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Yossef Bodansky, Forschungsdirektor International Strategic Studies Association

Die künftigen Kriege mit dem Iran

Vorbemerkung:
Die zähen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm wurden einverständlich beendet. Am 2. April 2015 verständigten sich die Außenminister der USA, Russlands, Chinas, Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands mit dem Iran auf Eckpunkte für eine abschließende Vereinbarung zum iranischen Atomprogramm. Darin verpflichtet sich Iran, sein Nuklearprogramm bis zu 25 Jahre lang internationalen Kontrollen zu unterwerfen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Eckpunkte als "großen und entscheidenden Schritt nach vorne".
Yossef Bodansky bezeichnet die Ergebnisse von  Lausanne demgegenüber als absichtsvoll bedeutungslos. Er weist darauf hin, dass der Iran bereits seit 1992 über Atomwaffen sowjetischer Herkunft verfügt und seit 2004/5 ein eigenes nationales Führungs- und Informationssystem etabliert hat, das ihn faktisch als eine Atommacht etabliert, die sich auf ihren nuklearen Schirm verlassen und nun zielgerichtet seine regionalen Führungsambitionen verfolgen kann. Das Verhandlungsergebnis von Lausanne nimmt der Iran als Eingeständnis des Westen, diese Ziele legitimiert verfolgen zu können. Während sich ein verhängnisvoller Krieg zwischen dem Iran und den Regionalmächten des Nahen und Mittleren Osten zusammenbraut, fragt sich Yossef Bodansky, wie weit wird Teheran gehen wollen und welche seiner strategischen Instrumente wird es dabei zum Einsatz bringen.

Die Vereinbarungen von Lausanne zum iranischen Nuklearprogramm sind bedeutungslos. Und dies durchaus mit Absicht. Im krassen Gegensatz zum Tenor der Verlautbarung von Präsident Obama, der von einem historischem Durchbruch spricht, beharrt der iranische Außenminister Mohammed Javad Zarif darauf, dass beide Seiten nur Eckpunkte für eine Regelung vereinbart haben, die nun bis zum 30. Juni zu erarbeiten ist. Zarifs Formulierung lautete: "Es gibt keine Übereinkunft und deshalb auch keine Verpflichtung." In Teherans offizieller Verlautbarung wird unterstrichen, dass die Eckpunkte von Lausanne "nicht rechtlich bindend sind, sondern lediglich eine konzeptionelle Anleitung für den Abgleich und die Bewertung der nun zu erarbeitenden umfassenden Regelung". In der Zwischenzeit, so betont Teheran, könne der Iran sein Nuklearprogramm ohne internationale Einmischung und ohne Einschränkungen fortsetzen.

Der Iran ist heute bereits eine Atommacht, die auf der Basis ihrer nuklearen Fähigkeiten darauf drängt, zur führenden Macht der Region zu werden – und damit das "verhaßte Israel" und dessen Einfluss in der Region zurück zu drängen. Der Iran verfügt bereits seit dem Jahr 1992 über Kernwaffen. Damals wurden die ersten Sprengköpfe von der früheren Sowjetunion erworben. Mit der vollen Einsatzbereitschaft seines nationalen Führungs- und Informationssystems im Mai 2004 etablierte sich der Iran endgültig als Atommacht.

Der bisherige Aufstieg und die Expansion des Iran sind bedeutender als alle vorangegangenen vergleichbaren Entwicklungen der letzten zweieinhalb Jahrtausende. Teheran hat keineswegs die Absicht, diese Errungenschaften aufzugeben. Allerdings  haben die derzeitigen Konflikte in der Region zwei Quellen -  die sunnitisch-schiitische Konfrontation ebenso wie die iranisch-arabische. In beiden Fällen wurden tiefsitzende, zerstörerische Ressentiments und Feindschaften geweckt, die bewirken können, dass der aktuelle Machtkampf auch die anderen Staaten des Mittleren Ostens in der Zukunft beispiellos mit sich reißt.

Khomeinis Behauptung, mit der Islamischen Republik Iran eine neue Regierungsform etabliert zu haben, unterschlägt das imperiale Vermächtnis Persiens, das historisch nicht von der Hand zu weisen ist. Die geo-strategischen Imperative Persiens treten immer dann hervor, wenn der islamische Iran unter Druck gerät. Ein Beispiel ist das Wiederaufleben von Persiens Umgang mit Minderheiten im Grenzland auf der Höhe des Krieges gegen den Irak - die Krux der Iran-Contra Affäre. Ein anderes ist die Fixierung Teherans auf den Zugang zum Mittelmeer im Westen und zur Seidenstrasse im Nordosten nach dem Kalten Krieg – die Schlüssel zur globalen Stellung des historischen Persiens. Daneben pflegt die Islamische Republik das in Sowjetzeiten begründete Erbe seines Bündnisses mit sogenannten "Schurkenstaaten" – hier vor allem Nord-Korea. Inhaltlich reicht das von der Unterstützung des Terrorismus bis hin zu kriminellen Handlungen wie z.B. die Herstellung von Falschgeld und Drogen oder auch der Drogenhandel. Unterm Strich zielt die übergreifende Strategie des Iran auf die Anpassung der historische Strategie Persiens - in Übereinstimmung mit der eigenen mahdistisch-schiitischer Weltanschauung -  auf die Gegebenheiten im gegenwärtigen weiteren Mittleren Osten und in Asien unter Wahrung der gemeinsamen Interessen der Allianz der "Schurkenstaaten".

