ohne Computer, die ersten Programme. Als Achtzehnjähriger lernte er in einem "National Youth Science Camp", einen von IBM gespendeten echten Computer zu programmieren. Er studierte Physik, Chemie und Mathematik und promovierte danach im Fach Informatik. Neben dem Sudium arbeitete er im Waffenlabor einer US-Luftwaffenbasis, wo er eine Abneigung fürs Leben gewann gegenüber staatlich finanzierter Forschung, die er bis heute für überwiegend ineffizient und verschwendungsanfällig hält.

Bevor der Gründer von RenTec, der Mathematiker James Simons, ihn anwarb, entwickelte Mercer bei IBM Spracherkennungssoftware und statistikbasierte Übersetzungsprogramme. Für seine Leistungen auf diesen Gebieten wurde ihm 2014 von der "Association for Computational Linguistics" (ACL) der "Lifetime Achievement Award" verliehen. ACL teilte seinerzeit mit, Mercers Arbeit sei "revolutionär" gewesen: Sein und seiner Kollegen probabilistischer Ansatz für computergestützte Linguistik beherrsche heute das Feld der automatischen Übersetzung und bilde die Basis vieler täglich genutzter Werkzeuge wie Spracherkennung auf Mobiltelefonen, kontextabhängige Rechtschreibkorrektur und webbasierte maschinelle Übersetzung. Der sehens- und anhörenswerte Festvortrag des Geehrten sowie mitgeschnittene kurze Wortbeiträge in einer universitären Diskussion sind die einzigen öffentlich zugänglichen Aufzeichungen mündlicher Äußerungen des als überaus schweigsam bekannten Mercer. Dieser berichtet in seinem Vortrag am Rande, er habe mit einigen seiner Kollegen bei IBM während regelmäßiger Spaziergänge nach dem Mittagessen "über Philosophie und andere nutzlose Dinge" diskutiert. Passend zu dieser Bemerkung zieren zwei zum Flug ansetzende Eulen die steinernen Pfeiler des Eingangstores zu seinem Anwesen "Owl's Nest" am Nordufer von Long Island, seine im Lauf der Zeit immer größer gewordenen Privatyachten nannte er sämtlich "Sea Owl"; in seine aktuelle 62m-Yacht dieses Namens (geschätzte Baukosten 75 Millionen USD) und damit in einen Teil der "ästhetischen Innenwelt" der öffentlichkeitsscheuen Familie Mercer läßt sich hier ein Blick werfen.

Mercer und RenTec verdienen Geld damit, mit eigenem Kapital auf die Richtigkeit eigener Vorhersagen über künftige Kursbewegungen beliebiger Produkte (Aktien, Anleihen, Devisen usw.) auf den Weltfinanzmärkten zu wetten. Die Vorhersagen beruhen auf erschöpfenden wissenschaftlichen Studien zu typischem, statistisch faßbarem Marktverhalten. RenTec hat effiziente Computerprogramme entwickelt, die diese Studien vollautomatisch durchführen. Es wird berichtet, die dazu benötigten Rechner nähmen die Größe von drei Tennisplätzen ein.

Zunächst hatte RenTec seine Marktmodelle nur für Devisen- und andere Makromärkte entwickelt. Bevor Mercer dazustieß, hatte man zudem eine Aktienhandelsfirma gekauft, deren Modell allerdings nicht überzeugend funktionierte. Mercer und sein mit ihm zu RenTec gekommener IBM-Kollege Brown überarbeiteten das Modell und machten es allmählich profitabler als die ursprünglichen RenTec-Modelle, was beiden bald den informellen Status als "Kronprinzen" einbrachte. Daten, die das Wall Street Journal im Zusammenhang mit der Übernahme der Firmenleitung durch Mercer und Brown veröffentlichte, lassen eine deutliche Tendenz dahin erkennen, daß RenTecs risikobereinigte Renditen sich parallel zu Dauer und Maß der Verantwortlichkeit Mercers und Browns bei der Firma verbessert haben (im letzten Jahr, für das Daten erhältlich sind, betrug die Sharpe-Ratio des Medallion-Funds gar mehr als 7 – für Brancheninsider ein Wert, für den selbst die Bezeichnung "in einer anderen Liga" nicht mehr ausreicht). Von Robert Mercer wird gesagt, er schließe sich mit Problemen, die seinen Mitarbeitern unlösbar erschienen, solange ein, bis er eine Lösung gefunden habe. Ein politischer Mitstreiter, selbst Investor, bezeichnete Mercer gegenüber Bloomberg als "einen der größten heute lebenden Geister."

