Start | Kontakt | Impressum | Datenschutz
 
 
 

Aktuelles

 
 

RSS-Feed
abonnieren

 
 
 

Ralph Thiele, Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V.

Das Sturmgewehr G36 -
oder was läuft falsch mit der Rüstung in Deutschland?

Das Sturmgewehr G36 hat nach mehreren erfolglosen Anläufen den Weg auf die politische Bühne in Berlin und damit auch in die Medienlandschaft gefunden. Die Truppe hatte schon länger ihre Probleme mit der Waffe, insbesondere im Einsatz. Als am Karfreitag 2010 ein Zug Seefelder Fallschirmjäger um Haaresbreite von den Taliban ausgelöscht zu werden drohten, auch weil sie mit zunehmender Dauer des Gefechts immer schlechter trafen, hätten eigentlich die Alarmglocken läuten müssen. Aber wie üblich im politisch korrekten Berliner Betrieb, erklärte man den verdutzten Soldaten, dass die Waffe selbst vollkommen in Ordnung sei. Schließlich erfüllt sie – das ist augenscheinlich wahr – prinzipiell die Anforderungen, die an sie dereinst bei der Ausschreibung und Vertragsgestaltung gestellt wurden.

Das G36 ist aus den Forderungen der Bundeswehr entstanden. Allerdings waren die klimatischen Bedingungen unter denen der Soldat sie nutzt und die Intensität mit der er sie einsetzt, bei der Planung der Waffe so nicht vorgesehen. Da der Einsatz in Afghanistan nicht typisch ist, "sollten" Kritiker in der Truppe Maß (und Mund) halten. Das haben sie lange getan. Doch der Schwelbrand breitete sich weiter aus. Jetzt lodern die Flammen publikumswirksam.

Zur Sache: Seit 1997 wird das Sturmgewehr G36 als Standardwaffe der Bundeswehr von der Heckler & Koch GmbH produziert. Rund 170.000 Stück gibt es davon in der Truppe,  leicht in der Handhabung und im Gewicht, geeignet für infanteristische Aufgaben im abgesessenen Kampf, wirksam in der Feuerdichte im Nahkampf, sowie für ein schnelles, präzises und durchschlagskräftiges Einzelfeuer im Fernkampf. Mit Ka­liber 5,56 mm ist die Munition kleiner als beim Vorgängermodell G3 mit 7,62 mm. Mit 750 Schuss in der Minute ist die Kadenz des G36 deutlich höher als beim Vor­gängermodell. Bauteile aus glasfaserverstärktem Kunst­stoff machen es relativ leicht. Eine im vergangenen Sommer von Verteidigungsministerin von der Leyen beauftragte Untersuchung kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: bei hoher Temperatur der Waffe und steigender Schussfrequenz sowie beim Einsatz in heißen und feuchten Gebieten hat das Sturmge­wehr G 36 hat ein Präzisionsproblem in der Trefferleistung. "Ursächlich für die sinkende Trefferwahrscheinlichkeit ist nicht eine der Komponenten beispielsweise Munition oder Waffe, sondern das Gesamtsystem."

Gleichsam als Symbol politischen Handelns ist die Causa G36 inzwischen für vieles gut:

  • je nach Interessenlage zur Förderung bzw. zur Schädigung der gegenwärtigen Verteidigungsministerin;

  • noch mehr zur Beschädigung Ihres Vorgängers;

  • zur Schädigung des Herstellers Heckler & Koch und des Arbeitsplatzes seiner Beschäftigten. Allerdings dürfte es schwierig werden, den Gewehrhersteller auf Schadenersatz zu verklagen. Er hat allem Anschein nach geliefert, was der Kunde Bundeswehr wollte. Außerdem hat die Bundeswehr bisher darauf verzichtet, einen moderneren, hitzebeständigeren Kunststoff – mit Produktionskosten von rund rund 10 € pro Stück - am G 36 nachzurüsten. Bis auf weiteres wird stattdessen einseitig und vermutlich zu Unrecht die Reputation eines deutschen, mittelständischen Weltmarktführers mit 700 Beschäftigten beschädigt;'

  • zur Beschädigung des Vertrauens in politisch-industrielle Prozesse. Die Causa G36 verdeutlicht einen Mangel an amtlicher Kompetenz, mit den Themen Rüstung umzugehen. Dazu gehört auch das Unvermögen, Entscheidungen und Handeln in diesem Politikbereich präzise und kommunikativ wirksam zu vermitteln. Aber auch die Industrie hat Wachstum Potenzial. Sie hat sich den verunsicherten Kunden Bundeswehr geschäftswirksam zurechtgelegt, nimmt mit was geht und ist zudem sehr ad-hoc aufgestellt. Dies geht zu Lasten systemischer und systematischer Fähigkeiten gleichermaßen der Industrie selbst wie auch der Leistungsfähigkeit staatlicher Sicherheitskräfte;

