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Interview mit Klaus-Peter Willsch,
Abgeordneter des Deutschen Bundestages

"Wer neu dazukommt, muss sich anpassen – und nicht umgekehrt."

Peter Schmidt: Sie haben vor wenigen Tagen ein Buch veröffentlicht mit dem schönen Untertitel "Ein Blick hinter die Kulissen unserer Demokratie". Kann man ungestraft den Vorhang zu den verborgenen Räumen des Politikbetriebs öffnen?

Klaus-Peter Willsch: Bei allen Missständen, die ich in meinem Buch "Von Rettern und Rebellen" transparent mache, leben wir nicht in Weißrussland. Ich muss mich nicht um Leib, Leben und persönliche Freiheit sorgen. Als Nestbeschmutzer wird meistens der bezeichnet, der auf Missstände im Nest hinweist, nicht aber der, der sie verursacht hat. Hierzu wollte ich einen Denkanstoß geben. Das ist mir auch gelungen. Obwohl das Buch erst seit wenigen Wochen auf dem Markt ist, muss schon die dritte Auflage gedruckt werden. Ich habe offensichtlich einen Nerv getroffen. Strafen sind mir noch keine angedroht worden. Es wäre auch sinnlos.

Peter Schmidt: Die Menschen fragen sich angesichts politischer Entscheidungen und Weichenstellungen, die sich oft dem gesunden Menschenverstand verschließen: Warum? Wie konnte es dazu kommen. Die ständigen Rechtsbrüche im Falle Griechenland sind ebenso ein Beispiel wie die Unterstützung von Ideologien, die postulieren, das Geschlecht einer Person sei nur eine gesellschaftliche Übereinkunft. Kein normaler Mensch glaubt diesen Unsinn, dementsprechend auch kaum ein Politiker, zumindest keiner der CDU/CSU. Wie hoch ist der soziale Druck auf den Einzelnen, Zivilcourage zu verweigern und zu sagen "Das ist Rechtsbruch" oder "Das ist gefährlicher Unfug"?

Klaus-Peter Willsch: Das fängt leider schon in der KITA an, wo Kinder in vielen Fällen frühzeitig sexualisiert werden. Wer heute seine Jungs als Jungen und seine Mädchen als Mädels erzieht, macht sich in den Augen von linken Fantasten schon verdächtig. Da sind schon die Eltern in der Verantwortung gegenzusteuern. Das gleiche gilt für die Schule. Es gibt viele exzellente Lehrer, aber auch einige, die ihr verqueres Gesellschaftsbild vermitteln wollen. Leider leisten da auch viele Universitäten Vorschub. Dort werden Studiengänge angeboten, für die man früher noch ausgelacht worden wäre. Spinner hat's ja schon immer gegeben. Aber dass heute jeder, der aus der Reihe tanzt, eine eigene Bühne geboten bekommt und das oftmals noch mit staatlicher Unterstützung, ist keine gute Entwicklung. Wir sind nicht erst seit einigen Jahren auf Abwegen. Die Infiltration des Beamtenapparates mit 68ern wirkt schleichend. Die 68er sind gegen den Staat eingetreten und haben es sich dann in den Behörden und Ministerien bequem gemacht.

Peter Schmidt: Die Bundeskanzlerin hat gerade postuliert, dass Deutschland nur Angst vor Islamisierung haben muss, wenn das Christentum zu schwach ist, ums eine Werte durchzusetzen. Aber gerade die CDU hat sich von einem aktiven Bekenntnis zum Christentum und seinen Symbolen als Partei verabschiedet. Einzig einige Aufrechte wie Sie kämpfen noch für den Erhalt der christlichen Wurzeln dieser Partei. Wie fühlt sich Klaus-Peter Willsch bei einer Aussage der Kanzlerin wieder oben zitierten?

Klaus-Peter Willsch: Den Vorwurf der totalen Erosion des christlichen Weltbildes in der Union kann ich so nicht gelten lassen. Grundlage unserer Politik ist und bleibt das christliche Menschenbild. Aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen resultiert seine Berufung zu Freiheit und Verantwortung. Daraus lässt sich konkrete Politik ableiten, etwa der unbedingte Schutz menschlichen Lebens am Anfang und Ende. Klar ist aber auch, dass dieser gesellschaftliche Konsens fragil ist und durch die zunehmende Heterogenisierung der Bevölkerung nicht gerade selbstverständlicher wird. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat das Problem des modern-liberalen Staates auf den Punkt gebracht: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Wir brauchen einen vorpolitischen Urgrund moralischer Substanz. Nur so können wir Zusammenhalt in einer Gesellschaft organisieren. Nicht umsonst beginnt das Grundgesetz mit den Worten "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen...". Gelegentlich vermisse ich dieses Bewusstsein jedoch.

Peter Schmidt: Zurück zur Kraft und Symbolik des Christentums: Wenn auch der CDU und CSU kein Widerstand mehr kommt gegen die Aufgabe christlicher Werte und Symbole - Umbenennung von Weihnachtsmärkten, Abhängen von Kreuzen, Infragestellung der Koedukation - stellt sich die Frage: müssen sich die Christen von der Union verabschieden so sehr, wie sich die Union vom Christentum verabschiedet hat?