Für Robert Mercer ist die effiziente – und erfolgreiche – Kapitalallokation bei vollem eigenem Risiko Routine. Mercer verkörpert, könnte man versucht sein ein wenig pointiert zu formulieren, die höchste Form von Meinungsfreiheit: Er muß frei sein von Meinungen, da er sich Meinungen nicht leisten kann, denn Meinungen bringen an der Börse – Ruin. Ein Mann wie Mercer darf nicht meinen, er muß wissen, nämlich vorher aufgrund wissenschaftlicher Prognosen, was mit überwältigender Wahrscheinlichkeit passieren wird.

Als Ausfluß dieser auf privat organisierte Wissenschaft fixierten Haltung fördert Mercer verschiedene Projekte im Bereich der Grundlagenforschung, und zwar, so heißt es, so weit entfernt vom jeweiligen Mainstream wie nur irgend möglich. Er verfolgt deren Ergebnisse sehr genau und verblüfft die geförderten Forscher immer wieder mit Hinweisen, Anregungen und – angeblich – in der Regel konstruktiver Kritik, die man Mercer seinen Studienfächern nach nicht zutrauen würde.

Seine streng wissenschaftliche Herangehensweise an reale Fragestellungen bringt Mercer seit 2010 auch auf dem Feld der großen Politik zur Geltung: durch Förderung verschiedener an freier Marktwirtschaft und deren Nachhaltigkeit sowie an Bekämpfung staatlicher Verschwendung orientierter Initiativen und Politiker mit mittlerweile geschätzten 32 Millionen Dollar allein an Wahlkampfspenden; vermittels wesentlicher Beteiligungen an der auf "psychographische" Wählerprofilierung und –suche spezialisierten Firma Cambridge Analytica und an dem neuen integrierten Medium Breitbart, dessen Leser-Resonanz durchgehend wissenschaftlich ausgewertet wird; sowie durch das auf Aufdecken und Anprangern ungesetzlichen Regierungshandelns ausgerichtete Government Accountability Institute (GAI), das neben Historikern u.a. Computerwissenschaftler beschäftigt, um im sogenannten "Deep Web", das normalen Internet-Suchmaschinen nicht zugänglich ist, nach verräterischen Informationen und Dokumenten zu suchen.

Aus dem Februar 2014 wird von zwei Treffen wichtiger republikanischer Wahlkampfspender berichtet, an denen Mercer teilnahm. Bei beiden Treffen wies Mercer auf von ihm erhobene Daten hin, die nahelegten, daß die Präsidentschaftswahl im November 2016 voraussichtlich nur ein kompletter, von Mercer damals bereits als "Trump-artig" bezeichneter Außenseiter werde gegen die Demokraten gewinnen können. Mercer legte sich, aus welchen Gründen auch immer, zunächst auf Senator Ted Cruz als einen solchen Außenseiter fest, und brachte ihn in den Vorwahlen, auch mit Hilfe der Dienste von Cambridge Analytica, unerwartet weit nach vorne, auch wenn es gegen Donald Trump am Ende nicht ganz reichte. Nach dem Sieg Trumps in den Vorwahlen stellte sich Mercer voll hinter Trump, "verpaßte" ihm im entscheidenden Moment im August 2016, als Trumps Wahlkampagne kurzzeitig ins Schlingern geraten war, den von Mercer vielseitig unterstützten Stephen Bannon als Wahlkampfleiter und stellte die "Wunderfirma" Cambridge Analytica in Trumps Dienste, die mit ihrer komplexen "psychographischen" Herangehensweise über postalische und elektronische Kanäle gezielt potentielle Trump-Wähler ansprach.