  • zur Beschädigung der militärischen Führung. Diese ist bisher noch nicht in der Schusslinie. Doch was hat sie unternommen, um den lange erkannten Mangel abzustellen? Sind die von ihr gebilligten Spezifikationen gar ursächlich für den Mangel? Bisher hat sie ihren Soldaten erklärt, dass es keinen Mangel gibt. Seit der Mangel unbestreitbar ist, gibt es eine schriftliche Anweisung an die Soldaten zum weiteren Gebrauch des Gewehrs in den Einsätzen. Doch diese löst das grundlegende Problem nicht;

  • zum Einsetzen von Kommissionen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat zwei weitere Untersuchungsaufträge zur Aufarbeitung der offenen Fragen rund um die mehr als 20 Jahre umfassende Historie von Beschaffung und Nutzung des G36 in der Bundeswehr erteilt. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei soll der problematischen Frage nachgegangen werden, ob durch mögliche Probleme des G 36 bei Einsätzen der Vergangenheit Soldatinnen und Soldaten zu Schaden gekommen sind. Unter Leitung von Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvorsitzender bei der Commerzbank, soll parallel dazu in einer Organisationsstudie am Beispiel des G36 geklärt werden, ob es strukturelle Schwachstellen im Management der Großorganisation Bundeswehr gibt.

Der von BMVg Staatssekretär Hoofe gezeichnete Einsetzungserlass der Nachtwei-Untersuchungskommission betont: "Die Bundeswehr leistet einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Die damit verbundenen Herausforderungen und Aufgaben setzen ein breites militärisches Fähigkeitsspektrum voraus. Unsere Soldatinnen und Soldaten benötigen dafür die bestmögliche Ausrüstung. Dabei hat ihre Sicherheit im Einsatz im Mittelpunkt zu stehen." Man vermisst an dieser Stelle den Aspekt der Einsatzwirksamkeit. Die Soldaten sind ja nicht im Einsatz, damit Ihnen dort nichts passiert. Sie dienen militärisch vorgegebenen politischen Zwecken, die hoffentlich tief reflektiert und nachhaltig mit Ressourcen hinterlegt sind. Und weil der Staat die Soldaten schickt, deren Leben und Gesundheit einsetzt und deren militärische und politische Wirksamkeit bezweckt, schuldet er Ihnen vorzügliche Ausbildung und Ausrüstung.

Dass ihm Letzteres heute im großen Ganzen nur noch mit – zum Teil jahrzehntelange 1 – Verzug und erheblichen Geburtswehen gelingt, muss zu denken geben. Was läuft falsch mit der Rüstung in Deutschland?

Eine bittere Wahrheit steht vorne: Nachdem noch bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts Streitkräfte und rüstungsindustrielle Basis Ausdruck der Wehrhaftigkeit der Bundesrepublik Deutschland waren, sind zwischenzeitlich beide Themenfelder parteienübergreifend in die Schmuddelecke geraten. Man spricht nicht gerne darüber und wenn, dann sind es vor allem Anschuldigungen.

Mit der Gorbimania – der Euphorie über den Umschwung im sowjetischen Denken unter Präsident Gorbatschows Führung – in den ausgehenden 80er Jahren setzte eine Entwicklung ein, die im Sommer 1989 von Francis Fukuyama auf den Punkt gebracht wurde, als er in der amerikanischen Zeitschrift "The National Interest" nichts Geringeres als das Ende der Geschichte verkündete. Inspiriert aus den Schriften von Georg Wilhelm Friedrich Hegel artikulierte Fukuyama den abschließenden Triumph von Demokratie und freiem Unternehmertum, Maßstab und Ziel aller Geschichte, Frieden auf Erden.

Die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens, die Genese von Taliban und ISIS, der arabische Frühling und seine winterlichen Folgen, das Aufkommen hybrider Sicherheitsherausforderungen im Mittleren Osten und in Nordafrika, in der Ukraine und den baltischen Staaten, künftig wohl auch in Asien hat den Ansatz von Fukuyama in seiner ganzen Naivität entlarvt. Die Bundeswehr ist heute eine Einsatzarmee, die sich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht auf Freiwilligkeit abstützt. Die vormaligen Trennlinien zwischen äußerer und innerer Sicherheit gelten nur noch im Grundgesetz. Die Realität belegt den illusionären Charakter der Trennung. Technologische Durchbrüche wie vernetzte Operationsführung und Cyber haben das Anforderungs- und Fähigkeitsprofil der Streitkräfte maßgeblich verändert. Industrie 4.0 hat auch militärische Auswirkungen. Die Bundeswehr ist nicht mehr die, die sie war. Sie ist allerdings lange noch nicht die, die sein sollte.

