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Christel Hussing, Mitglied im B.U.N.D.

Ein großer Sieg gegen den Wind-Wahn

Die Erfolgsgeschichte – aufgeschrieben von
Christel Hussing, Teil 1

(Wir veröffentlichen den nachfolgenden Erlebnisbericht, um auch anderen Initiativen Mut zu machen, nicht locker zu lassen – auch im Siegerland mussten viele Rückschläge verarbeitet werden, wie an diesem Zeitzeugendokument deutlich wird)

Die Gemeinde Brachbach in einem Seitental an der Sieg ist ein ehemaliges Bergmannsdorf mit etwa 2 500 Einwohnern. Unsere Vorfahren schürften die begehrten Eisensteine in unzähligen Pingen, vielen Stollen und Schächten der umgebenden Berge Höhwald und Giebelwald. Eisenerz wurde in nahen Eisenhütten geschmolzen und in Betrieben weiter verarbeitet zu Werkzeugen und Maschinenteilen. Köhler brannten mit Buchen- und Eichenholz die für die Eisenschmelze notwendige Holzkohle in „Meilern“ in den für die Region des „Siegerlandes“ typischen „Haubergen“. Heute werden diese nach den Regeln der alten „Haubergswirtschaft“ genossenschaftlich nachhaltig bewirtschaftet und verwaltet. Streift man durch den Wald, trifft man noch überall auf „Meilerplätze“ und auf ehemalige alte „Schmelzplätze“ – teilweise aus der keltischen Zeit etwa 500 v.Chr. und auf die steilen „Hohlwege“, die früher als Transportwege für Pferde- und Ochsengespanne dienten.


Am 28. November 2010 stand eine knappe Meldung in der Rheinzeitung: „Weichen für Windpark im Giebelwald gestellt!“ Die Haubergsgenossen des benachbarten Mudersbach legten im Rahmen ihrer Jahreshauptversammlung den Grundstein für einen Windpark auf dem Giebelwald, und zwar stimmten sie mit 94,4 Prozent für eine Grundstücksverpachtung an die Firma „Jade Naturenergie“. „Wenn alles glatt läuft, können sich schon in zwei Jahren die Rotorblätter von bis zu sechs Windrädern drehen!“ hieß es, und die Menschen waren begeistert. Denn in 20 Jahren sollten gut 3,5 Millionen Euro an Pacht fällig werden – eine enorme Summe für die Haubergsbauern.

Anfang des nächsten Jahres schwappte die Euphorie über auf die Haubergsgenossen unseres Heimatortes Brachbach, die ebenfalls Verträge mit Jade Naturenergie für verschiedene Bereiche im gegenüberliegenden Höhwald aushandelten. Nur die Haubergsvorsteher beschwichtigten: „Unser Ja-Votum heißt aber noch nicht, dass die Räder bald stehen werden, das kann noch ein beschwerlicher Weg werden!“

Sie sollten recht behalten!

An einem Sommerabend im Juli 2011 liefen ein paar Kinder mit ihren Müttern durch die Straßen und verteilten Flyer mit einer Fotocollage und „Bürger-Informationsveranstaltung der Jade Naturenergie“ – „Windkraftanlagen im Höhwald“ und „Hoch? Laut? Wirtschaftlich? Umweltverträglich? Gesundheitsschädlich? - Viele Fragen sind noch offen!“

Es war der Aufruf von einer „Interessengemeinschaft Höhwald“, möglichst zahlreich an der Veranstaltung teilzunehmen.

Kaum jemand verstand die Fragen, viele Anwohner schüttelten den Kopf. Man hatte doch vor, die Windräder schön in den Wald zu stellen! Und Wind machte doch keinen Krach und kostete auch kein Geld! Was in aller Welt könnte an der ganzen Sache gesundheitsschädlich sein?

Als der Abend kam, stand nur ein Vertreter der Firma Jade-Energie auf der Bühne und war kaum in der Lage, alle Fragen zu beantworten. Er verhedderte sich immer mehr, und die Vertreter der „Interessengemeinschaft“ konnten ihre begründeten Ansichten über die Problematik der hohen Windkraftanlagen deutlich zu Sprache bringen.

Zu den Artikeln in den Tageszeitungen am nächsten Tag hörte man sehr unterschiedliche Meinungen. Viele Brachbacher waren sogar entrüstet: „So geht man nicht mit einem Gast um!“ oder „Man muss sich schämen!“

Aber der Samen für eine differenzierte Meinungsbildung war gelegt.

Die Haubergsleute hatten die Verträge unter Dach und Fach und hielten sich zurück, ein Teil der Bürger interessierte sich weiterhin nicht für das Thema – aber einige waren sehr nachdenklich geworden:

Vor Jahren hatten die Brachbacher für eine eigene Wasserversorgung gekämpft, denn sie wollten ihr „Bergwasser“ behalten. Regenwasser, das durch riesige Pingen auf den Bergrücken, in Wasserschutzzonen gelegen, in kurzer Zeit durch den Felsen in die heutigen „Wasserstollen“ sickert, ist ein köstliches Trinkwasser und vom Preis her günstig, weil die Bewirtschaftung durch ehrenamtliche Mitarbeiter im „Wasserverein“ erfolgt.

Was geschieht mit unserem Wasser bei einer Bebauung durch Windräder?

Was passiert bei einer Leckage oder einem Ölunfall im Wald?

Wie bereitet man sich auf einen möglichen Brand am Windrad im Wald vor?

Was ist, wenn hier Giftstoffe in den Boden eindringen?

Welche Auswirkungen haben die Windräder auf die Tiere?

Was ist mit den wunderschönen Wanderwegen?

Wie werden die Menschen reagieren, die jeden Tag im Wald unterwegs sind und Ruhe und Erholung suchen?

Was ist mit dem Geräusch der Windräder und den gesundheitlichen Auswirkungen des Infraschalls?

Wird tatsächlich CO2 eingespart?

Rechnen sich die Windräder überhaupt und wird Strom tatsächlich billiger – oder wird unser schöner Wald zerstört für nichts und wieder nichts?

Kann man überhaupt Windräder auf unsere zerklüfteten Berge bauen, die von Stollen und Schächten durchlöchert sind wie ein „Schweizer Käse“?

Haben wir hier überhaupt genug Wind?

Konkrete Antworten gab es keine, aber Windradbefürworter winkten ab: „Alles kein Problem!“

 

Für die Gründer der „Interessengemeinschaft Höhwald“ war es ein Schock, als sie erfuhren, dass der Staatswald des Landes Rheinland-Pfalz sowohl im Höhwald als auch im gegenüberliegenden Giebelwald auf Mudersbacher Gebiet zusätzlich Flächen zur Windkraftnutzung an die Firma Juwi verpachtet hatte.

Damit stand fest, dass in Zukunft 44 Windräder in den Wäldern unserer Berge die schöne Gemeinde Brachbach wie eine Zange umfassen würden!

Das musste unbedingt verhindert werden!

Aus der „Interessengemeinschaft Höhwald“ wurde mit Hilfe der westfälischen „Bi-Gegenwind21-Siegen“ die „Bürgerinitiative-Siegtal“. Ein betroffener Hotelier bot uns freundliche Räume an für unsere internen Sitzungen und Gespräche mit Gästen und Versammlungen.

Dort trafen wir uns regelmäßig im kleinen Kreis zu „Tischgesprächen“ und planten die nächsten Vorhaben. Dabei entwickelten wir eine Strategie:

  • Möglichst viele Mitglieder und Unterstützer im heimatlichen Umfeld gewinnen

  • Mitgliedskarten drucken, ausfüllen lassen und sammeln – Verteiler anlegen und Mitglieder über Mail mit Informationen versorgen

  • Interessierte in Zukunft über eine Anzeige im kommunalen Anzeiger zum „Stammtisch“ einladen, damit sie „einbezogen“ werden in unsere Arbeit und dabei Neuigkeiten erfahren