Das Ergebnis ist bekannt: Ein epischer Sieg Trumps über Clinton sowie ein fast noch vernichtenderer Sieg Mercers über den ungleich größeren Daten-Giganten Google, der Hillary Clinton mit Rat, Tat und Geld unterstützt hatte; Google-(seit der Umbenennung: "Alphabet"‑)Chef Eric Schmidt hatte sich gar unaufgefordert anerboten, persönlich das Digitalmarketing für Clintons Wahlkampf zu leiten. Auch hier stehen sich zwei grundverschiedene Weltanschauungen gegenüber: auf der einen Seite der auf Privatsphäre absolut bestehende Mercer, auf der anderen der Google-Chef, der gegenüber CNBC einmal äußerte: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst nicht tun."

Die Republikaner hoffen, mit wesentlicher Unterstützung Mercers bei den Zwischenwahlen 2018 ihre Senatsmehrheit über die rechtlich bedeutsame Zahl von 60 Mandaten hinaus zu vergrößern.

In Europa machte sich Mercers "langer Arm" bereits beim Brexit bemerkbar. Das Londoner Breitbart-Büro wurde extra zu dem Zweck eröffnet, "Stimmung zu machen" für den Brexit, und Cambridge Analytica unterstützte im Abstimmungskampf erfolgreich die "Leave"-Kampagne. Donald Trump hat sich selbst gelegentlich als "Mr. Brexit" bezeichnet, aber dieser Bezeichnung könnte nach allem ebensogut auf Robert Mercer passen.

Mercers Tochter Rebekah, mit der er in seinen politischen Aktivitäten stets eng zusammenarbeitet, war offizielles Mitglied von Donald Trumps "Transition Team" zur Übernahme der Präsidentschaft von Barack Obama und beriet Trump bei der Auswahl der Kabinettsmitglieder; sie soll künftig einem externen Beraterteam vorstehen, das Trumps Agenda fördert. Robert Mercer hat, wenn auch offiziell vermittels seine Tochter, seine Hand weiterhin in Reichweite des ultimativen Hebels der Macht.

Ende der "politischen Korrektheit" in den USA

"Renaissance" bezeichnet die Zeit der Wiedergeburt der Wissenschaften am Ausgang des Mittelalters, wenn man so will, die Wiedergeburt wissenschaftlicher Korrektheit. Weder der wissenschaftsbasierte Unternehmer Mercer noch der Unternehmer Trump haben angesichts ihrer verinnerlichten Achtung vor wissenschaftlicher Korrektheit und ökonomischer Gesetzmäßigkeit ein Verhältnis zum Konzept "politischer Korrektheit", das schon mit dem Attribut "politisch" eine Verzerrung von Korrektheit, die tatsächliche Inkorrektheit der postulierten "Korrektheit" andeutet.

Entsprechend hat Donald Trump im Wahlkampf etwa keinen Gedanken an eine pauschal postulierte Gleichheit aller Menschen verschwendet, wenn große Teile des afro-amerikanischen Bevölkerungsteils offenbar mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben als der Durchschnitt der Amerikaner. Spezifische Förderung statt pauschalierender "affirmative action" dürfte die Agenda der Regierung Trump sein. Um insbesondere Afro-Amerikanern zu helfen, hat Trump versprochen, ernsthaft etwas zu tun gegen die oft tödliche Gewaltkriminalität in den Innenstädten, und um insbesondere ihnen zu helfen, hat er versprochen, die Schulwahl freier zu gestalten, so daß einerseits begabte junge Schwarze auf "bessere" Schulen gehen können, als in ihrem Viertel zu finden sind, anderseits Problemkinder in sogenannte Charter Schools, die weit mehr wie militärische Einrichtungen geführt werden, als es in Westeuropa heute gängigen Vorstellungen von Schule entspricht. Trump wird über so etwas nicht einmal nachdenken, aber dem Wissenschaftler Mercer ist zweifellos bekannt, daß die Probleme, die große Teile der "African-American community" drücken, mit durchschnittlichen Intelligenzunterschieden zwischen den drei Gruppen Ost-Asiaten (Durchschnitts-IQ von 106), Weiße (Durchschnitts-IQ von 100) und Schwarze (Durchschnitts-IQ von 85) zusammenhängen, Unterschieden, die in einhundert Jahren Intelligenzforschung mehr oder weniger stabil geblieben sind. Diese Unterschiede sind keine absoluten, wie sie Rassisten vorschweben, sondern, wie fast überall in der Wissenschaft, statistische. Nur Rassisten antiweißer wie antischwarzer Ausrichtung könnten ein Problem haben mit den schwarzen Politikern und Aktivisten der republikanischen Partei Donald Trumps, die genauso wie dieser für die Wiederherstellung des Rechtsstaats eintreten (einem der jüngsten kann man hier zusehen, wie er auf die Vorwürfe eines "Black-Lives-Matter"-Aktivisten antwortet, er sei ein Verräter an der eigenen Rasse; ein anderer schließt seine Konfrontation mit Trump-Kritikern am Rande des Republican National Congress hier mit den Worten: "Black people need to take self-responsibility. And they will be good, that's it. … Stop always destroying things and then going to white people and then asking them to help us.").

