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Die Energiefrage

 
 
 
 
 
 

Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim DAV

Wieviel Zeit haben wir für die Dekarbonisierung?

Die energieintensive Industrie ist beunruhigt.  Auf der Jahrestagung ihres Verbandes letzte Woche war die wichtigste Frage, wie sich die Dekarbonisierungsziele der Politiker auf die Unternehmen dieser Branche auswirken werden.  Gleichzeitig waren die Branchenvertreter sehr motiviert, die Dekarbonisierungsziele zu unterstützen, aber unter dem Vorbehalt, dass ihre wirtschaftliche Existenz nicht gefährdet wird.  "Carbon Leakage" ist die Sorge: dass wegen der hohen Stromkosten hierzulande viele energieintensive Produktionsprozesse ins Ausland verlagert werden.   Unsere CO2-Bilanz ist dann optisch geschönt, die CO2-Emissionen entstehen ja dann im Ausland – genauso wie die Gewinne.  Höchste Zeit also, einmal zu überlegen, warum wir die CO2-Emissionen verringern sollten und wieviel Zeit wir dafür einplanen sollten.

Die durch menschliche Aktivitäten verursachten CO2-Emissionen stammen überwiegend aus "fossilen" Rohstoffen, also aus Kohlenstoff-Vorräten, die in Form von Kohle, Öl und Erdgas in der Erdkruste gebunden sind.  Diese versorgen uns mit relativ kostengünstiger Energie – der wichtigste Faktor für das Wohlergehen der Menschheit und den technischen Fortschritt.  Die fossilen Rohstoffe stehen noch für einige Jahrzehnte bis Jahrhunderte zur Verfügung.  Gegenüber den kommenden Generationen ist es aber in hohem Maße problematisch, sie der fossilen Rohstoffe zu berauben, ohne alternative Energiequellen zu entwickeln.  Ideal wäre, diese Alternativen im Lauf dieses Jahrhunderts zu entwickeln. – An anderer Stelle habe ich gezeigt, dass Energie aus Sonne und Wind auch langfristig keine kostengünstige und zuverlässige Energie-Vollversorgung ermöglichen werden; sie stellen also keine solche Alternative dar.

Von den ca. 30 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) an CO2, die wir als Menschheit jährlich in die Atmosphäre entlassen, verbleibt etwa ein Drittel dort, die anderen zwei Drittel werden von Pflanzen, Gewässern und Gesteinen absorbiert.  Insgesamt sind in der Atmosphäre etwa 2.000 Gigatonnen CO2 enthalten, wovon jährlich etwa ein Viertel durch Pflanzenwachstum umgesetzt wird.  Wenn der menschliche Eintrag an CO2 in die Atmosphäre auch klein erscheint im Verhältnis zu den natürlichen CO2-Zyklen, so betreiben wir dies bereits über Jahrzehnte.  Letztlich führen wir ein unkontrolliertes Terraforming-Experiment durch, und dies an der einzigen Erde, die uns zur Verfügung steht.  Auch daher sollten wir aus der Nutzung fossiler Rohstoffe langfristig aussteigen.  Dies sollten wir auch dann tun, wenn es sich herausstellen sollte, dass die steigende CO2-Konzentration ausschließlich positive Wirkungen haben sollte, dass sie etwa über besseres Pflanzenwachstum und Trockenheits-resistentere Pflanzen eine bessere Ernährung der Menschheit erlauben sollte, wie dies eine australische Studie nahelegt.

Zu den möglichen negativen Auswirkungen eines steigenden CO2-Gehalts der Atmosphäre zählen eine beschleunigte Verwitterung von Gestein, eine Versauerung der Ozeane und eine Erwärmung des Planeten.  Sowohl die positiven als auch die negativen Wirkungen von mehr CO2 in der Atmosphäre sind aber noch weitgehend unverstanden, daher sprach ich oben von einem "unkontrollierten" Experiment.  Interessanterweise höre ich nur von Geisteswissenschaftlern, dass es einen engen Zusammenhang zwischen CO2-Anstieg und Erderwärmung gäbe.  Kein mir bekannter Geologe oder Physiker-Kollege ist davon aber überzeugt – sogar diejenigen in Meteorologie und Klimawissenschaften nicht.  Allenfalls sagen sie, dass CO2 "irgendwo zwischen Null und Hundert Prozent" für die Erderwärmung verantwortlich sei, wahrscheinlich aber "eher am unteren Ende".  Dass in der Wissenschaft tätige Naturwissenschaftler dies im privaten Gespräch, nicht aber öffentlich sagen, hat mehr mit Wissenschaftspolitik als mit Wissenschaft zu tun, und wäre einer eingehenderen Befassung würdig.

Aber selbst wenn man den alarmistischsten Studien zum "menschgemachten" Klimawandel Glauben schenken würde, wäre ein realistisches Ausstiegsszenario aus fossilen Brennstoffen bis zum Ende des Jahrhunderts ausreichend, um stärkere Auswirkungen aufs Klima nach diesen Studien auszuschließen.  Diese Aussage mag den einen oder anderen angesichts scheinbar eindeutiger Presseartikel verwundern, aber die am häufigsten publizierten Ergebnisse von Klimamodellen beziehen sich auf Szenarien für den CO2-Ausstoß mit ständig steigendem CO2-Ausstoß in die Atmosphäre.  Demgegenüber stagnieren die jährlichen CO2-Emissionen aus fossilen Rohstoffen seit 2013, hauptsächlich aus Gründen des technischen Fortschritts.  Diese Trendumkehr ist beachtlich, da auch nach 2013 sowohl Weltwirtschaft als auch -bevölkerung weiter gewachsen sind.  Und noch besser: In allen Regionen der Welt hat sich der Anstieg der CO2-Emissionen verlangsamt, obwohl in der gleichen Zeit Öl-, Gas- und Kohlepreise gefallen sind.

Was lernen wir daraus?  Erstens wird es einen wie auch immer gearteten Klimakollaps nicht geben.  Steigende Erdtemperaturen und CO2-Anteile in der Atmosphäre haben sowohl positive als auch negative Auswirkungen, und an beide werden sich Natur und Mensch mit verhältnismäßig geringem Aufwand anpassen können.  Ungeachtet dessen ist es zweitens des Schweißes aller Edlen wert, einen Ausweg aus der Nutzung von fossilen Rohstoffen zu finden, weil es jenseits der Klimadebatte genügend andere Gründe dafür gibt.  Und drittens haben wir die Zeit, im Rhythmus der natürlichen Technologie- und Innovationszyklen nach echten Alternativen zu fossilen Rohstoffen zu suchen, die es heute so noch nicht gibt. 

Dennoch ist es insgesamt hilfreich, für eine Übergangszeit eine globale CO2-Politik zu betreiben, um einen zusätzlichen Anreiz für den Ausstieg aus fossilen Rohstoffen aufzubauen.  Nicht aus einseitiger Angst vor den negativen Auswirkungen von Erderwärmung und CO2-Anstieg, ohne die positiven Auswirkungen zu beachten, sondern weil das Ausmaß an CO2-Ausstoß ein Messwert für die Menge verbrauchter fossiler Rohstoffe ist.  Allerdings würde es dem Planeten vollauf genügen, eine einzige – wirksame – Politik zur Verringerung des CO2-Ausstoßes zu betreiben.  Hierfür ist der CO2-Emissionshandel ein geeignetes Instrument.  Alle anderen Politiken, die zusätzlich verfolgt werden, verteuern die Lenkungswirkung des CO2-Handels, ohne zusätzlichen Nutzen zu stiften.  Lassen wir diesen Mechanismus greifen, der dazu geeignet ist, den volkswirtschaftlich günstigsten Pfad aus der Nutzung fossiler Brennstoffe zu finden.  Die Zeit ist reif für einen internationalen CO2-Handel, der einen weltweit einheitlichen CO2-Preis festlegt, das hat die Übereinkunft von Marrakesch gezeigt.  Und begnügen wir uns mit den ehrgeizigen Zielen, zu denen sich die EU bekannt hat.  Nationale Alleingänge in Form von "Aktionsplänen", Sektorzielen und anderen individuellen Vorgaben wie einem Verbot von Verbrennungsmotoren stören die volkswirtschaftliche Effizienz des CO2-Handels und belasten Unternehmen und Verbraucher mit unnötigen Kosten, ohne eine einzige Tonne an CO2-Emissionen zusätzlich einzusparen.

05. Dezember 2016

Dr. Björn Peters

Dr. Björn Peters ist Gründer der
Unternehmens- und Politikberatung
"peters – Continental Commodity Consulting"

Dr. Björn Peters ist Analyst und beschäftigt sich
seit vielen Jahren mit dem Thema "Energiewende"
unter wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten