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Michael Post und Heiner Thiel, Künstler

"Polizei und Rechtsstaat
verdienen unseren Respekt"

Bericht zu einem interessanten Projekt und noch interessanteren Reaktionen darauf.

Seit bald dreizehn Jahren arbeiten wir projektbezogen zusammen. Zu unseren selbstbestimmten künstlerischen Aufgaben zählen neben ihren freien individuellen Ausdrucksformen, die der konkreten Kunst zugeordnet werden können, auch Auftragsarbeiten und Projekte für öffentliche Institutionen und Gebäude.

"Wall pieces und Projekte für den öffentlichen Raum" hieß eine unserer gemeinsamen Ausstellungen, die in der Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und der Europäischen Union im Jahre 2010 in Berlin gezeigt wurde. Die Ausstellung dokumentierte ihre Ausgestaltung des Wappensaales (2003) und des "salle d'amitié" (2005) für den rheinland-pfälzischen Landtag. "Alte Wappen im neuen Licht" nannten wir die Installationen, in denen authentische heraldische Symboliken in einer zeitgenössischer Ästhetik vermittelt werden. Ihre moderne Bildsprache verbindet das Gestern mit dem Heute und visualisiert die historischen Ikonografien aus vordemokratischen Zeiten im Kontext der heutigen Kreise und kreisfreien Städte des Landes in neuer demokratischer Anmutung – anzuschauen im Wappensaal des Landtags Rheinland-Pfalz/Deutschhaus.

Im Jahre 2005 hatten wir mit unserem Entwurf für das Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern einen weiteren kulturpolitischen Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen. Unsere Wandgestaltung "Politea" wurde im dortigen Foyer realisiert. Die Installation lässt in einer textlich gestalteten Abfolge der Kardinaltugenden Platons "buchstäblich" eine Büste des Philosophen in Erscheinung treten. Das Textbild "Politea" verweist auf die antiken philosophischen Wurzeln unserer Demokratie, in deren Exekutive die Polizei auch etymologisch im Zusammenhang Platons "Politea" steht. Diese Arbeit war für uns ein entscheidender Impuls, uns mehr mit der Wahrnehmung der Polizei in unserer Gesellschaft zu beschäftigen.

Und genau darum geht es im Folgenden:

Um die Schutzfunktion der Polizei für die Gesellschaft in einer zeitgemäßen Bild- und Zeichensprache positiver in Erscheinung treten zu lassen, als dies heute der Fall ist, bedarf es aus unserer Sicht einer besseren ästhetischen Vermittlung ihrer Funktion durch Kunst und Kultur.

Das vorherrschende Bild der Polizei ist am besten umrissen mit dem Begriff "Respektlosigkeit". Dieses Bild wird von den Medien immer wieder penetriert und scheint im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert und vorherrschend. Dies ist umso erstaunlicher und beängstigender, als die allgemeinen Lebensumstände der Menschen mehr denn je einen starken und funktionierenden Rechtsstaat benötigen.

Wer jedoch Berichterstattungen und Kommentare von Polizeieinsätzen im Fernsehen oder den den Printmedien verfolgt, dem kann nicht verborgen bleiben, wie hier mit subtilen Darstellungen oftmals versucht wird, unsere Wahrnehmung von Ursache und Wirkung gewalttätiger Auseinandersetzungen - zwischen Krawallmachern, aggressiven Tätern und der Polizei - in ein Licht zu rücken, das die genannten Vorurteile bestens bedient. Eine derart pointierte "Inszenierung von Wirklichkeit" in Wort und Bild ist ein ästhetisches Phänomen, dessen sich zwar Meinungsmacher unterschiedlichster Lager gerne bedienen - seitdem es die entsprechenden Kulturtechniken gibt - aber diese allgemeine Erkenntnis verringert unser gesellschaftliches Problem nicht, wenn das Erscheinungsbild der Polizei in der Öffentlichkeit derart beschädigt wird.

Generalverdächtigungen gegenüber polizeilichem Fehlverhalten und Verallgemeinerungen von "Übergriffigkeiten" seitens der eingesetzten Beamtinnen und Beamten sind an der Tagesordnung. Dies halten wir für eine fatale und ideologisch eingefärbte Fehleinschätzung der Wirklichkeit. Wir leben nicht mehr in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und die Polizei knüppelt nicht mehr drauf los, wie es damals durchaus denkbar war. Es mögen die verinnerlichten Bilder jener Zeit sein, welche immer noch in den Köpfen der ideologisierten Meinungsmacher herumspuken und auf heutige Verhältnisse ohne jegliche Selbstzweifel projiziert werden. Sie begünstigen die Vorstellung, die Polizei bedrohe vornehmlich die Persönlichkeitsrechte des Bürgers, anstatt diese zu schützen. Überkommene Ressentiments, die mit solchen Bildern einhergehen, sind nicht mehr zu rechtfertigen.

Gerade deshalb gilt unsere aufmerksame Wahrnehmung der Polizei, die in ihren täglichen Einsätzen immer bestrebt ist, eine Balance zwischen Besonnenheit und Nachdrücklichkeit herzustellen. Die Polizei schützt auf der Basis dieses Denkens und Handelns seit Jahrzehnten erfolgreich die Einhaltung der demokratischen Rechte und Pflichten in unserem Verfassungsstaat und erfüllt damit auch jene Bedingungen, aus denen heraus eine Kritik an ihr überhaupt erst möglich ist, so wie es der Art. 5 unseres Grundgesetzes vorsieht.

"Das Recht, das die Demokratie erst möglich macht, gibt sich diese selbst." (Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts)

Dass die Schutzfunktion der Polizei für unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie in den Schulen nicht vermittelt wird und dies auch in den meisten Elternhäusern kein Thema ist, dürfte allgemein bekannt sein. Eine unübersehbare Respektlosigkeit gegenüber Polizistinnen und Polizisten, die einfach nur ihren Dienst für unser Gemeinwesen ausüben, ist die Folge. Beleidigungen und Attacken sind an der Tagesordnung.

Im Jahre 2013 wurden wir von einem mit uns befreundeten Polizeioberkommissar der Polizeiinspektion Kirn, der unsere Arbeit "Politea" in Kaiserslautern gesehen hatte, und unsere "ästhetische Vermittlungsarbeit" schätzt, gefragt, ob wir bereit wären, für seine Dienststelle ein paar Fotos zur Verfügung zu stellen, um der Tristesse der Räumlichkeiten etwas "Schönes" entgegenzusetzen. Wer Polizeidienststellen kennt, weiß, wie berechtigt ein solcher Wunsch ist. Die Vorstellung mit Polizeibeamten gemeinsam ein Konzept und eine Thematik für eine Wandgestaltung ihres Flures zu entwickeln, um damit eine positive Wahrnehmung ihrer Arbeit nach innen und nach außen hin anzuregen, erschien uns so reizvoll wie neuartig. Wir entschlossen uns, daraus ein Pilotprojekt zu entwickeln.

Es entstand eine erste Kooperation zwischen der Polizei und uns. Gemeinsam erarbeiteten wir ein Konzept für eine Wandgestaltung.

Dass die öffentliche Hand kein Geld hat, um derartige Projekte zu finanzieren, muss als gegebene Tatsache akzeptiert werden. Ortsansässige Firmen unterstützten sofort: die Simona AG und die Firma Basalt AG in Kirn haben mit ihrer finanziellen Unterstützung die Realisierung ermöglicht. Die Bilder bleiben im Besitz der Kooperationspartner und werden als Dauerausstellung der Polizei zur Verfügung gestellt.

Wir wurden von dem damaligen Polizeipräsidenten von Mainz ermuntert, mit einer ähnlichen, allerdings viel größeren Installation den hallenartigen Flur im Präsidium der Landeshauptstadt zu bereichern.

