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Heiko Borchert, Strategieberater

Reihe Ländercheck:
Vereinigte Arabische Emirate

Ambition ist keine Frage der Größe
Die sicherheits- und rüstungspolitischen Interessen der Vereinigten Arabischen Emirate

Als die Luftwaffe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) im September 2014 im Rahmen der internationalen Koalition Stellungen der Terrororganisation ISIS im Norden des Irak beschoss, war Major Mariam Al Mansouri Staffelführerin. Die internationale Presse griff das Bild der emiratischen Kampfjetpilotin schnell auf. Ihr Einsatz vermittelte die Botschaft, dass Frauen in den Emiraten alle Möglichkeiten offenstehen – ein klarer Wink an den größeren Nachbarn im Westen. Gleichzeitig unterstrich der Einsatz der emiratischen Luftwaffe die regionalen sicherheitspolitischen Ambitionen der VAE in der Region.

Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht repräsentativ für das Bild eines ambitionierten Landes, das in militärischer Macht und rüstungsindustriellem Fortschritt ein Instrument der politischen Einflussnahme und der wirtschaftlichen Diversifizierung sieht. Die wirtschaftliche Entwicklung der Emirate nach der Finanzkrise 2007/08 unterstützt diese Ambition. Im Ranking des World Economic Forum zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit hat sich VAE kontinuierlich verbessert und steht aktuell auf Platz 12 (Deutschland: 5). Mit der hohen Qualität seiner öffentlichen Transportinfrastruktur liegen die Emirate unter den drei weltweit führenden Ländern. Ähnlich gut schneidet das Land im Hinblick auf die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Innovation (z.B. Förderung von Direktinvestitionen) und die Effizienz seines Arbeitsmarktes ab.

Regionale Fragilität
Der wirtschaftliche und politische Erfolg der Emirate ist angesichts der Fragilität auf der Arabischen Halbinsel keine Selbstverständlichkeit. Verschiedene Konfliktlinien behindern die regionale Prosperität. Zentral ist der neu entbrannte Wettstreit um die Rolle der künftigen regionalen Ordnungsmacht. Die USA hatten diese Rolle traditionell inne, doch die Verlagerung der Öl- und Gaslieferungen der Staaten des Golf-Kooperationsrates in Richtung Asien-Pazifik-Region deutet an, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Loyalitätsmuster ändern könnten. Die Kritik an den USA wächst, woraus andere Staaten für sich politisches Kapital schlagen wollen. Dazu zählen Frankreich und Russland, die ihren sicherheits- und rüstungspolitischen Fußabdruck in der Region mit saudischer Unterstützung kräftig ausbauen. Großbritannien kann insbesondere gegenüber Frankreich nur mit Mühe Schritt halten. Darüber hinaus gewinnen die Türkei und China als Partner an Bedeutung.

Zusätzliche Probleme resultieren aus den widerstreitenden Vormachtsansprüchen und bilateralen Differenzen infolge historischer Animositäten und Grenzstreitigkeiten. Prägend ist der Antagonismus zwischen Saudi-Arabien und dem Iran sowie zwischen Saudi-Arabien und den ambitioniert agierenden Monarchien Katar und VAE. Innerstaatliche Konfliktlinien eröffnen sich aus der demografischen Entwicklung und dem Freiheitsdrang oppositioneller Kräfte. Wie sich in den ökonomisch schwächeren Ländern des Golfkooperationsrates der Zerfall des Ölpreises auswirkt, bleibt abzuwarten. Schließlich wirkt ein Bündel unterschiedlicher Sicherheitsherausforderungen – die von Cybergefahren über Schmuggel bis zur Piraterie reichen – zusätzlich konfliktverschärfend.

Militärische Fähigkeiten stärken, um unabhängiger zu agieren
Angesichts dieser Ausgangslage ist es nicht überraschend, dass die Emirate gemeinsam mit den anderen Staaten des Golfkooperationsrates in den letzten Jahren umfassend in die Modernisierung der Streitkräfte investiert haben. Dienten die Modernisierungsbemühungen in der Vergangenheit vor allem dazu, die eigene Verteidigungsfähigkeit zu stärken und politische Unterstützung zu sichern, ist eine Trendumkehr sichtbar. VAE und auch Saudi-Arabien sowie Katar investieren verstärkt in Waffensysteme, die sie zu offensiven Operationen befähigen.

Die VAE geben dabei das Tempo vor.  Sie wollen mit ihrer Luftwaffe regional die Führungsrolle übernehmen. Ihre Luftwaffenübungen wurden in den letzten Jahren immer anspruchsvoller. Gleichzeitig bauen die Emirate die Kompetenz ihrer Luftwaffe aus, um Operationen eigenständig zu planen und durchzuführen. Zusätzlich sollen die emiratischen Seestreitkräfte robust aufgestellt werden, um Sicherheit in der Straße von Hormuz zu gewährleisten und mögliche Landungsangriffe abzuwehren. Die Weiterentwicklung der Landstreitkräfte steht im Zeichen der Stärkung der Peninsual Shield Force, der gemeinsamen Streitkraft aller Länder des Golfkooperationsrates.

VAE-Verteidigungsindustrie im Umbruch
Vor diesem Hintergrund fördern die Emirate den Aufbau einer nationalen Rüstungsindustrie, um die Abhängigkeit von bisherigen Rüstungslieferanten abzubauen, die eigene Wirtschaft zu diversifizieren und qualifizierte Arbeitsplätze für die eigene Bevölkerung zu schaffen. Dabei nutzen die VAE das Dual Use-Potenzial der Verteidigung/Luftfahrt, der Schwerindustrie, der Telekommunikation sowie der Biotechnologie/Lebenswissenschaften, die als Leitindustrien ihrer Zukunftsvision eine Schlüsselrolle spielen.

Bei dem mit Nachdruck vorangetriebenen Aufbau lokaler rüstungstechnischer Kompetenzen liegen die Schwerpunkte u.a. bei präzisionsgesteuerten Lenkflugkörpern, unbemannten, auch bewaffnete fliegenden Systeme (UAV/UCAV) und umfassenden Fähigkeiten für Cyber Security. Daneben verfügen die Emirate bei den landgestützten Systemen über die Basisfähigkeit zur Entwicklung, Herstellung und Wartung geschützter Fahrzeuge. Ebenso vorhanden sind eigene Kapazitäten zur Herstellung klein- und großkalibriger Munition. Bei den luftgestützten Systemen konzentriert sich die Expertise auf Wartung und Unterhalt. Führend ist der Marinebereich mit Abu Dhabi Shipbuilding als Kernakteur.

In den letzten Jahren entstand vor allem durch die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern ein dichtes Netz rüstungsindustrieller Verflechtungen. Maßgeblich sind dabei vor allem die Tawazun Holding und der Investmentfonds Mubadala, die an allen Unternehmen beteiligt waren. 2014 erfolgte die Umstrukturierung, indem diese beiden Unternehmen die Mehrheit ihrer Beteiligungen in die neue Emirates Defence Industries Company (EDIC) überführt haben. Unter der operativen Führung von Luc Vigneron, ehemaliger CEO von Thales, versteht sich EDIC als integraler Rüstungshersteller mit Schwerpunkten in den Bereichen autonome Systeme, Landsysteme, Lenkflugkörper, Elektronik, Kommunikation und Softwareentwicklung.

Klar ersichtlich ist das Bestreben, die VAE-Rüstungsindustrie produktfähig zu machen, doch der Weg dorthin ist schwierig. Bestes Beispiel hierfür ist die Entwicklung eines eigenen geschützten Fahrzeugs durch Emirates Defence Technology (EDT). EDT soll 8x8-Fahrzeuge für das Heer und die Sicherheitskräfte der Emirate herstellen. Das lokale Unternehmen erhielt bislang von Scheich Mohammad bin Zayed Al Nahyan, Kronprinz und stellvertretender Oberbefehlshaber der VAE-Streitkräfte, den Vorzug gegenüber der internationalen Konkurrenz aus Finnland, Frankreich und der Türkei. Jüngsten Berichten zufolge kann EDT die Erwartungen wohl nicht erfüllen, so dass sich die militärische Führung weiterhin die Option offenlässt, auf ausländische Partner zurückzugreifen. Dieses Beispiel zeigt den schmalen Grat, den die Emirate gegenwärtig beschreiten, um die eigene Industrie zu fördern und gleichzeitig die Kontakte zu internationalen Partnern nicht abreißen zu lassen.

Offset: Hohe Erwartungen, lokale Schwierigkeiten
Mit ihrer allgemein gehaltenen Offsetpolitik unterstützen die Emirate ihre Diversifizierungsambition. Im Rüstungsbereich gilt die Aufmerksamkeit dabei insbesondere unbemannten Systemen, Wirkmitteln und der Elektronik. Design, Engineering, Systemintegration und Fertigung sind einige der funktionalen Schwerpunkte. Dass sich die Emirate mit ihrer Offsetpolitik an der Türkei orientieren, den Kontakt zum Rüstungsstaatssekretariat des türkischen Verteidigungsministeriums ausgebaut bzw. institutionalisiert und das ehemalige Offsetprogrammbüro mit der Tawazun Holding zu einem strategischen Konzern entwickelt haben, verdeutlicht die eigenen Ansprüche.

Gleichwohl ist der Handlungsbedarf groß. Schätzungen lokaler Gesprächspartner zufolge liegt der Wert der Offsetverpflichtungen, die ausländische Partner in den VAE erfüllen sollen, im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Absolut kritisch ist in diesem Zusammenhang die dünne Personaldecke, denn der Anteil der emiratischen Bevölkerung liegt bei ca. 15 % der gut 8,2 Mio. in den VAE lebenden Menschen. Die geringe Zahl lokaler Arbeitskräfte setzt dem umfassenden Technologietransfer enge Grenzen. Zusätzlich erhöht der hohe Anteil ausländischer Arbeitskräfte die Anforderungen, um den ungewollten Abfluss sensiblen Unternehmenswissens zu vermeiden. Weil geeignete Fachkräfte auch im staatlichen Sektor fehlen, verzögert sich die Abwicklung der Projekte, die von internationalen Rüstungspartnern eingereicht werden, um die Offsetverpflichtungen zu erfüllen. In der Summe hinken der Aufbau der lokalen rüstungstechnischen Kompetenzen und damit die Diversifizierung der Volkswirtschaft den Erwartungen hinterher.

Rüstungsexporte unterstreicht Leistungsfähigkeit....
Umso wichtiger sind deshalb Rüstungsexporte. Sie sollen die industrielle Leistungsfähigkeit zum Ausdruck bringen und projizieren den Einfluss der Emirate in ihre Interessenregionen. Gerade weil die VAE zum "Überkaufen" neigen, dünnen sich durch Re-Exporte bzw. Abgaben an Drittländer ihre Bestände aus. Davon profitieren Verbündete wie Jordanien und Ägypten. Investitionen in umfassende lokale Produktionskapazitäten der Rüstung schaffen zwar lokale Arbeitsplätze, sind aber nur mit Blick auf den Export wirklich sinnvoll. Offsetverpflichtungen können durch Exporte kompensiert werden, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Aus diesem Grund suchen die Emirate die Nähe zu Partnern, die selber ausgeprägte Ambitionen im Rüstungsexport verfolgen. Daher überrascht es nicht, dass z.B. die türkisch-emiratischen Gemeinschaftsunternehmen den Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika und Asien fest im Blick haben. Zudem drücken die Emirate ihre UAV in den Export. Russland testet bereits Systeme von Adcom, daneben verhandeln die Emirate mit den anderen GCC-Staaten und mit Algerien über den Export ihrer UAV.