Zwischenzeitlich ist die Saat Fukuyamas aufgegangen. Rüstungsplanung geht ohnehin lange Wege. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden diese Wege noch länger und unverbindlicher in ihren Ergebnissen. Man gab sich im Westen - akzentuiert in Berlin - der Erwartung hin, das Streitkräfte nur noch im Ausnahmefall und dann in kleinen Gebinden gebraucht würden. Ihre erforderliche Wirksamkeit im Streitkräfte übergreifenden und multinationalen Verbund geriet ins Hintertreffen. Die Friedensdividende zollte in den westlichen Demokratien - mit Ausnahme der USA, die mit dem terroristischen Angriff vom 11. September 2001 jäh jeglicher Illusionen beraubt wurden - überall ihren Tribut.

In der Konsequenz gibt es in der Bundeswehr

  • Einheiten ohne Soldaten,
  • Soldaten ohne Ausrüstung,
  • Ausrüstung ohne Zulassung,
  • Zulassung ohne Einsatzbefähigung 2,
  • logistische Kanibalisierung,
  • Waffensysteme ohne Bewaffnung,
  • Transportflugzeuge, in die Panzer nur hineinpassen, wenn man die Panzerung entfernt oder
  • Flugabwehrsysteme, die nur in die Transportflugzeuge hineinpassen, wenn man die Luft aus den Reifen lässt.

Zurück zum G 36. Die IG Metall hat Verteidigungsministerin von der Leyen eingeladen, nach Oberndorf zu kommen und "vor der Belegschaft von Heckler & Koch persönlich Stellung zu beziehen und Ihre Sicht der Dinge darzulegen", so der Brief an die Ministerin, der von DPA in Auszügen veröffentlicht wurde. Die Gewerkschaft schätzt, dass im Südwesten bis zu 25 000 Menschen in der Rüstung beschäftigt sind. Bundesweit sind es dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zufolge rund 100 000. Vor 25 Jahren waren es noch über 300.000 Beschäftigte.

Wie die Zahl der Beschäftigten sind auch Grundwissen und Grundfähigkeiten im Umgang mit der Rüstung geschrumpft, z.B. Wissen um die Prämissen:

  • Rüstungsindustrie dient gemeinsam mit der Sicherheitsindustrie der Sicherheit und den Interessen der Deutschen.

  • Rüstungspolitik ist ein Instrument zur Gestaltung politischer Beziehungen und der politischen Einflussnahme. Deswegen greift ein rein marktwirtschaftlicher Ansatz in der Rüstungspolitik zu kurz, übrigens auch mit Blick auf Auslandsmärkte.

  • Rüstungspolitik dient Deutschlands Interesse an Sicherheit, Stabilität und Prosperität – durchaus auch jenseits der deutschen Grenzen. Sie ist Teil des umfassenden Instrumentariums der Bundesregierung nicht anders als die Außen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Deshalb ist es entscheidend, die inhaltlichen Zusammenhänge zwischen diesen Politikbereichen klar herauszuarbeiten und die Zusammenarbeit gut zu orchestrieren.

  • Rüstungspolitische Zusammenarbeit mit internationalen Partnern dient der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte und des Standorts Deutschland. Forschungsintensive und innovative Produkte mit sicherheits- und verteidigungsrelevanter Anwendung leisten einen stabilitätsfördernden Beitrag.

  • Die öffentlichkeitswirksame Vermittlung der "großen Linie" der deutschen Sicherheits- und Rüstungspolitik fördert das Verständnis und damit auch die Akzeptanz dieses Politikfeldes in der Bevölkerung.

Hier haben wir Deutschen in Politik, Streitkräften und Industrie noch den Großteil unserer Hausaufgaben zu machen. Erforderlich ist ein klares außen-, sicherheits- und verteidigungspolitisches Rollenverständnis, dessen konsequente Umsetzung in die nationale wie auch multinationale Beschaffungs- und Rüstungsplanung und ein Selbstverständnis im Sinne eines "Team Deutschland". Wenn wir hier Fortschritte machen, dann ist die Produktverbesserung des G 36 eine lösbare Aufgabe, die niemanden beschädigen muss.


1 Eklatante Beispiele dafür sind der Eurofighter – der früher einmal Jäger 90 hieß – sowie der Hubschrauber NH 90. Es gibt aber viele mehr.

2 Wenn beisielsweise einer der 6 Sensoren der Turmluke des Kampfpanzers Puma defekt ist, stellt dieser den Einsatzbetrieb ein. Der TÜV will es so und auf der Ämterebene hat niemand den Mumm für eine Ausnahmegenehmigung.

Oberst a.D. Ralph Thiele ist Vorstandsvorsitzender
der Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V.
und Beirat des Deutscher Arbeitgeber Verband

06. Mai 2015