Während der achtziger Jahre wurde Teheran zu einer überlegenen Regionalmacht. Es gelang dem Iran, die USA daran zu hindern, arabische Staaten wie den Irak, Saudi-Arabien und die Golf-Staaten zu instrumentalisieren, den Iran folgenlos zu sanktionieren. Teheran entschied sich für den "nuklearen Weg" um jeden Preis und kaufte der früheren Sowjetunion nukleare Sprengköpfe ab. Dies war eine der Lehren der ersten Golfkrise des Jahres 1990. Dem gleichen Zweck diente während der achtziger Jahre das gerichtete Vorgehen gegen die USA im Persischen Golf. Seit damals liegt es im iranischen strategischen Interesse, seine regionale Vorherrschaft als Landmacht zu verfestigen. Dies offenbarte sich auch in den wiederholten Bestrebungen während der neunziger Jahre, ein System von Allianzen mit dem Irak, mit Syrien und mit dem Libanon zu errichten, um die geo-strategische Stellung des Irans, seine militärischen Fähigkeiten, seine wirtschaftliche Chancen – hier vor allem der Export von Öl und der Import verbotener Hochtechnologien - und seine militärischen Fähigkeiten gegenüber den USA weiter voranzubringen. Bezahlte Djihadisten spielten dabei eine wichtige Rolle.

Im Nachgang zu den Terroranschlägen des 11.  September 2001 sah sich Teheran dann gezwungen, seine Gesamtstrategie neu auf die veränderten Rahmenbedingungen im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert auszurichten. Anlass war der Versuch der Einkesselung des Irans unter Führung der USA – im Irak, in der Türkei, in Zentralasien, in Afghanistan und Pakistan, im Arabischen Meer, in Saudi-Arabien und im Persischen Golf. Teheran war angesichts der Bereitschaft der USA zu unilateralen Einsätzen in Sorge vor schwerwiegenden Maßnahmen bis hin zu einem militärischen Angriff – nicht gänzlich unbegründet angesichts der aktiven Unterstützung Osama Bin Ladens durch den Iran beim Terroranschlag vom 11. September. Immerhin, es gelang dem Iran, den USA unter dem Schutzschirm strategisch glaubwürdiger, atomarer Kampfkraft in einer Serie regionaler Stellvertreterkriege schmerzhafte Schläge zu versetzen.

Nach dem Sieg der USA gegen den Irak im August 2004 übernahm  der Iran das schiitische Establishment des Irak. Er begann eine stille, stetig eskalierende Offensive. Teherans neue strategische Verwegenheit wurde in der Planung eines globalen "Kriegs für Öl" im Juni 2005 offenkundig. Zug um Zug fokussierte sich der Iran auf den Bau und die Entwicklung ballistischer Raketen im Iran bei stets einsatzbereiter Nukleartechnik. Die strategische Kooperation mit Nord-Korea und anderen Staaten war hierfür eine wesentliche Voraussetzung. Nach der Jahrtausendwende begann Teheran dann damit, den Druck auf sein regionales Umfeld zu erhöhen, ganz egal ob Freund oder Feind, um zu verhindern, dass sich Allianzen mit den USA bilden oder der Iran an den Rand gedrängt werden könne.

Als Teheran nach dem Millennium das strategische Zögern Washingtons registrierte, unternahm es den entscheidenden strategischen Vorstoß. In Zentralasien, Afghanistan und Pakistan ging der Iran in Kooperation mit der Türkei in die Offensive, drang in Zusammenarbeit mit dem Sudan nach Afrika ein, etablierte seine Präsenz in Lateinamerika und manipuliert nutzbringend für eigene Zwecke den Umbruch in der arabischen Welt und im weiteren Mittleren Osten.  Obamas Bemühen nach einer Annäherung mit dem Iran haben die iranische Entschlossenheit verstärkt, die vermeintliche U.S.-Schwäche zu nutzen und diesen Weg konsequent weiter zu verfolgen.

