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Peter Schmidt, Präsident des DAV

Paranoia – Versuch einer Erklärung

Lesen wir zunächst einmal im altehrwürdigen Meyer'schen Lexikon die Definition des Krankheitsbildes:

"Paranoia, eine Geisteskrankheit, bei der auf falschen Voraussetzungen logisch richtige Gedankensysteme aufgebaut werden. Wie das Denken bleibt auch das ihm folgende  Handeln völlig geordnet.  Im Gegensatz zu den Wahnvorstellungen bei Schizophrenie erfolgt bei der Paranoia keine Beeinträchtigung der Intelligenz.  Vom einfachen Irrtum des  Geistesgesunden unterscheidet sich die Paranoia dadurch, dass sie Vernunftgründen kaum zugänglich ist. Aus dem fast immer zugrunde liegenden Größenwahn entwickeln sich nicht selten Tobsuchtsanfälle und Gewalttätigkeiten."

Es wäre allzu billiges Kabarett, an dieser Stelle schon auf die Zielgerade einzubiegen und die auf der Hand liegende Pointe loszulassen. Lassen wir uns einen Augenblick Zeit und schauen noch ein wenig in den geschichtlichen Rückspiegel.

"Auf falschen Voraussetzungen" aufbauend und "keinen Vernunftgründen mehr zugänglich": in der nicht allzu weit zurückliegenden Geschichte fällt uns sofort einiges ein. Stalins Holodomor, die Zwangskollektivierung, bei der zwischen 3,5 Millionen und 7,5 Millionen Menschen einen qualvollen Hungertod starben. Auch Stalins Gewissheit, Sibirien zu einem Anbaugebiet für Südfrüchte machen zu können, gehört in diese Reihe. Mao Tse-Tungs Bau von hunderttausend kleinen Stahlwerken in jedem Dorf größer als 500 Einwohner. Damit gelang es ihm sogar, den verhassten Stalin zu übertrumpfen, geschätzte 15 bis 45 Millionen elendig Verhungerte gehen auf sein Konto – kleine Nebenschäden für große Staatsparanoiker.

Je größer die Wahnbilder – eine der Wortbedeutungen von Vision – desto sicherer kann man davon ausgehen, dass ein Krankheitsbild vorliegt. Helmut Schmidts leider oft belächeltes Bonmot "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen" macht in diesem Kontext plötzlich sehr viel Sinn.

Kleinmütige lassen sich vom Zwang der Logik, mathematischen Rechenformeln oder naturwissenschaftlichen Gesetzen beirren. Den Paranoiker hingegen in seinem unbeirrbaren Glauben an die Größe seiner eigenen Wahnvorstellungen ficht all dies nicht an. "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt".  Ein Zurückweichen gibt es nicht – durchhalten bis zum endgültigen Scheitern ist die einzige Option.

Was immer "Wir schaffen das" auf chinesisch oder russisch heißen mag: Es war nie als symbolisches, von Hoffnung getragenes Victoryzeichen gemeint. Es war immer nur eine Durchhalteparole.

1917 kamen in Russland die internationalen Sozialisten an die Macht, keine zwanzig Jahre später in Deutschland die nationalen Sozialisten. Nächstes Jahr können wir dann Jubiläum feiern und Bilanz ziehen, was uns die Herrschaft dieser paranoiden Ideologien an Opfern abverlangt hat.

Dabei sollten wir aber nie vergessen, dass die internationalen Sozialisten in den unterschiedlichsten Kostümen camoufliert unbeirrt dort weitermachen, wo sie seit jeher kläglich gescheitert sind.  Und immer kläglich scheitern werden. Für den vom Wahn Besessenen ist stets der behandelnde Arzt der störende Faktor.

Der unbedingte Glaube an die totalitäre Staatsmacht, die Verachtung des freien Marktes und die Anbetung der Planwirtschaft gehören zu diesen nicht ausrottbaren Wahnideen. Der Paranoiker weiss immer um "das Gute". Eine Therapie ist schwierig bis aussichtslos, da die Patienten rechthaberisch sind und darauf beharren, dass die Schuld der Probleme allein bei anderen liege. So beschreibt es die einschlägige Literatur.

Der Focus hat am 30.8. den Satz der Bundeskanzlerin zur Flüchtlingsbewegung "Auch wir Deutschen haben das Problem zu lange ignoriert" als "deutliche Selbstkritik" vermeldet.

Was den Schreiber trieb, es so zu formulieren? Devot-pathetische Überschwänglichkeit? Wäre übrigens auch ein Krankheitsbild, von Hippokrates beschrieben, würde aber den Rahmen dieser kleinen Erklärungssuche sprengen.

Energiewende, Klimakatastrophe, Griechenlandrettung, Bananen und Orangen in Sibirien. Grenzen sind nicht zu sichern, Obergrenzen für Zuwanderung garnicht erst zu setzen. Strom aus Windenergie kostet eine Kugel Eis und die Burka ist ein freiwillig gewähltes Modeaccessoire.

Der Begriff Paranoia übrigens kommt aus dem Griechischen, eine Wortzusammensetzung mit der Bedeutung "wider den Verstand".

Wie hat Franz Müntefering so erfrischend bodenständig formuliert? "Da muss man gar nicht Mathematiker sein, da reicht halt Volksschule Sauerland um zu wissen: kann nicht hinhauen".

05. September 2016

 
   

Peter Schmidt

Peter Schmidt ist Präsident des Deutscher Arbeitgeber Verband e.V.