Wissenschaftliche Wahrheit ist in aller Regel statistische Wahrheit. Robert Mercer versteht das wie vielleicht kein Zweiter. Nicht das binäre Schwarz oder Weiß bestimmt sein Denken, sondern Wahrscheinlichkeiten. Einem statistisch versierten Mann wie Mercer ist klar, daß man Statistiken über überdurchschnittlich häufige Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA ins Verhältnis setzen muß zu Statistiken über den Anteil Schwarzer an – insbesondere tödlicher – Gewaltkriminalität. Ergebnis zumindest einer solchen Studie: Weiße in den USA haben relativ zu ihrer Kriminalitätsrate ein höheres Risiko, von der Polizei erschossen zu werden als Schwarze. Laut einer weiteren universitären Studie scheinen Polizeibeamte in den USA statistisch betrachtet tendenziell bereits so konditioniert zu sein, daß sie sich zunehmend in unverhältnismäßige persönliche Gefahr begeben, indem sie aus Angst vor medialer Vernichtung länger als angemessen zögern, den Abzug zu ziehen, wenn ein sie bedrohender Verdächtiger schwarz ist. Der Fall einer Polizistin, die genau aufgrund dieser "Schere im Kopf" nicht abdrückte und daraufhin mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus landete, ging vor kurzem durch die amerikanische Presse.

Robert Mercer und Donald Trump ist, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ebenfalls klar, daß es Zwischengeschlechtlichkeit in biologischer oder psychologischer Ausprägung sehr wohl gibt und man dem Rechnung tragen sollte; daher Trumps sehr entspanntes Verhältnis zur sogenannten "LGBT community". Nie würden beide aber auf den Gedanken kommen, wegen eines Sachverhalts, der statistisch gesehen einige Prozent der Bevölkerung betrifft, 100 % der Politik oder gar die englische Sprache zu ändern. Trump ließ sich nach seiner Benennung als "Person of the year" durch "TIME" von den Zuhörern mehrerer Veranstaltungen seiner "Dankestour" per Akklamation bestätigen, daß es besser gewesen wäre, ihn als "Man of the year" zu ehren, so wie es bei Hillary Clinton eine Ehrung als "Woman of the year" gewesen wäre.

Trump "paßt" gleichsam zur nicht "extremistischen", dafür statistisch-wissenschaftlichen Weltsicht Robert Mercers. Als erfolgreicher "Dealmaker" muß er den Instinkt dafür haben, zwischen zwei Extremen zu einem früher für ihn persönlich, nunmehr für die USA günstigen Verhandlungsergebnis zu kommen. Wirklich günstig aber ist ein Verhandlungsergebnis auf Dauer nur, wenn es für alle Seiten "funktioniert", wenn es nachhaltig bestehen kann, und diese Einsicht erwartet man von einem Mann, der gewohnt ist, im Immobiliengeschäft nicht für den schnellen Börsengang, sondern für viele Jahrzehnte zu planen, und der darauf angewiesen ist, daß seine Büro- und Ladenmieter auch in zwanzig Jahren noch mieten, daß sein Ruf als verläßlicher Geschäftspartner keinen Schaden nimmt.