...und Rüstungsfinanzierung sichert Einfluss
Rüstungsfinanzierung ist für die VAE ein sehr wichtigstes Instrument, um politische und industrielle Bindungen aufzubauen bzw. zu erhalten. Nach innen unterstützt die Rüstungsfinanzierung durch Unternehmensbeteiligungen den Auf-/Ausbau der eigenen Industrie. So hält Mubadala u.a. Anteile in der Telekommunikation, an IT-Unternehmen und in der Halbleiterfertigung. Geradezu exemplarisch verlief der Ausbau der Mubadala-Beteiligung vom Minderheits- zum Mehrheitseigner von Piaggio Aero. Der italienischen Luftfahrzeughersteller entwickelt und fertigt für die Emirate die Aufklärungsdrohne P.1 HH Hammerhead. Über dieses System sind die Emirate seit Mai 2015 auch Teil des europäischen Programms DESIRE II, das den Einsatz der Satellitenkommunikation für die Integration von UAV in den zivilen Luftraum untersucht.

Zusätzlich nutzen die VAE die Rüstungsfinanzierung nach außen, um Beschaffungsprogramme anderer Staaten des Golf-Kooperationsrates zu finanzieren. Von dieser Unterstützung profitieren auch Verbündete in der Region. So übernehmen die Emirate gemeinsam mit Saudi-Arabien die Ko-Finanzierung der Lieferung von 24 Kampfjets des Typs Rafale von Frankreich an Ägypten. Zudem haben die Emirate im Juni 2015 eine rüstungsbezogene Finanzhilfe zur Unterstützung Ägyptens, Jordaniens, Marokkos, Somalias, Sudans und Tunesiens aufgelegt

Fazit: Chancen bieten die VAE dem, der mit den Ansprüchen umzugehen weiß
Die VAE sind ambitioniert, technologieaffin und investitionsbereit. Diese Eigenschaften machen das Land generell für die Anbieter von Hochtechnologie interessant. Die besonderen Pläne zur Stärkung der eigenen Streitkräfte und dem Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie erklären zudem die große Anziehungskraft für Rüstungspartner aus aller Welt.

Allerdings wissen die VAE um ihre Attraktivität. Sie treten ihren Verhandlungspartnern selbstbewusst gegenüber und schrecken vor hoch gesteckten Anforderungen ebenso wenig zurück wie vor Drohungen mit Projektabbruch bzw. Vertragsrückabwicklung, wenn sich der Fortschritt nicht wie gewünscht einstellt. Hinzu kommt eine gewisse Ungeduld, die dazu führen kann, dass sich Beschaffungsschwerpunkte bei Verzögerungen gerne auch verschieben können.

Vorhandene Schwächen bei der dünnen lokalen Personaldecke und den Fähigkeiten der lokalen Arbeitskräfte können Industriepartner als Hebel nutzen, um die emiratischen Forderungen nach Technologietransfer mit umfassenden Ausbildungskonzepten zu kombinieren. Das kann dazu beitragen, den lokalen Fußabdruck der Partner zu stärken und unterstützt den Aufbau von Arbeitsplätzen vor Ort. Zudem besteht die Möglichkeit, lokale Standortvorteile z.B. bei energieintensiven Produktionsprozessen für sich zu nutzen. Als thematische Schwerpunkte der Kooperation bieten sich vor diesem Hintergrund u.a. Wartung und Lebenswegmanagement, Simulation und Tests, Softwareentwicklung sowie das gesamte Technologiefeld unbemannter Systeme und der Robotik an.

Dr. Heiko Borchert ist Inhaber und Geschäftsführer
der auf strategische Sicherheitsthemen spezialisierten
Borchert Consulting & Research AG (www.borchert.ch)

10. August 2015