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Prof. Dr. med. Wulf Schiefenhövel, Max-Planck-Institut

Vertrauen – Realität oder Illusion?

Wie schon zuvor erwähnt, dreht sich eine aktuelle Debatte in der Evolutionsbiologie um die Frage, ob die vorherrschende Grundlage von Kommunikation Vertrauen und Selbstlosigkeit ist oder eher Misstrauen und Egoismus bzw. Genegoismus. Unzweifelbar sind Primaten und tatsächlich auch andere Tiere in "niedrigerer" stammesgeschichtlicher Position in der Lage, ihre Interaktionspartner zu täuschen und nicht nur ausnahmsweise auf diese Sozialstrategie zurückzugreifen. Auf der anderen Seite ist mehr und mehr nachweisbar, dass wenigstens wir Menschen mit einem beträchtlichen Umfang an authentischem Vertrauen ausgestattet sind. Das einfache "Retourkutschen"-Paradigma (Axelrod 1984) funktioniert in den Situationen des realen Lebens jedenfalls nicht. Partner müssen einen gewissen Umfang an Vertrauen füreinander aufbringen, um sozial und wirtschaftlich sinnvolle Interaktionen aufrechtzuerhalten, die voraussichtlich allen Beteiligten nutzen werden. Es reicht nicht aus, der anderen Person einen Vertrauensvorschuss zu gewähren und dadurch sozusagen selbst einen Vertrauensnachteil hinzunehmen, damit das "Spiel" überhaupt beginnt. Im Wege mittel- und langfristiger Interaktionen wird es viele Situationen geben, in denen eine(r) der beiden diesen Vertrauensvorschuss für seine(n)/ihre(n) Partner(in) erneuern muss, selbst wenn diese Person die strengen Regeln der Gegenseitigkeit nicht eingehalten hat.

R. Frank hat (1988) überzeugend dargelegt, dass Menschen mit "wahren" Gefühlen ausgestattet sind und mit dem Ausdrucksmittel Gesichtsausdruck, der persönliche Züge dem Sozialumfeld mitteilt, weil es für den einzelnen vorteilhaft ist, von möglichen Interaktionspartnern innerhalb und außerhalb der Gruppe als jemand angesehen zu werden, der vertrauenswürdig ist. Dies, weil er oder sie jemanden vertritt, von dem man profitieren könnte, da er oder sie grundsätzlich nicht betrügen würde.

Die Tatsache, dass wir quasi unfreiwillig mit "untrüglichen" Instrumenten wie kaum kontrollierbarem Erröten oder Erblassen ausgestattet sind, zuzüglich mannigfacher Gesichtssignale, die der neuroanatomische Apparat sendet, indem das emotionale Hirnzentrum und das Sprachzentrum mit spezieller Muskulatur des Gesichts als das am eisten "sprechende" Körperteil verbunden werden (Schiefenhövel 1992), sind starke Indikatoren dafür, dass Franks Sicht näher an der biopsychologischen Wahrheit liegt als die Annahme, dass Kommunikation vornehmlich betrügt. Der Gesichtsausdruck wird durch die kurzen Zügel kontrolliert, die dem Limbischen System und anderer involvierter Gehirnzentren, kurz: unserer Biologie entspringen. Daher scheint Vertrauen eine Eigenschaft zu sein, die in Menschen und wahrscheinlich auch in andere Tiere eingebracht und unverzichtbar für normales Sozialverhalten ist.

Vertrauen versus Zuversicht

Der nachfolgende Abschnitt basiert auf einer ersten Sondierung der Begrifflichkeiten für Vertrauen in romanischen und germanischen Sprachen. Im Lichte der Ursprünge der entsprechenden Wortverwandtschaften und des historischen und dadurch evolutionären Prozesses, den sie durchliefen, nutze ich eine Themenannäherung entsprechend jener der Kulturellen Anthropologie und stimme G. Galabresi (1991, X) zu, der fragt, "ob nicht eine vollkommenere, gehaltreichere Erklärung zustande käme, wenn wir völkerkundliche Einsichten in die Analyse (rechtlicher Regelungen; Hinzufügung durch den Autoren) eizubringen hätten". W. Fikentscher hat diese Fragen der interkulturellen Aspekte von Gesetzen, oder Ethno-Jurisprudenz, wie man es auch nennen könnte, (1988) angesprochen und R. Masters hat englische und deutsche Begriffe und Konzepte von Vertrauen und ihre Relevanz für Konzepte (1991) miteinander verglichen. Aus dem Vergleich der vielen unterschiedlichen Rechtssysteme, die die Kulturen der Welt ersonnen haben, gibt es zweifelsohne viel zu lernen.

