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Vince Ebert

Schrammen sind sexy

Zu den großen Paradoxien unserer Zeit zählt das Phänomen, dass in mit wachsendem technologischem Fortschritt auch die Opposition gegen Technologie erstarkt ist. In Talkshows erklärt die Nuklearexpertin Charlotte Roche, warum Kernenergie zu gefährlich ist, Schauspieler warnen vor der Erderwärmung, Weihbischöfe wettern gegen Präimplantationsdiagnostik und Journalisten, die "Avogadro" für einen italienischen Schlagersänger halten, erklären, wieso uns Konservierungsmittel in Jogurts alle ins Verderben stürzen werden.

Einer Untersuchung der Zeitschrift Cicero zufolge befinden sich unter den 100 einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland gerade mal zwei Naturwissenschaftler. Die Diskussion über technologische Reizthemen wird in diesem Land hauptsächlich von Geisteswissenschaftlern und Theologen geführt. Doch warum glaubt man, ein katholischer Abt könne zur Stammzellenforschung Profunderes beitragen als ein Biochemiker? Etwa, weil sich Mönche durch Zellteilung vermehren?

Bedauerlicherweise ignorieren viele gebildete Menschen in diesem Land, dass es gerade die Technologie war, die uns ein angenehmes Leben ermöglicht hat. Der Kunstdünger, das Insulin oder die Erdölraffinerie haben unsere Lebensqualität immens verbessert. Ohne die Erfindung der Glühbirne müssten wir sogar heute noch bei Kerzenlicht fernsehen.

Doch inmitten von Manufactum-Möbeln, nach haltigen Fußcremes und handgerührten Bio- Marmeladen schwärmt man von der "guten alten Zeit" und träumt von einem ökologisch korrekten Leben. "Vorsicht, der Torben greift in die Steckdose!" "Ach macht nix, ist doch Ökostrom ..."

Dabei sind wir alle Nutznießer von Maßnahmen, die im letzten Jahrhundert von klugen Naturwissenschaftlern und findigen Ingenieuren entwickelt wurden: allzeit verfügbare Energie,Kühlschränke, sauberes Wasser, Impfungen, Antibiotika und schmerzstillende Mittel. Dadurch hat sich die Lebenserwartung in kürzester Zeit fast verdoppelt. Vor 100 Jahren gab es so wenig 70-Jährige, weil die meisten 70-Jährigen nicht über 40 wurden.
Kurz gesagt: In den vergangenen Jahrzehnten hat Wissenschaft und Technologie fast alle Schlachten gewonnen, aber den Krieg trotzdem verloren. Militante Umweltaktivisten, die Genmaisfelder verwüsten, werden bei vielen als Helden gefeiert, aber Arzneimittelforscher, die für ein viel versprechendes Parkinson-Medikament Tierversuche unternehmen, werden mit Geringschätzung bestraft. Kein Wunder, dass der Chemieriese BASF vor einiger Zeit beschloss, die Forschung der grünen Gentechnik komplett aus Deutschland abzuziehen.

Wie konnte es nur dazu kommen, dass wir Deutschen so angstbesetzt wurden, was den technologischen Fortschritt angeht? Inzwischen fürchten wir uns vor fast allem, was nicht gerade mit Windrädern und Solarenergie zu tun hat: Vor Fracking, vor Elektrosmog, vor Glyphosat. So eine Stimmung vor 500.000 Jahren, und die Sache mit dem Feuer wäre nie genehmigt worden.

Und es stimmt: Wir Deutschen sind immer noch ziemlich stark im Optimieren von bewährten Produkten. Wir sind Weltmarktführer in Betonpumpen, in Hundeleinen oder Zahnarztstühlen. Aber wenn es tatsächlich um umwälzende Innovationen und Megatrends wie zum Beispiel der Gentechnologie oder der Digitalisierung geht, hinken wir der internationalen Konkurrenz meilenweit hinterher.

Stattdessen träumen wir lieber von Reduzierung und Verzicht. Eine Philosophie, die in keinster Weise Probleme löst, sondern im Grunde davon ausgeht, dass uns Menschen nichts Gescheites mehr einfällt. Aber das ist Quatsch. Wissen Sie was vor 150 Jahren von den führenden Fachleuten als das größte Umweltproblem der Zukunft gesehen wurde? Der Pferdemist in den Großstädten.

Halten Sie mich für verrückt, aber Pferdemist ist derzeit nicht unser größtes Problem.
Die Ressourcen, die wir heute bewahren wollen, werden wahrscheinlich in der Zukunft vollkommen irrelevant sein. Die Steinzeit ist nicht zu Ende gegangen, weil es plötzlich keine Steine mehr gab.

Natürlich sind unsere Erdölvorräte endlich. Aber die menschliche Phantasie ist unerschöpflich. Nehmen Sie John F. Kennedy. Der trat 1961 vor sein Volk und sagte: "Innerhalb dieser Dekade fliegen wir auf den Mond." Das war damals totale Science Fiction. Aber nur acht Jahre später haben die das gemacht! Praktisch ohne Computertechnologie. Die hatten einfach nur das Ziel, den unbedingten Willen und den nötigen Pioniergeist.

Und heute sitzen in Deutschland bei jedem Mini-Projekt 20 Controller, 30 Juristen und 10 Nachhaltigkeitsexperten, die jedes kleinste mögliche Risiko überprüfen. Und eine Gleichstellungsbeauftragte sorgt dafür, dass das alles politisch korrekt zugeht. Und so fliegst Du eben nicht auf den Mond. So fliegst Du nicht mal von Berlin irgendwohin.
Eine Gesellschaft, die versucht, den Lauf der Welt anzuhalten, ist nicht zukunftsfähig. Denn die Zukunft findet statt. Und wenn wir sie nicht mitgestalten, überrollt sie uns.
"Innerhalb dieser Dekade fliegen wir auf den Mond."

Und natürlich können wir auf die Fresse fliegen. Na und? Schrammen sind sexy. Angstschweiß nie.

31. Oktober 2016

 
   


Vince Ebert

Vince Ebert ist Physiker und Kabarettist.