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Buchbesprechung

Parviz Amoghli "Schaum der Zeit"

…Ganz anders die Berliner Republik. In ihr erlebt der Bewegungs- und Gesinnungsstaat eine Renaissance. Postdemokratisch in ihrem Selbstverständnis, entwickelt sie sich seit einigen Jahren zu einer Herrschaft, die der, die Jünger im Waldgang erahnt und befürchtet, immer ähnlicher wird. 

Allerdings wird Mitte der 2010er Jahren der Leviathan nicht mehr durch eine einzelne Macht in Gestalt einer allmächtigen Partei oder eines ebensolchen Staatsgebildes repräsentiert. Er ist weniger ein straff geführter, monolithischer Block als vielmehr ein loses Gewölk ohne Machtzentrum, in dem Fraktionen zusammenfinden, die auf den ersten Blick nur wenig bis gar nichts miteinander verbindet, außer vielleicht eine tiefe gegenseitige Ablehnung.

Das Spektrum reicht vom militanten Anti-Kapitalisten bis zum Finanzmarktakteur, vom Gewerkschafter bis zum Arbeitgeber, vom rotweintrinkenden Professor bis zur prekären Erzieherinnenexistenz, vom öffentlich-rechtlichen Journalisten bis zum Lokalredakteur, vom Bundespräsidialamt bis zum selbsternannten Staatsfeind, vom Bischof über den Künstler bis hin zur polyamor lebenden Regenbogencommunity. Es gehören jene völkisch Gesonnenen dazu, denen es ganz grundsätzlich um die Befreiung der Menschheit von ihrem schlimmsten Übel geht: dem weißen Mann. Als Wiedergutmachung für aktuelles und jahrhundertelanges Unrecht, mit dem er seit den Kreuzzügen die nicht-weißen Völker überzog, soll er endgültig ausscheiden, aus dem Zeitenlauf. Sein Nieder-, besser noch: Untergang ist Voraussetzung für eine gerechtere, bessere Welt. Weshalb hinter einer derartig eliminatorischen Idee auch kein Rassismus steckt, sondern zivilisatorische Notwendigkeit. Hashtag: #killallwhitemen!

Außerdem sind da noch die, die von dem romantischen Glauben an die völlige Gleichheit aller Menschen weltweit erfüllt sind. Sie sind die Apologeten der Maschine Mensch im scheinbar humanistischen Gewand. Ihr Idealbild scheint die, wenn möglich, global genormte Einheitskreatur zu sein, die unterschiedslos, dafür aber mit fluider Identität im bunten Einheitsbrei einer dann hoffentlich gerechten, toleranten und geeinten Welt aufgeht. Darin begegnen sich Einzelne, Gruppen und Völker mit Anstand und Respekt. Was sie allerdings nicht von der Respektlosigkeit zurückhält, die Religionen, Kulturen und Sozialisationen der unkontrolliert hereinströmenden Migranten zu an sich bedeutungslosen Nebensächlichkeiten herabzuwürdigen, die durch schlichte Hinweistafeln überwunden werden können. Alle Menschen sind gleich, also reichen auch kleine Comicstrips aus, um sie von Machogehabe und sexuellen Übergriffen abzuhalten.

Mit den Romantikern verwandt sind jene Mitglieder innerhalb des Gewölks, die sich auf die ökonomische Sichtweise verlegt haben, nur dass sie auf die soziale Bemäntelung ihrer Nivellierungsbestrebungen verzichten. Völlig ungeschminkt regiert hier die Vorstellung vom Menschen als weltweit identisch konstruierte Funktionseinheit, die zeitgleich als Ressource, Produzent und Konsument auftritt und deren Lebenssinn sich in der Erzeugung und dem Verbrauch bewusstlosen Wohlstands erschöpft. Sie sind damit innerhalb der leviathanischen Eliten die vielleicht größten Fürsprecher eines weiteren Ausbaus einer entgrenzten Maschinenwelt. Sicherlich aber sind sie deren größte Nutznießer. Während die anderen Gruppierungen auf die Befriedigung diffuser Rache- oder Gleichheitsfantasien abzielen, haben die Ökonomen ein handfestes, monetäres Interesse. Sie schlagen aus der Auflösung Kapital.

Angesichts eines solchen ideologischen Wirrwarrs können Konflikte innerhalb des Gewölks natürlich nicht ausbleiben. Und tatsächlich geraten gelegentlich die verschiedenen Partikularinteressen aneinander. So rotten sich beispielsweise von Zeit zu Zeit die schwarz uniformierten Tugendwächter des aktiven Nihilismus gegen die nachtblau gewandeten Finanziers desselben zusammen, oder die Funktionäre des Regenbogens machen gegen die der christlichen Heilsverwaltung mobil.

Jedoch handelt es sich dabei um nicht mehr als um Revierstreitigkeiten, um wolkenimmanente Bruchlinienkonflikte, denen keine tiefere Bedeutung als die eines vorübergehenden Schauspiels zukommt, das bei den Krawallfestspielen rund um den 1. Mai in Berlin und Hamburg seinen alljährlichen Höhepunkt erlebt. In dem Augenblick, in dem das höhere, gemeinsame Ziel, nämlich die Auflösung jedweder Identität, dies verlangt, sind alle Gegensätze vergessen. Dann stehen die Fraktionen des Gewölks zusammen, so unterschiedlich deren Motive auch sein mögen, ob rassistischer, egalitaristischer, ökonomischer oder romantischer Provenienz. Selbst gruppenspezifische Dogmen werden dafür relativiert, untergeordnet oder gleich ganz über Bord geworfen. So sind Atheisten die verlässlichsten Wegbereiter eines fremden Glaubens, diskutieren Homosexuelle, wie sie es vermeiden können, die Gefühle gläubiger Menschen durch ihr Auftreten zu verletzen, und jene, die es auf die Dekonstruktion des traditionellen Familienbildes angelegt haben, feiern die traditionelle orientalische Großfamilie als Bereicherung. Und als wäre dies nicht genug, argumentieren weite Teile des Gewölks mit dem Verweis auf christliche Nächstenliebe. Was angesichts des suizidalen Selbsthasses der leviathanischen Eliten, durchaus als Drohung verstanden werden kann. Jedenfalls solange Nächstenliebe immer noch meint: liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Will man das wirklich den Zuströmenden zumuten? Doch derlei Ungereimtheiten kümmern nicht. Wenn es ums Ganze geht, kennt die Berliner Republik keine Parteien mehr, sondern nur noch den wolkigen Konsens.

Das empfehlenswerte Werk ist erhältlich z.B. bei amazon: "Schaum der Zeit"

18. Juli 2016