  • Kontakte knüpfen zu den Verantwortlichen der Wasserwerke

  • Fachleute in Richtung Technik und Wirtschaftlichkeit, in allgemeinen Fragen der Energiewende, in Sachen Schall / Infraschall und Menschenschutz ansprechen und gewinnen

  • Fachleute für den Natur- und Artenschutz finden, Naturschutzverbände in den Kreisgruppen bei ihrer Arbeit tatkräftig unterstützen

  • Heimatschützer bitten, sich mit uns gemeinsam für die Bewahrung der einzigartigen bergbaugeschichtlichen Bodendenkmäler einzusetzen

  • Ins Gespräch kommen mit kommunalen Politikern, aber auch mit Landes- und Bundespolitikern – mit ihnen über die realistischen Auswirkungen der örtlichen Planungen sprechen, vielleicht sogar über Fragen zur deutschen Energiewende

  • Verbindungen zur Presse aufnehmen und pflegen, um Ansprechpartner für eine zukünftige wichtige Öffentlichkeitsarbeit zu haben

  • Geld sammeln für eine nicht auszuschließende Klage – Sponsoring planen

  • Menschen „betroffen“ machen durch persönliche Erfahrung

  • Erfahrungen sammeln von anderen Betroffenen und diese entsprechend umsetzen


Deshalb fuhren wir mit einigen Interessierten in Privatautos zum Soonwald. Später wiederholten wir die Fahrt mit einem Bus. Betroffene aus dem Soonwald erzählten dabei von ihren teilweise sehr bedrückenden Erfahrungen aus dem Leben in der Nähe von Windkraftanlagen. Fotos von der Zuwegung und den Baustellen im Wald, den Baumaschinen, Kränen und Transportern, den Anlagen selbst und Anlagenteilen wurden vergrößert und laminiert – als Anschauungsmaterial für zu Hause.

Um Vergleiche zu erhalten, schlossen wir uns einer Busfahrt der SPD und der Grünen zum Wind- und Solarpark in Morbach an zum eingezäunten Gelände des ehemaligen US-Munitionslagers Rapperath / Wenigerath mit vorhandener Infrastrktur.

Diese Windräder ließen sich nicht mit den geplanten Anlagen in unseren Mittelgebirgswäldern vergleichen – das verstanden viele Mitreisende. Aber unseren Fragen vor Ort wurde ausgewichen – wie etwa mit den launischen Partnern Wind und Sonne eine zuverlässige Stromversorgung bereitgestellt werden kann, konnte man nicht beantworten.

Kurze Zeit danach erfuhren wir, dass auf dem Giebelwald bereits zehn Standorte für Windräder im Staatsforst angezeichnet waren, die wir uns an einem Nachmittag ansahen. Sofort ließen wir Banner drucken mit der Aufschrift „Keine Windkraft im Höh- und Giebelwald!“ und hängten sie mit den Kundgebungen des Wasservereins auf.

Da wir im „Dreiländereck“ RLP, NRW und Hessen wohnen, luden wir Gleichgesinnte aus den benachbarten Bundesländern zum Erfahrungsaustausch ein, dazu Betroffene aus dem Westerwald, die vor den gleichen Problemen standen. Wir verabredeten eine zukünftige engere Zusammenarbeit.

Wir verabredeten uns zu Gesprächen mit Mitgliedern vom BUND, die unsere Wälder wie ihre Westentasche kennen und sich schon über Jahre unermüdlich und konsequent für Tierwelt und Natur einsetzen, machten Interviews mit der heimischen Presse, besuchten Veranstaltungen u.a. mit dem Landeschef der rheinland-pfälzischen FDP Dr. Volker Wissing, trafen uns mit Mitgliedern der Heimatvereine aus dem Grenzland in NRW und sprachen unsere kommunalen Politiker bei einer Wanderung auf dem zukünftigen Radweg an. Tatsächlich wurde das Thema „Windräder in den heimischen Wäldern“ in den nächsten Fraktionssitzungen aufgegriffen.

>> Lesen Sie hier weiter – TEIL 2

07. Juli 2015