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Frank Laufenberg, Radio-Moderator

Einheits-Dudelradio? Es geht auch ganz anders.

Wir befinden uns im Jahre 2016 n. Chr. Ganz Deutschland ist von Dudelradio besetzt … ganz Deutschland? Nein! Die von unbeugsamen Moderatoren gegründete kleine Radiostation ‚PopStop – das Musikradio' kümmert sich einen Dreck um das ‚Berater-Radio', in dem Menschen, die von keinerlei Sachkenntnis und Liebe zur Musik getrübt sind, das Sagen haben. Das Leben ist nicht leicht für die ‚PopStopper', denn sie sind von riesigen UKW-, DAT-, und anderen Radios umzingelt.

Diese unbeugsamen Moderatoren - die fast alle aus dem Bereich Musikjournalismus kommen - und ihre Freunde wollen die Welt davon überzeugen, dass man mit diesem Medium Spaß haben kann, Hörer als auch Macher! Und dass Radio aus mehr besteht, als alle 5 Minuten den Menschen zu verkünden, welche Station sie hören.  Zuhören ist etwas, was heute bei vielen Radioprogrammen schwer fällt. Warum auch? Was dort gesagt wird, ist des Zuhörens meist nicht wert. 

Oberstes Ziel von ‚PopStop' ist, wieder die Vielfalt zurück in das Radio bringen, die sicher nicht nur mir fehlt. Wir können das Radio nicht neu erfinden – aber wir können die guten Bestandteile, die es hatte, wieder zurückholen – in die Zeit vor "Radio GaGa". Wie warnte Queen 1984 so richtig: ‚Radio - don't become some background noise'. Das ist es leider geworden – aber sie singen auch: ‚Radio what's new? Radio, someone still loves you'. Genau diese Radioliebhaber und Musikinteressierten will PopStop ansprechen.

Radio hat sich in den letzten Jahrzehnten vom Sensations- zum Tertiär-Medium gewandelt. Die Möglichkeiten, die es einst hatte, hat es ohne Not verspielt und sich mühelos in die Spaß- und Fun-Fänge begeben. Die Hörer, die sich einst – noch bis weit in die 50er Jahre – um das Radio versammelten, hat es an das Fernsehen verloren. Und das Fernsehen ist inzwischen zum Sekundär-Medium verkommen. Der 'angebliche' Zuschauer kommt in die Wohnung, schaltet das Gerät ein und lässt es laufen. Vieles von dem, was heute großflächig im Fernsehen geboten wird, ist abgefilmtes Radio und erübrigt das Zuschauen.

Radio konnte noch in den 70er Jahren Musikgeschmäcker prägen – heute ist das Radio nichts anderes als eine Abspielstation von Hits. Mag sich die Plattenindustrie noch so sehr darüber ärgern und drohen, man würde die Verträge mit dem Radio kündigen.

Radio konnte früher Stars machen. Die Rundfunkorchester in den 50er Jahren begleiteten viele der Plattenkünstler jener Tage – und viele kamen aus den Reihen der Rundfunkmusiker. Radio erzählte, Radio war spannend, Radio war der Bringer der Neuigkeiten. Und gerade in Bezug auf Musik war Radio Geschmackbildner!

Werfen wir den Blick auf Elvis Presley und die Geschichte, wie seine Karriere begann - damals im Juli des Jahres 1954. Er hatte gerade seine ersten richtigen Plattenaufnahmen gemacht, und die erste fertige Single war erschienen. Am 7. Juli 1954, es war eine laue Sommernacht, hatte Dewey Phillips, Diskjockey beim Sender WHBQ in Memphis, die Nachtsendung. Sam Phillips, mit ihm nicht verwandt oder verschwägert, hatte ihn nachmittags aufgesucht, ihm eine neue Platte eines unbekannten Sängers vorbeigebracht und ihn gebeten, die doch mal in seiner Nachtsendung vorzustellen. "That's All Right (Mama)" hieß die Platte, Elvis Presley der Künstler. Dewey sagte Sam zu, sie noch in dieser Nacht in seiner Sendung "Red Hot and Blue" zu spielen. Er tat es - und nachdem Dewey die Platte gespielt hatte, riefen jede Menge Hörer an. "That's All Right (Mama)" lief in jener Nacht auf Wunsch der Hörer 14mal. Dewey wusste, dass der junge Künstler in Memphis wohnte. Da die Presleys kein Telefon besaßen, rief er bei deren Nachbarn an. Die wiederum gingen zu Presleys rüber und sagten Elvis, er solle zum Sender kommen. Der Künstler ging mitten in der Nacht hin und gab sein erstes Radiointerview. An diesem 7. Juli 1954 wurde der Grundstein zu einer weltweiten Karriere gelegt.