Klaus-Peter Willsch: Natürlich stellt sich angesichts dieser absurden Diskussionen die Frage, wie es um das Christentum in Deutschland steht. Ohne Zweifel kann bei uns jeder seine Religion frei leben. Das ist alles andere als selbstverständlich. Christen tragen an vielen Orten der Welt ein schweres Schicksal, ihre Religionsfreiheit ist stark eingeschränkt oder nicht existent. Ob in Indien, Syrien, Ägypten oder Nigeria – nach Schätzung des überkonfessionellen Hilfswerks Open Doors werden weltweit etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern wegen ihres Glaubens bedrängt oder verfolgt. Gleichzeitig erleben wir in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben einen dramatischer Werteverlust. Daher beschäftigt auch mich persönlich die Frage, wie wir den christlichen Werten in unserem Alltag neue Impulse geben können.

Peter Schmidt: Auch die Union postuliert gebetsmühlenhaft im Kontext der unkontrollierten Einwanderung eine "Willkommenskultur". Nun steckt in diesem Wort das "Herzlich Willkommen", mit dem ein Gastgeber seinen Gast begrüßt. Auf der ganzen Welt, in allen Kulturen gibt es ungeschriebene Gesetze, wie sich ein Gast im Haus seines Gastgebers verhalten wird. Respektvoll - er würde sicher nicht fordern, dass der Gastgeber seine eigene Kultur versteckt - siehe Thema Weihnachten. Kennen Sie Beispiele die zeigen, dass die Politik derzeit nicht nur einen Verhaltenskodex postuliert für die deutsche Bevölkerung sondern auch klar einzuhaltende Regeln benennt, die für den Aufenthalt in diesem Land einzuhalten sind?

Klaus-Peter Willsch: Es ist ganz einfach: Wer neu dazukommt, muss sich anpassen – und nicht umgekehrt. Unser Verhaltenskodex ist das Recht. Freiheit und Pflicht sind ein untrennbarer Dualismus und Grundlage von Frieden und Wohlstand.

Peter Schmidt: Sie gehören zu den wenigen Politikern, die noch für die subsidiären Prinzipien einstehen - ein Leben in Würde ist ein selbstverantwortetes Leben, Hilfe immer zur Selbsthilfe. Die gesellschaftliche Entwicklungsrichtung ist jedoch, unter dem maßgeblichen Einfluss der GRÜNEN, hin zu einer Betreuungsmentalität geworden: der Mensch muss zum Guten erzogen werden. Es gab schon nicht viele Rebellen im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise, glauben Sie, es können mehr Rebellen werden, die die Rückkehr der Union zu den subsidiären Prinzipien einfordern?

Klaus-Peter Willsch: Wir leben heute im Betreuungsstaat. Es ist leider ein gutes Geschäft, vermeintlich Schwache und Bedürftige zu betreuen. Statt dem Vorrang der Eigenverantwortung Raum zu lassen, wird dann dafür gesorgt, dass es genug Bedürftige gibt. Nächstenliebe ist die Liebe zu seinem Nächsten. Sie sollte nicht staatlich organisiert werden. Von dem allumfassenden Betreuungsstaat profitieren die Betreuer letztendlich mehr als die Betreuten. Es ist leider ein sehr einträgliches Geschäft. Aber zu wenige trauen sich, das anzusprechen. In Kriegszeiten wird immer von den sogenannten Kriegsgewinnlern geredet. Aber wer profitiert denn von den ganzen humanitären Krisen? Das Fußvolk ist vielleicht noch idealistisch unterwegs, aber die Funktionärsposten sind lukrativ. Die Zwickmühle kommt dadurch zustande, dass die Profiteure sehr schnell ihr Fußvolk für "die gute Sache" in Stellung bringen. Dann will jeder Politiker, der auf seine PR bedacht ist, lieber im Aufsichtsrat einer neuen Stiftung sitzen, als auf die Einhaltung von Recht und Gesetz zu verweisen. Hinter verschlossenen Türen werden dann immer große Reden geschwungen, öffentlich wird sich nichts getraut – auch weil die Medien sich wie ein Hornissenschwarm auf jeden stürzen, der sich nicht dem linken Mainstream beugt.

Peter Schmidt: Eine christlich-subsidiäre Union ist mit den heutigen Grünen absolut nicht kompatibel. Wird die Rückkehr der Union zu Ihren Grundlagen und Prinzipien aus wahltaktischen Gründen verhindert - nur um mit den Grünen koalitionsfähig zu sein?

Klaus-Peter Willsch: Das liegt nicht unbedingt an den Grünen. Ich würde sagen, es liegt eher am Zeitgeist als an wahltaktischen Gründen. Wer heute Kante zeigt, wird medial abgestraft. Da wird jeder vorsichtig. Die Grünen liegen bei Wahlen fast immer unter zehn Prozent, spielen sich aber auf, als ob sie die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite hätten. Dem muss viel selbstbewusster entgegen getreten werden. Vielen Menschen fehlt einfach die Zeit, um sich mit linksgrünen Spinnereien zu beschäftigen. Ein Familienvater, der werktags arbeiten muss, verbringt am Wochenende lieber die Zeit mit seiner Familie, als auf einer Demo für eine vernünftige Energiepolitik zu demonstrieren. Wer am lautesten schreit, ist nicht automatisch in der Mehrheit.

Peter Schmidt: Woraus zieht Klaus-Peter Willsch die Kraft und die Zuversicht, dass sich die Dinge noch zum Besseren wenden können?

Klaus-Peter Willsch: Aus meinem Glauben an Gott und der Verantwortung, die ich gegenüber meinen Liebsten – also meinem familiären Umfeld – ebenso fühle wie gegenüber meinem Vaterland. "Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!".

28. September 2015