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Eric Heymann, Senior Economist Deutsche Bank

Kapitalstock in energieintensiven Branchen schrumpft aufgrund der Energiewende

Die Energiewende in Deutschland hat in den letzten Jahren zu steigenden Strompreisen geführt. Dies gilt für private Haushalte und gewerbliche Kunden. In Deutschland übertrafen im 1. Halbjahr 2016 die Strompreise für industrielle Kunden mit einem Stromverbrauch von 500 bis 2.000 MWh pro Jahr – inklusive aller Steuern und Gebühren – den EU-Durchschnitt um knapp 36%. Lässt man dagegen Steuern und Gebühren außen vor, lagen die deutschen Strompreise für die gleiche Kundengruppe Anfang 2016 sogar um 6% unter dem durchschnittlichen EU-Niveau. Interessant ist ferner, dass die deutschen Strompreise inklusive Steuern und Gebühren im Jahr 2000 nur um 3% über dem damaligen Mittelwert der EU lagen. Es ist also offenkundig, dass der überdurchschnittlich starke Anstieg der Strompreise für industrielle Endkunden in Deutschland maßgeblich mit staatlichen Maßnahmen zu erklären ist; ein ähnliches Bild ergibt sich beim Blick auf private Stromkunden.

Die EEG-Umlage auf den Strompreis, über die der Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor finanziert wird, ist ein wesentlicher Grund für den Anstieg der Strompreise in den letzten Jahren. 2016 machte sie bei privaten Haushalten gut 40% aller Steuern, Abgaben und Umlagen auf den Strompreis aus; 2005 waren es erst etwa 9%. Die EEG-Umlage steigt 2017 auf 6,88 Cent pro kWh. Sie liegt damit allein deutlich über dem durchschnittlichen Börsenstrompreis der letzten Jahre, der im Wesentlichen die Kosten für die reine Stromerzeugung der Kraftwerksbetreiber widerspiegelt.

Inklusive Steuern und Gebühren ist der Strompreis für industrielle Kunden in der oben genannten Abgrenzung zwischen 2000 und dem 1. Halbjahr 2016 in Deutschland um mehr als 140% gestiegen. In der EU lag der Zuwachs "nur" bei rd. 83%. Ein derart starker Anstieg der Strompreise hat Einfluss auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland und deren Investitionsverhalten. Um besonders energieintensive Betriebe (z.B. aus der Chemieindustrie oder der Metallerzeugung) im internationalen Wettbewerb nicht zu stark zu belasten, sah der Gesetzgeber daher von Beginn an großzügige Ausnahmeregelungen für solche Unternehmen vor. Sie profitieren z.B. davon, dass sie eine deutlich niedrigere EEG-Umlage oder geringere Netzentgelte zahlen müssen.

Als Konsequenz dieser Ausnahmeregelungen dürfte das absolute Niveau der Strompreise in Deutschland für die begünstigten Unternehmen im internationalen Wettbewerb keine Beeinträchtigung darstellen. Diese Schlussfolgerung ist jedoch unvollständig, denn sie vernachlässigt den Aspekt der Unsicherheit: Tatsächlich ist es unsicher, wie lange die genannten Ausnahmeregelungen in Kraft bleiben. Sowohl von Seiten der EU als auch aus politischen Kreisen sowie von Teilen der Wissenschaft werden die Vergünstigungen in unregelmäßigen Abständen oder permanent kritisiert; dies geschieht aus verschiedenen Gründen. Es wird u.a. argumentiert, die Kosten der Energiewende z.B. in Form der EEG-Umlage müssten lediglich "gerechter" von allen Unternehmen, also auch den besonders energieintensiven Betrieben, getragen werden, um den Anstieg der Strompreise bzw. der EEG-Umlage zu verringern.

Eine solche Argumentation ist freilich nicht stichhaltig. Bestimmte Produktionsprozesse würden über kurz oder lang aus Deutschland verschwinden, wenn die betreffenden Unternehmen z.B. die volle EEG-Umlage zahlen müssten. Diese wäre nämlich schon allein (deutlich) höher als der gesamte Strompreis, den entsprechende Unternehmen derzeit im Ausland zahlen müssen. Solche Kostendifferenzen hätten massiven Einfluss auf Investitionsentscheidungen. Die Lebensdauer von Anlagen gerade im Bereich der energieintensiven Sektoren kann mehrere Jahrzehnte umfassen. Die skizzierten Unsicherheiten, die sich in der politischen Diskussion um die Ausnahmeregelungen zeigen, sind daher Gift für Investitionsentscheidungen.

Bezüglich der EEG-Umlage lässt sich zudem festhalten, dass 96% aller Industriebetriebe ohnehin die volle Umlage zahlen. Selbst bei nicht-energieintensiven Unternehmen haben sich diese Kosten bereits zu einem negativen Wettbewerbsfaktor entwickelt.

Insgesamt ist die Energiewende gerade für die Industrie in Deutschland also nicht nur mit Kosten, sondern mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Dies spiegelt sich schon seit längerer Zeit im Investitionsverhalten bzw. in der Entwicklung des Kapitalstocks energieintensiver Branchen wider. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht dazu Zahlen über das so genannte Anlagevermögen. Das Bruttoanlagevermögen entspricht dabei dem Kapitalstock (z.B. Maschinen, Fahrzeuge, Gebäude, geistiges Eigentum), der aktuell zur Nutzung zur Verfügung steht, unabhängig davon, in welchem Ausmaß diese Anlagen abgeschrieben sind. Zur Berechnung des Nettoanlagevermögens werden u.a. die Abschreibungen abgezogen. Wenn beispielsweise immer so viel in den Erhalt des Anlagenbestands investiert wird, wie dieser altert, bleibt das Nettoanlagevermögen konstant. Zudem wird zwischen dem "nominalem" und dem "realem" Anlagevermögen unterschieden. Das nominale Anlagevermögen enthält Preissteigerungen, beim realen Anlagevermögen werden diese dagegen herausgerechnet. Das reale Nettoanlagevermögen ist wohl der beste Indikator für die Entwicklung des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft oder einzelner Branchen. Es ist letztlich das Ergebnis früherer Investitionstätigkeit unter Berücksichtigung des Wertverlustes (Abschreibungen) und der Inflationsrate.

  • Das reale Nettoanlagevermögen ist in allen energieintensiven Sektoren (Papier-, Chemie-, Baustoffindustrie, Metallerzeugung) in den letzten Jahren (fast) stetig gesunken. In der gesamten Industrie ist dagegen ein kleiner Zuwachs zu verzeichnen. Die Entwicklung in den energieintensiven Branchen ist insofern alarmierend, als das Nettoanlagevermögen auch die aktivierten F&E-Ausgaben der jeweiligen Branchen enthält.
  • Das nominale Nettoanlagevermögen lag 2014 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) in den betreffenden Sektoren nur um knapp 3% über dem Niveau von 1995. Bei den nicht-energieintensiven Sektoren ist dagegen ein Zuwachs von gut 31% zu verzeichnen.
  • Der Modernitätsgrad, gemessen als Anteil des nominalen Nettoanlagevermögens am Bruttoanlagevermögen, lag in den energieintensiven Sektoren 2014 mit gut 47% um knapp 3%-Punkte spürbar unter dem Wert der nicht-energieintensiven Branchen.
  • Die nominalen Nettoanlageinvestitionen – das sind die Bruttoanlageinvestitionen abzüglich der Abschreibungen – waren 2014 bei den energieintensiven Sektoren zum sechsten Mal in Folge negativ. Das bedeutet, dass in jenen Branchen erneut mehr abgeschrieben als investiert wurde. Seit 1995 waren die Nettoanlageinvestitionen bei energieintensiven Branchen nur in fünf Jahren positiv.

Die skizzierte Entwicklung ist natürlich nicht ausschließlich auf die Kosten und Unsicherheiten rund um die Energiewende zurückzuführen. Die deutliche Diskrepanz bei der Investitionstätigkeit zwischen den energieintensiven und den nicht-energieintensiven Sektoren deutet jedoch darauf hin, dass Investitionen der betreffenden Sektoren in Deutschland auch oder gar überwiegend aufgrund der energiepolitischen Unsicherheiten ausbleiben. Dieser Trend ist nicht neu; und eine Trendwende ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht in Sicht. Gleichzeitig haben diese Branchen in den letzten Jahren Investitionen im Ausland getätigt, die explizit mit niedrigen Energiepreisen und guten (sicheren) energiepolitischen Rahmenbedingungen begründet wurden.

Das dargestellte Investitionsverhalten ist für Deutschland besorgniserregend. Deutschland zeichnet sich durch eine vertikal integrierte industrielle Wertschöpfungskette aus. Energieintensive Unternehmen stehen häufig am Anfang dieser Kette. Sie liefern Vorprodukte z.B. an die Automobilindustrie, den Maschinenbau oder die Elektrotechnik, die selbst nicht energieintensiv produzieren, aber die Basis der deutschen Exportwirtschaft bilden. Vorteilhaft sind häufig der geringe räumliche Abstand zwischen den Unternehmen sowie ein enger Forschungsverbund, der durch die Einbindung von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen ergänzt wird. Diese integrierte Wertschöpfungskette ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor des hiesigen Industriestandorts. Wird ein Teil der Kette geschwächt, wirkt dies belastend auf die anderen Glieder. Sinken z.B. die Investitionen energieintensiver Unternehmen am Standort, kann mittelfristig deren Innovationskraft leiden, was letztlich auch negative Folgen für die Abnehmer hätte. Einfache Lösungen sind nicht in Sicht. Die deutsche Politik sollte die Energiewende daher zumindest europäischer denken und gestalten und nationale Sonderwege hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Effizienz und ökologischen Wirksamkeit überprüfen.

Dieser Beitrag im Rahmen der energiepolitischen Wochenkolumne des Deutschen Arbeitgeberverband e.V. ist aus einer längeren Studie zum Thema motiviert, die unter dem Titel "Deutsche Energiewende – Zielverfehlungen in Sicht" hier abrufbar ist.

23. Januar 2017

   


Eric Heymann

Unser Gastautor für die energiewirtschaftliche Kolumne, Eric Heymann, ist Senior Economist bei Deutsche Bank Research, der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutsche Bank AG. Er hat zahlreiche vielbeachtete Beiträge zu volkswirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland sowie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der deutschen Energiewende verfasst.