Das wäre so heute nicht mehr möglich. Heute entscheiden nicht die jeweiligen Hörer, was in der gerade laufenden Sendung gespielt wird. Es entscheidet auch nicht der Bauch des Diskjockeys, sondern der Computer. Der weiß angeblich genau, was die Hörer hören wollen, denn alle Platten, die gespielt werden, wurden vorher "geresearcht". Das heißt, eine bestimmte Anzahl von Menschen hat sich die Platten anhören müssen und sie dann bewertet. Fällt eine neue Platte bei diesem Test durch, wird sie nicht gespielt. Hat sie den Test bestanden, wird sie in die Playlist eines Senders aufgenommen.

Gespielt werden dürfen nur die Titel, die auf eben jener Playlist stehen. Die Möglichkeit, den für gut befundenen Titel nur zu bestimmten Tageszeiten zu spielen, besteht selbstverständlich. Eine lahme Nummer am Morgen könnte ja die Hörer wieder zurück in die Betten treiben.

Mit der Hereinnahme eines Titels in die Playlist erhöht sich zwangsläufig der Titelstock. Der umfasst zwischen 50 und 500 Nummern, die einsetzbar sind. Speziell in Berlin ist man der Meinung, 50 spielbare Titel oder weniger würden für die Hörer genügen. Hier hat man den alten Wilhelm Busch richtig verstanden, der schon anno Piefedeckel feststellte, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und immer wieder die gleichen Dinge haben möchte. Das Fernsehen mit den vielen Wiederholungen unterstützt diese These ja auch. Ist der Titelstock irgendwann einmal zu hoch, wird wieder Research betrieben, welche Stücke aus dem Stock müssen.

Jetzt stellt sich bei dem neu hinzukommenden und "geresearchten" Titel noch die Frage, ob er stark genug ist für A- oder B-Rotation. "A" heißt vielfach am Tag, "B" höchstens dreimal. Wobei es hier noch eine Tücke im System gibt. Habe ich z. B. eine Platte von der "bedeutenden" Sängerin XYZ im Titelstock, kann ich eine andere Platte von XYZ erst spielen, wenn vier Stunden vorüber sind. Der Computer sperrt nämlich weitere Titel des Interpreten für diese Zeit. Das mag ja bei XYZ nicht ganz so schlimm sein - aber was ist z. B. mit den Beatles? Da sperrt er mir nicht nur die Gruppe, sondern auch die Soloerfolge von John, Paul, George und Ringo. Dafür kann dann aber nach vier Stunden wieder XYZ laufen.

Wenn das alles so einfach wäre mit dem Research, dürfte es bei den Umfragen der MA, der Medien-Analyse, eigentlich nur Gewinner geben. Was ist mit den Sendern, die trotz Research Hörer verloren haben? Der Programmdirektor, der verloren hat, kann die Verantwortung dafür von sich weisen. Und genau das ist der Grund für die Research-Manie:  Die eigene Unsicherheit und Unfähigkeit wird damit von sich auf andere geschoben. Nicht der Programmchef oder der Computer haben versagt - die Hörer haben versagt. Sie haben das, was ihnen computergestützt und Umfrage-untermauert vorgesetzt wurde, einfach ignoriert! 

Die Computer, die die Sendungen für Menschen machen und so niedliche Namen wie z. B. "Radiomax" haben, erstellen - Zitat "ein perfektes, professionelles Musikprogramm, das gemäß der Vorgaben des jeweiligen Senders den gewünschten Musikteppich" - Zitat Ende - liefert.

"Musikteppich" - welch ein Wort. In allen Städten dieser Republik gibt es Häuser, die rund um das Jahr reduzierte Ware anbieten: Teppichhändler. Billigware auf immer und ewig - ein endloser Räumungsverkauf. "Musikteppich" reiht sich nahtlos ein in "Fahrstuhlmusik", "Berieselungsanlage", "Hintergrundgeräusch", "Muzak".

"Muzak" ist der amerikanische Begriff für Musik, die man zwar hört, aber nicht wahrnimmt, die einen nicht stört. Muzak läuft in den Warenhäusern und Supermärkten - wird sie unterbrochen, um den Käufer über die neuesten Sonderangebote in der Fleischwarenabteilung zu informieren, ärgert sich darüber niemand. Die Musik wurde ja sowieso nicht wahrgenommen. Und da wollen sie ja eigentlich auch alle hin - unsere Sender. Es geht ihnen ja nicht um die Musik, die da läuft, sondern um die Werbung zwischen der Musik. Schön wäre es, der Hörer würde sie nicht wahrnehmen. Sie bräuchte kein Profil, keine Ecken, keine Kanten. Morgens nicht zu seicht, abends nicht zu hart - und mittendrin für die Hausfrau, die Autofahrer, die Schulkinder, die Studenten und weiß Gott noch für wen, der nichts wahrnehmen soll - außer bei der Durchsage von der Fleischtheke, sprich Werbung.

Wieso der Computer oder das Programm XY das nun weiß, was wen nicht stört, ist getestet. Die Testpersonen neigen in vielen Fällen aber dazu, Interpreten und Titel, die sie kennen, besser zu bewerten als unbekannte Stücke. Das hat in allen Rundfunkanstalten Deutschlands, ob öffentlich-rechtlich oder privat, dazu geführt, dass sich inzwischen ein Berg an Musikstücken angesammelt hat, die jeder kennt. Die sorgen dafür, dass alle Programme gleich klingen. Fuhr man früher von Basel nach Köln, konnte man an der gespielten Musik im Autoradio schon erkennen, auf welcher Höhe man gerade fuhr - aha, das muss HR3 sein, also kommt gleich das Wiesbadener Kreuz.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über diese Musiktester gemacht? Was sind das für Menschen, die sich freiwillig 30 oder mehr "Hooks" anhören? Ein Hook ist ein Ausschnitt aus einer Platte, der den angeblichen Höhepunkt der Nummer darstellt. Klingt geil - "Höhepunkt der Nummer" - ist aber alles andere als prägnant für das gesamte Stück. Stellen Sie sich vor, Sie würden aus dem Bolero von Ravel nur den "Hook" hören - wie würden Sie das Stück bewerten? Was sind das für Überhörer, die dann eine Wertung über das Stück abgeben? Aber unsere Programmmacher glauben an die Aussagen dieser Sekundenkleber am Hook.

Die Amerikaner sind uns mit den 'Hooks' schon wieder einen Schritt voraus. Da werden den DJ's nicht nur die vollständigen Stücke, sondern auch die dazugehörenden Hooks geliefert. Offensichtlich hat die Plattenindustrie berechtigte Angst, die DJs sind zu blöde, den Höhepunkt der Nummer zu erkennen.

Wieso kamen die Sender eigentlich auf die Idee, Computer für ihre Programmgestaltung einzusetzen? Es gibt doch genug Menschen, die ohne weiteres wunderschön anzuhörende Programme erstellen können. Zitat: "Ihre Radiostation soll nicht das Spielfeld der Moderatoren sein, die die Musikbestückung Ihres Senders für den eigenen Musikgeschmack nutzen". So heißt es in einem Werbeprospekt für ein Computerprogramm, der Musikfahrpläne erstellt. Stimmt: Wir haben 1970 in den Anfangstagen von SWF3 unseren eigenen Musikgeschmack gehabt und ihn auch vertreten, und zwar mit großem Erfolg - aber welcher Moderator kann denn das heute noch? Viele sind froh, dass sie die Stationskennung und die Uhrzeit fehlerfrei über die Lippen bringen - bei anderen wäre man froh, sie würden sich darauf beschränken.

Aber: If you pay peanuts, you get monkeys.

Viele DJs sind so wild darauf, sich zu versenden, dass sie noch Geld mitbringen würden, um einen Moderator darzustellen. Manchmal hat man bei den Chefs der Sender den Eindruck, dass es nicht darauf ankommt, wie viel etwas kostet, sondern wie viel man dabei spart.

PopStop lebt von den Geschichten, die seine Moderatoren erlebt und nicht irgendwo gelesen haben. PopStop ist ein Musik/Erzählradio, bringt Bezüge zu den jeweiligen Jahren, in denen die Platten erschienen sind, setzt alles in einen Kontext.

Ein Radiosender, der lediglich Musik abspielt und Zeit, Station und Verkehr verkündet, kann locker durch Spotify ersetzt werden. Hier kann ich dann den ganzen Tag wirklich nur die Musik hören, die ich selbst zusammengestellt habe – ohne Sprüche, Stationsansagen und Verkehrsdurchsagen, die mich doch nur interessieren, wenn ich mir dem Auto unterwegs bin. Andererseits gibt mir Spotify  aber auch keine Impulse für neue Musiken, neue Künstler, aktuelle Platten und die Erinnerungen an bestimmte Musikströmungen und -ereignisse wie Mersey-Beat, Flower Power, Woodstock, NDW usw.

Das genau macht PopStop – der Moderator ist ein Zeitzeuge!

Reinhören und einspeichern: http://www.popstop.eu

Pop-Stop sucht Unterstützer. Mehr dazu auf unserer Webseite unter "Gesuche"

21. November 2016

Frank Laufenberg

Frank Laufenberg ist eine Legende unter den deutschen Radiomoderatoren. SWF3, Pop-Shop, wird immer mit seinem Namen verbunden sein. Sein neues Projekt "Pop-Stop" knüpft an die besten Traditionen eines Musikradios an.