Das derzeitige Vorpreschen des Irans ist der Schlüssel zur Vorbereitung des Nachfolgeprozesses für Khamenei. Der zugleich strategische wie auch nukleare Ausbau soll den Iran von seiner Abhängigkeit befreien, Schlüsselkomponenten aus Nord-Korea importieren zu müssen. Mittlerweile spielt der Iran eine zunehmend  bedeutende Rolle bei der Ausbreitung brudermörderischer Auseinandersetzungen zwischen Syrien und dem Libanon, im Irak, auf der arabischen Halbinsel, in Jemen, im Sudan, in Libyen, in Ägypten, im Gaza-Streifen, zwischen Afghanistan und Pakistan, in Zentralasien, im Kaukasus und so weiter.

Zeitgleich suchen Russland und China in Zentralasien und im weiteren Mittleren Osten ihren Einflussbereich zu vergrößern und verstärken damit die geo-strategischen und geo-ökonomischen Reflexe Persiens. Als Konsequenz artikuliert der Iran bereits das persische Erbe im Aufstieg des Irans stärker als zuvor, durchaus auch auf Kosten des islamistisch-djihadistischen Charakters. Dies führte schließlich dazu, dass das durch Hassliebe geprägte Verhältnis zur Türkei Erdogans sich noch komplizierter gestaltete. In jüngster Zeit wurde die Umsetzung des iranischen Aufstiegs zunehmend durch Obamas Annäherung an Teheran geprägt. Letztlich ist Teherans Mitwirkung an den Atomverhandlungen eine Reaktion auf Obamas Lockruf.

Demgegenüber stehen dem Aufstieg des Irans wesentliche Hindernisse entgegen – insbesondere das Wiedererwachen der "Mackinder'schen Weltordnung"- Halford Mackinder war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts davon überzeugt, dass die Beherrschung des Kernlandes von Eurasien der Schlüssel zur Weltherrschaft sei - und der Niedergang einer Weltordnung, die zuvor durch den Kalten Krieg sowie US Dominanz bestimmt war. Der vorherrschende Kern dieser Transformation ist, dass Großmächte - hauptsächlich Rußland, China, Indien sowie das durch Deutschland geführte Europa - , weniger bedeutende Mächte – darunter Israel, der Iran, die Türkei, Ägypten und der Mittlere Osten -  und regionale Sub-Mächte – darunter Minderheiten, Volksstämme, Nationalitäten, städtische Sippen - jeweils Machterhaltung und Einfluss auf Basis ihrer geo-strategischen und geo-ökonomischen Ambitionen anstreben.

Diese Entwicklung bestimmt heute bereits das Kräftespiel im post-erwachenden Mittleren Osten und das Manövrieren eurasischer Großmächte in Zentralasien, im weiteren Mittleren Osten und rund um das Schwarze Meer, nur um einige Beispiele zu nennen. Die nun entstehende, alte und zugleich neue Weltordnung setzt allerdings der Macht und dem Einfluß Persiens enge Grenzen. Die Anführer der Islamischen Republik Iran wollen diese Realität derzeit noch nicht akzeptieren und sehen sich nach wie vor dem hegemonischen Aufstieg des islamistisch-mahdistischen Irans (wenn auch mit einigen persischen Elementen) verpflichtet. Sie sind davon überzeugt, dass Obama mit seiner Initiative der großen Wiederannäherung Teherans ungestörten Aufstieg anerkennt.

Sofern sich Khamenei und seine Nachfolger nicht zügig den Bedingungen der "Mackinder'schen Weltordnung" anpassen, wachsen und gedeihen die Ursachen eines verhängnisvollen Konflikts zwischen einem mahdistischen Iran, der bestrebt ist koste es was es wolle Khomeinis Sehnsüchte in die Tat umzusetzen und den Mächten des weiteren Mittleren Ostens sowie den eurasischen Großmächten,  die es Teheran auf dem engagierten Weg zu einer neuen "Mackinder'sche Weltordnung" nicht gestatten werden, sich im Sinne eines modernen Irans über die historische Position Persiens zu erheben. Die Frage ist nur, wie weit wird Teheran gehen und welche seiner strategischen Instrumente wird es in seinem verzweifelten und trotzigen Kampf für die Seele des Irans nutzen?

Anmerkung: Auffassungen, die in diesem Beitrag ausgedrückt werden,
sind die  persönlichen Auffassungen des Autors.

Original von Yossef Bodansky, herausgegeben in Englisch vom
Institut für Strategie-, Politik-, Sicherheits- und Wirtschaftsberatung ISPSW im April 2015


Yossef Bodansky ist seit 1983 Forschungsdirektor der International Strategic Studies Association und Herausgeber in der Defense & Foreign Affairs Verlagsgruppe. In den Jahren 1988 - 2004 war er Direktor der US-Kongress Task Force "Terrorismus und unkonventionelle Kriegsführung" und blieb in diesem Feld Sonderberater für den US-Kongress. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter "Bin Laden: The Man who declared War on America", mit dem er Nr. 1 auf den Bestsellerlisten der New York Times und der Washington Post war.

20. April 2015