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Prof. Dr. Hans Christoph Binswanger

Brauchen wir Bargeld?

Professor Hans Christoph Binswanger ist einer der profiliertesten Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und der Doktorvater von Josef Ackermann. Im Anhang zum Beitrag erhalten Sie noch Links zu Veröffentlichungen von Professor Binswanger.

Schauen wir auf Griechenland: Die Griechen sagen eindeutig Ja zur Erhaltung des Bargelds, zwar nicht verbal, sondern – viel wirkungsvoller – physisch, indem sie stundenlang vor den Bankautomaten oder Bankschaltern Schlange stehen, um ihre Tagesration an Bargeld abzuheben. Warum brauchen sie Bargeld? Weil das Bargeld, d.h. die Banknoten (und Münzen) der Zentralbank – im Euro-Raum ist es die EZB – das gesetzliche Zahlungsmittel ist, das von allen Anbietern von Waren und Dienstleistungen auf dem Markt als Zahlung angenommen werden muss. Dies gilt nicht für das Bankgeld, d.h. den Guthaben auf den Girokonten bei den Banken. Die Annahme von Bankgeld kann stets verweigert werden, weil es kein gesetzliches Zahlungsmittel ist. Die Annahme wird verweigert, wenn die Gefahr besteht, dass der Bank, bei der der Zahler sein Girokonto hält, ein Konkurs oder mindestens ein Teilkonkurs droht, so dass sich das Bankgeld in Nichts auflösen oder mindestens auf einen geringen Betrag zusammenschrumpfen kann. Eine solche Gefahr der Insolvenz kann, wie dies heute für Griechenland der Fall ist, für alle Banken eines Landes gelten, oder auch nur für eine einzelne Bank, wenn sie ihren Verpflichtungen aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr nachkommen kann.

Grundsätzlich gilt somit: Wegen des Risikos der Annahmeverweigerung ist das Bankgeld kein vollwertiger Ersatz für das Bargeld, wobei das Risiko, dem das Bargeld der Bank A, der Bank B, der Bank C usw. unterworfen ist, im allgemeinen unterschiedlich groß ist.

Um die Tragweite einer Abschaffung des Bargelds zu verstehen, müssen wir einen kurzen Rückblick auf die Entstehung unseres Geldsystems werfen. Ursprünglich hatte das Geld Geltung, weil es aus Gold- und Silbermünzen bestand, die wegen ihres Edelmetallgehalts, also ihres Stoffwerts, überall angenommen wurden. Um die Ausweitung der Geldmenge über den beschränkten Vorrat von Gold und Silber zu ermöglichen, begannen die Banken, Papiergeld in Form von Banknoten auszugeben, das sie als jederzeit in Gold- und Silbermünzen einlösbar erklärten. Diese Einlösbarkeit war aber nicht immer gesichert. Um die Sicherheit für die Annahme von Banknoten trotzdem zu gewährleisten, schufen die Staaten Zentralbanken, die das alleinige Recht auf die Ausgabe von Banknoten erhielten, und stattete diese mit gesetzlicher Zahlungskraft aus. Dabei blieben die Banknoten der Zentralbank zuerst noch einlösbar in Gold- und Silbermünzen. Diese Einlösbarkeit wurde aber sukzessive eingeschränkt und schließlich ganz aufgehoben, so dass heute als Sicherheit nur noch das gesetzlich verankerte Gebot zur Annahmepflicht der Banknoten übrig geblieben ist. Eine solche Garantie hat das Bankgeld zwar nicht. Es erhält sie aber indirekt, solange es der Inhaber eines Guthabens auf einem Girokonto bei einer Bank in Bargeld, d.h. in Banknoten, einlösen kann.

Daraus folgt: Wird diese Einlösungspflicht durch die Abschaffung des Bargeldes aufgehoben, bleibt nur noch Bankgeld übrig, dessen Geltung von der Zahlungsfähigkeit der Bank abhängt, und daher nicht gesichert ist. Damit wird unserem ganzen Zahlungssystem der sichere Boden entzogen und damit das Funktionieren unserer Wirtschaft gefährdet, die auf einem reibungslosen Zahlungsfluss aufbaut.

Zusätzlich sind die rechtlichen Fragen zu beachten, die sich bei einer Abschaffung des Bargeldes stellen. Die Annahmepflicht der Banknoten ist überall in einem Gesetz geregelt, in Deutschland im § 14, Abs. 1, Satz 3 des Bundesbankengesetzes. Dort heißt es: Die "auf Euro lautenden Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel." Würde die Annahmepflicht der Banknoten aufgehoben, ohne dass dieser Paragraph – oder in anderen Ländern ein entsprechender Paragraph – gestrichen würde, käme der Gesetzgeber mit sich selber in Konflikt. Streicht er aber den Paragraphen, gibt er offiziell zu, dass der Staat für die Geltung des Geldes nicht mehr bürgt und damit in Kauf nimmt, dass unser ganzes Geldsystem ins Wanken gerät.

Weitere Bedenken sind: Bleibt allein das Bankgeld als Zahlungsmittel übrig, werden in den Zahlungsverkehr Dritte – die Banken – einbezogen und damit jede Zahlung beobachtbar, kontrollierbar und überwachbar. Auf diese Weise ist mit der Abschaffung des Bargeldes eine Freiheitsbeschränkung verbunden, die die Persönlichkeitsrechte des Bürgers verletzt. Um einer solchen Freiheitsbeschränkung zu entgehen, wäre es zwar möglich, auf private Zahlungsmittel, z.B. auf Warengutscheine auszuweichen, die von großen Ladenketten ausgegeben werden, auszuweichen. Diese hätten aber keinen festen Wechselkurs zum offiziellen Geld und würden daher zu einer zusätzlichen Unsicherheit in unserem Zahlungssystem führen.

Die Konsequenz dieser Überlegungen ist: Die Gründe, die für die Abschaffung des Bargeldes geltend gemacht werden, können allenfalls Veranlassung dazu sein, über alternative Geldsysteme nachzudenken, die auf andere Weise als das bisherige dem Geld sichere Geltung verschaffen. Auf keinen Fall aber darf das heute gültige Bargeld abgeschafft werden, ohne dass die Abschaffung unmittelbar mit der Einführung eines solchen alternativen Geldsystems verbunden wird. Manipulationen am Geldsystem, die nicht in allen Konsequenzen überdacht werden, sind außerordentlich gefährlich.

Fazit: Wir brauchen das Bargeld!

Empfehlenswert vom Autor:
"Die Wachstumsspirale", Marburg 2009
"Geld aus dem Nichts"
"Vorwärts zur Mässigung", Hamburg 2010

10. August 2015