In den germanischen Sprachen kann der Begriff "Vertrauen" zurückverfolgt werden (Duden Etymologie 1963, The Shorter Oxford English Dictionary 1986) bis hin zur indogermanischen Wurzel "deru", was nach wie vor in den englischen Worten "tree" (Baum) und "tar" (Teer, Baumharz) steckt, ebenso wie im russischen "derevo" (Baum). "Deru" scheint ursprünglich die Vokabel für "Eiche" gewesen zu sein, wobei diese erst später zu "Baum" verallgemeinert wurde.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die stabile, langsam wachsende und hart-hölzerne Eiche als Inbegriff der Stabilität wahrgenommen wurde. Diese semantische Abgrenzung war auch im gotischen "(gi-) triuwi" zugegen, das mit dem englischen "true", dem deutschen "treu" und dem schwedischen "trygg" verwandt ist. Es scheint sogar im nicht indogermanischen Litauisch als "drutas" (stark, solide, dick) durch. In den nordischen Sprachen wurde die Wurzel "tro" zum Ursprung der Wörter, die Ergebenheit und Glaube assoziieren und das gotische "trausti" (siehe alt-isländisch "traustr" für stark, solide) war der Ursprung für das deutsche "Trost" (heute auch mit "Trostpreis" assoziiert), das englische "trust" und auch das deutsche "Vertrauen".

Diese etymologischen Kreuzverbindungen innerhalb einer überraschend reichhaltigen Wortfamilie suggeriert, dass "trust" für ethnische Gruppen deutschen Ursprungs oder linguistisch-philosophischer Tradition eine emotionale und kognitiv belastete, inhärente Qualität darstellt, namentlich die eines starken, soliden Baums, der fest weiterbestünde, zuversichtlich an einem bestehenden Ort über sehr lange Zeiten, zugleich in die Vergangenheit und in die Zukunft reichend. Einer Eiche würde man so vertrauen. Sie wäre zu beträchtlicher Stärke herangewachsen und führte ihr Wachstum zu noch größerer Stärke fort. Man könnte sich vorstellen, auszuruhen, sich gegen sie zu lehnen, ihren massiven Stamm zu fühlen und die große Krone dabei zu beobachten, wie sie gegen die Kräfte der Natur ankämpft, gegen die sie kaum Niederlagen ertragen muss. Wichtige Teile ozeanüberquerender Schiffe von Menschen am Atlantik mussten aus Eiche sein. Dies versprach Stabilität und Sicherheit.

In meinen Augen muss dieses Konzept von "trust" das rechtliche Denken germanischer und nordischer Menschen beeinflusst haben. Es ist wahrscheinlich, dass in der "Ader" der durch Normen, Regeln und Gesetze regulierten Verbundenheit zwischen Personen diese inhärente Qualität, die unveränderliche Natur und Stärke des Eichenbaums, gesehen wurde und erwünscht war.

Ziemlich anders jedoch ist die romanische Tradition, die auf griechischen Wegbereitern basieren dürfte. Die griechischen Begriffe "pitho", "peitho", "pheitho" sind verwandt mit dem gotischen "bidjan" und dem deutschen "bitten" und gaben mit einer leichten semantischen Verschiebung auch das lateinische "fido" und "fiducia" wieder, was überwiegend mit "trust" assoziiert zu werden scheint (Benseler 1886, Stowasser 1958 und die zuvor erwähnten Arbeiten). Aber im Gegensatz zum germanischen Konzept basierte dasjenige der mediterranen Tradition nicht auf einer a priori-Qualität, jener des sich anscheinend nie verändernden Baums, sondern auf einem Prozess.

Das griechische "peitho" und damit verwandte Begriffe sind gleichbedeutend mit "Überzeugung", "argumentieren" oder "Wechselversuch" durch bitten und Einwirken auf das Gemüt des Gegensprechers. Zutrauen und Selbstvertrauen repräsentieren daher die Folge einer sozialen, intellektuellen Interaktion zwischen zwei Personen oder Gruppen, das Resultat einer Verhandlung, eines dialektischen Prozesses. Es ist ziemlich klar, dass ein in einem Prozess dieser Art erzieltes Ergebnis Spielraum, Flux und Wechsel ausgesetzt ist. Es enthält nicht die Eichenbaum-Qualität, lässt dafür aber Anpassungen, Neuverhandlungen und Neudefinitionen zu, sowie Bedarf dafür aufkommt.

Da mir die notwendigen Kenntnisse auf dem Gebiet von Gesetz und interkultureller Ethno-Jurisprudenz fehlen, überlasse ich es dem Urteil meiner Anwaltskollegen, zu entscheiden, ob dieses volks- und sprachwissenschaftliche Vorgehen eine Realität auf dem Gebiet des Gesetzvergleichs wiedergibt und ob die Unterschiede in Wortbegriffen und Semantik zwischen germanischen und romanischen Traditionen mehr sind als bloß zufällige Ereignisse.

14. November 2016

 

Prof. Dr. med.
Wulf Schiefenhövel

Wulf Schiefenhövel st ein deutscher Mediziner,Anthropologe und Humanethologe. Er forscht seit langer Zeit am heutigen Max-Planck-Institut für Ornithologie, dem früheren Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie