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Nicolaus Fest,
ehemals stellvertr. Chefredakteur BILD

Trauerspiel:
Mainzer Unternehmen und ziviles Versagen

Unabhängigkeitserklärung, Verfassung, aber auch der Kampf gegen die Sklaverei, zählen zu den großen staatspolitischen Leistungen der USA. Die vielleicht größte ist eine andere: Dass sie es geschafft haben, diese Werte dauerhaft zu verankern. Jeder Amerikaner, egal welcher Hautfarbe oder Herkunft, steht, trotz aller Konflikte und Probleme, fest zu Freiheit und Demokratie. Und jeder weiß auch um deren Gefährdung und darum, wie wichtig ihr Schutz ist. Freiheit ist nicht selbstverständlich, Freiheit muss verteidigt werden. Freiheit kostet. Das ist jedem klar, ob Akademiker, Taxifahrer, Kellnerin. "Freedom does not come for free", heißt dort ein Sprichwort, und nicht ohne Grund wird es oft zitiert.

Diese Einstellung prägt auch das Verhältnis zu den Sicherheitsbehörden. Niemand käme in den USA auf den Gedanken, Soldaten als Mörder zu bezeichnen oder die Polizei generell in Frage zu stellen – trotz Vietnam, trotz Abu Ghraib, trotz aller üblen Übergriffe einzelner Polizisten. Stattdessen herrschen, bei aller berechtigten Kritik, überwiegend Respekt und Dankbarkeit. Denn alle Amerikaner wissen, dass die Grundlage jeder Freiheit Sicherheit ist, und dass diese Sicherheit vor der eigenen Haustür beginnt.

Ganz anders ist es in Deutschland, wie dieser Newsletter zeigt. Der hier veröffentlichte Bericht von Michael Post und Heiner Thiel ist kein bloßes Gespräch über Kunst, sondern ein Blick auf das staatsbürgerliche Versagen dieses Landes. Für das Polizeipräsidium Mainz entwarfen die Künstler eine Installation, gedacht als Dank und Anerkennung für die tägliche Arbeit der Polizei. Eine schöne, eine noble Geste, gerade auch angesichts der gegenwärtigen Zustände, und in den USA hätten ohne jeden Zweifel viele für dieses Bekenntnis gestiftet. Doch alle um Unterstützung gebetenen Unternehmen der Landeshauptstadt lehnten ab, ebenso der Bundesligaverein FS Mainz 05. Zwar sind dessen Fußballspiele nur unter dem Schutz großer Polizeistaffeln möglich, zwar gibt es für Trainer, Sportdirektor und Fußballspieler höchste Gehälter; aber für die Würdigung der Polizeiarbeit möchte der Verein nicht einmal eine kleine Summe bereitstellen. Noch trostloser, nämlich gar nicht, reagierten die Karnevalsvereine, obwohl auch deren Aufzüge ohne die Sicherungsarbeit der Polizei undurchführbar wären. Dass die Freiheit, die jeden politischen Karneval überhaupt erst ermöglich, nicht umsonst zu haben ist, scheint den Vereinen nicht mehr bewusst – obwohl die jüngsten Absagen von Umzügen wegen islamischer Drohungen ein Weckruf gewesen sein müsste. Das eben macht den Unterschied: Die Amerikaner mögen DisneyWorld lieben, die heile Welt mit Donald, Mickey Mouse und Bambi, mit all ihren absurden und karnevalesken Figuren; doch glauben sie nicht einen Moment, dass dies die Realität wäre. In Deutschland genügt dagegen die Narretei sich selbst.

Vereine wie Unternehmen, sie alle dachten wohl wie der Leiter eines Mainzer Energieversorgers, der unverblümt zugab: "Was hätten wir denn von einer Imagewerbung für die Polizei? Stellen sie sich mal vor, ich müsste meinen Mitarbeitern sagen, wir würden für so was Geld ausgeben. Die würden doch sofort fragen, wieso sollen wir den Bullen das Präsidium schmücken?"

Möglicherweise. Und? Vielmehr hätte genau diese Befürchtung der Anlaß sein müssen, das Kunstvorhaben aktiv zu unterstützen und offensiv für die Selbstverständlichkeiten demokratischer Gemeinwesen zu werben. Statt dessen teilt der Mann, wie seine Wortwahl überdeutlich zeigt, die vermuteten Torheiten seiner Mitarbeiter, die vor allem seine eigenen sind. Wie auch die Chefs der anderen Unternehmen und Vereine nimmt er zwar alle Vorteile dieses Landes mit, seine Rechtssicherheit, Freiheiten, sozialen Standards; aber dafür eintreten will er nicht. Es ist dies im Kern immer noch der Typus, für den die Alliierten 1945 den Begriff des "Mitläufers" fanden. Ein Mensch ohne inneren Kompass, fern aller politischen Grundsätze, geprägt von zwei Wünschen: Nicht anzuecken, und dem des persönlichen Vorteils.

Dass der Name dieses Mannes im Interview ungenannt bleibt, hat vermutlich Rechtsgründe. Sofern es sich bei dem Energieversorger um ein städtisches Unternehmen handelt, hätten die Äußerungen allerdings noch eine weitere Pointe: So abfällig spricht ein Angestellter der Stadt über andere öffentlich Bedienstete, die Recht und Gesetz aufrechterhalten. In den USA würde man so jemanden fristlos feuern. Und völlig zu recht.

19. Oktober 2015