Während sich die Finanzierung in Kirn als unproblematisch erwies, ergab sich jedoch bis zum heutigen Tage keine Kooperation mit den angesprochenen, großen Wirtschaftsunternehmen in der Landeshauptstadt. Ein ausführlicher Blick auf die fehlende Kooperationsbereitschaft lohnt jedoch. Und dieser Blick gehört jetzt zur Geschichte des Projektes.

Unsere Anschreiben - dies noch vorab - enthielten eine detaillierte Beschreibung und Entwürfe des Mainzer Projektes, sowie Beigaben etlicher Referenzen und reich bebilderte Kataloge unserer Arbeiten im öffentlichen Raum. Die meisten Absagen und deren Begründungen lassen wir unter den Tisch fallen – konzentrieren wir uns auf drei Beispiele. Zwei davon, die besondere Dankbarkeit für die Leistung der Polizisten haben sollten und ein Beispiel erwähnenswerter Ablehnungsbegründung.

Der Geschäftsführer Organisation/Verwaltung eines großen, ortsansässigen Fussballvereins. teilt uns mit, dass es zu keiner Unterstützung unserer "Maßnahme" kommen wird. Die renommierten Karnevalsvereine zeigten ebenfalls kein Interesse.

Zu den sonderbarsten Begegnungen gehört für uns ein Besuch bei einem Mainzer Energieversorger, wo der Leiter für uns, wie er sagte "den advocatus diaboli spielte": "Was hätten wir denn von einer Imagewerbung für die Polizei? Stellen sie sich mal vor, ich müsste meinen Mitarbeitern sagen, wir würden für so was Geld ausgeben. Die würden doch sofort fragen, wieso sollen wir den Bullen das Präsidium schmücken? "

Diese unverblümte Aussage beschreibt eine Stimmungslage die bedenklich stimmt, denn sie spiegelt ganz offensichtlich die Meinung eines nicht unwesentlichen Anteils unserer Gesellschaft wider. Dass gerade diese Erkenntnis dazu angelegt sein könnte, unsere Arbeit zu unterstützen, war aber kein Thema mehr.

In unserer Collage wird u.a. auch ein Polizeieinsatz großformatig thematisiert.

In einem Telefonat ließ uns hierzu der Geschäftsführer eines großen Fußballvereins vor Ort wissen, man sei derzeit nicht besonders gut auf die Polizei zu sprechen.

"Wir haben da große Probleme, da wir ja die Polizeieinsätze im Stadion demnächst bezahlen müssen." Auf unseren Einwand, dass es doch wohl dazu gar nicht kommen werde, antwortete er nur, dass er sich nur schwer vorstellen könne, dass der Vorstand unter solchen Voraussetzungen einem Sponsoring zustimmen werde.

Er könne sich allerhöchstens vorstellen, dass eventuell der Vorraum zur Polizeiwache damit "dekoriert" werden könne. Der Mann hatte offensichtlich nicht verstanden worum es uns eigentlich geht.

Unsere Arbeit kann man sich übrigens live anschauen: wir haben unser Projekt in einem Video-Loop visualisiert. Sowohl die Collage als auch ein fortlaufender Text geben Auskunft über unsere Konzeption, welche in dialogischer Zusammenarbeit mit Beamtinnen und Beamten, sowie der Leitung des Polizeipräsidiums Mainz in vielen anregenden Gesprächen entstanden ist. (s. https://www.youtube.com/watch?v=-a-DTcTwiM0)

Heiner Thiel und Michael Post sind bildende Künstler, die seit über dreißig Jahren ihre Werke in Galerien, Kunstvereinen, Museen und auf internationalen Kunstmessen in Europa und den USA zeigen. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Seit 2013 kuratieren sie die von ihnen initiierte internationale Ausstellungsreihe "embodying colour". (Katalog) (s. auch: www.facebook.com/embodying.colour)

Die beiden eingangs erwähnten Kataloge der beiden Künstler, Michael Post und Heiner Thiel können bestellt werden:

1.) Embodying colour 2.) Wall pieces und Projekte für den öffentlichen Raum

19. Oktober 2015