Während des Wahlkampfes hat Donald Trump die "politische Korrektheit" regelmäßig ausdrücklich verworfen, allerdings eine halb scherzhafte Ausnahme gemacht: Mit Bezug auf die vorweihnachtliche Dekoration von Supermärkten, in der ein "merry christmas" mit Verweis auf "politische Korrektheit" zunehmend fehlt, sagte er in einer Wahlkampfrede, es werde künftig nicht "politisch korrekt" sein, nicht "Frohe Weihnachten" an die Supermarktwand zu schreiben. Demonstrativ wünschte er in seiner Dankeschön-Reise nach der Wahl seinen jeweils Zehntausenden von Zuhörern ausdrücklich nicht eine "schöne Jahresendzeit", sondern "Frohe Weihnachten", wie er es im Wahlkampf mehrfach versprochen hatte.

Jeder Mensch bonae voluntatis konnte nachlesen, was Donald Trump etwa "über Mexikaner" wirklich gesagt hat. Selbst die vor einigen Jahren von Amazon-Chef Jeff Bezos gekaufte und sogleich "auf links gedrehte" Traditionszeitung Washington Post brachte Trumps Rede zur Ankündigung seiner Präsidentschaftsbewerbung seinerzeit im Wortlaut. Trump spricht darin nicht negativ von "den Mexikanern", sondern spezifisch von illegalen und damit von der ersten Sekunde an straffälligen Einwanderern, die laut Trump ausdrücklich "nicht die besten" Mexikaner seien und in den Kriminalitätsstatistiken auch hinsichtlich nicht den Grenzübertritt betreffender Delikte deutlich überrepräsentiert sind.

Gebrochen hat Donald Trump im Wahlkampf mit dem der politischen Korrektheit geschuldeten Tabu, kriminelles und gefängniswürdiges Verhalten "gestandener" Spitzenpolitiker klar als solches zu bezeichnen. Mit Blick u.a. auf die korrupte Selbstbereicherung der Clintons in und nach der Zeit Hillarys als Außenministerin um wohl mehr als 100 Millionen USD, aufgedeckt bereits 2015 in dem von Bannons GAI-Mitstreiter Peter Schweizer recherchierten und von Robert Mercer finanzierten Buch "Clinton Cash", bestätigt durch die Enthüllungen von Wikileaks in den Wochen vor der Wahl, sagte Trump mehrfach: "The Clintons are criminals" und "[Hillary] should be locked up", und er sagte ihr das in der zweiten Fernsehdebatte auch direkt ins Gesicht ("Because you'd be in jail"). Genau 11 Tage vor der Wahl bestätigte dann die angesehenste Zeitung der Welt, das Wall Street Journal, das Trumpsche Urteil u.a. mit den folgenden Sätzen: "A Hillary Clinton presidency will be built, from the ground up, on self-dealing, crony favors, and an utter disregard for the law. … [The] Clintons do not draw any lines between their "charitable" work, their political activity, their government jobs or (and most important) their personal enrichment. Every other American is expected to keep these pursuits separate, as required by tax law, anticorruption law and campaign-finance law. For the Clintons, it is all one and the same – the rules be damned. … This is how the Clintons operate. They don't change. Any one who pulls the lever for Mrs. Clinton takes responsibility for setting up the nation for all the blatant corruption that will follow."

Daß politisches Handeln künftig statt von politischer Korrektheit wieder von wissenschaftlicher Korrektheit und dem von Trump oft im Mund geführten "Common Sense" bestimmt wird, dieses Ziel jedenfalls verfolgen Mercer, Bannon und Trump, so scheint es, mit einer seit langer Zeit nicht mehr gesehenen Entschlossenheit.

13. Februar 2017

   

Dr. Boris Alexander Braczyk

Boris Alexander Braczyk studierte Rechtswissenschaft. Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter an mehreren Lehrstühlen deutscher Universitäten.