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Cigdem Toprak, Politikwissenschaftlerin

Bildung gehört zu Deutschland

Unsere Gesellschaft ist mit der Frage überfordert - solange wir unwissend darüber sind - wie wir als Bürger auf islamischem Extremismus in unserem Land, schreckliche Verbrechen von Stammeskulturen aus der muslimischen Welt, wie Ehrenmorde und Zwangsheirat in unserer eigenen Nachbarschaft, religiösen Symbolen wie das Kopftuch an Lehrerinnen in unseren Schulen und anti-demokratischen Haltungen und Werten unter unseren muslimischen Mitbürgern reagieren sollen und dürfen.

Was darf man noch kritisieren und was gilt als islamfeindlich?

Diese Frage ist wichtig, weil wir nach Lösungen für jene Probleme suchen, unter denen Muslime sowie Nicht-Muslime gleichermaßen leiden.

Berechtigt ist es auf jeden Fall, Probleme und Mißstände beim Namen zu nennen, anstatt ungerechtfertigt zu relativieren, zu ignorieren oder schönzureden. Erst wenn man die äußeren Bedingungen erkennt, die anti-demokratische, unmenschliche, extreme und gewalttätige Ansichten und Handlungen hervorrufen, kann man auf die vielen Fragen auch richtige Antworten geben.

Zu diesen Rahmenbedingungen gehören soziale und wirtschaftliche Faktoren – die immer benannt werden im Kontext der Frage, warum sich einige muslimische Migranten in Deutschland nicht an die Regeln unserer Gesellschaft halten. Aber darf man denn nicht zugeben, dass Religionen, Kulturen und Traditionen, die natürlich viel "Gutes" erzeugen, ebenso gut das "Böse" heraufbeschwören können? Wir sprechen dabei nicht vom "Missbrauch" einer "gutgemeinten" Religion – wir sprechen davon, dass eine Religion sich eben nicht in all ihren Formen und Aspekten den Vorstellungen und Werten einer friedlichen, modernen, aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft entspricht - vielleicht auch nicht immer muss.

Ob der Islam zu Deutschland gehört, ob wir uns einen demokratischeren, humanistischeren Islam wünschen? Erreichen können wir es nur, indem wir unsere eigenen humanistischen, demokratischen Werte verteidigen und sie propagieren. Wir sollten uns nicht stark für eine Religion wie den Islam machen, sondern für die Aussicht eines muslimischen Lebens in Deutschland, das mit den Werten dieses Landes in Einklang steht.

Wir haben nicht die Macht, eine Religion so maßzuschneidern, dass sie unserer demokratischen Wertebasis entspricht; über diese Macht verfügt weder der Einzelne noch die Gesellschaft, schon gar nicht kann es der Staat. Was wir aber können ist, von den Angehörigen der islamischen Religion sehr wohl zu erwarten, dass sie sich nicht nur unseren Werten und unserem demokratischen System anpassen, also pragmatisch sind – nein, mehr noch: dass sie sich zu ihnen bekennen und diese mit uns zusammen stärken.

Wir sollten uns deshalb vor Augen halten, dass in unserem Land nicht in jedem Zuhause demokratische Werte vermittelt werden, dass nicht jedes Kind seine Alternativen kennt, wenn es darum geht, welche Lebensform es wählen kann – und vor allem darf.

Es geht nicht um Lebensstile, nicht um die Frage, ob ein Kind "westlich" erzogen wird, ob ein Jugendlicher Alkohol trinkt und eine junge Frau einen Minirock trägt – es geht darum, ob die Eltern - und mit welchen Mitteln - den Lebensweg ihrer Kinder derart vorbestimmen, dass sie ihnen ihre Grundbedürfnisse verbieten und sie zu einem Leben zwingen, das sie selbst im Erwachsenenalter nicht führen wollen – ein Leben, das gar nicht unserer demokratischen Wertebasis entspricht.

Wir beobachten aber auch, dass sogar den religiösen Eltern die eigenen Kinder verloren gehen – verloren an extremistische Kräfte, die vortäuschen, ihren Kindern Halt zu geben und dabei wird ihnen vor allem beigebracht, zu hassen. Diese jungen Menschen werden in unserem Land dazu erzogen, zu hassen, zu töten und dabei ihre Vernunft und ihr Gewissen abzuschalten.

Wenn es in diesem Land Eltern gibt, die nicht bereit sind oder sein können, ihren Kindern demokratische Werte zu vermitteln, sie zu Demokraten zu erziehen – was können wir als Mitbürger, was kann unsere Gesellschaft wirklich dagegen tun?

Es wird oft behauptet, Muslime seien nicht demokratiefähig. Niemand aber wird als Demokrat geboren, man wird dazu erzogen. Beginnend mit Kindergarten und Schule haben wir die Pflicht, uns endlich und ausdrücklich für unsere demokratischen Werte einsetzen und damit die Basis zu legen, um alle Mitbürger in unser Wertesystem und Rechtsstaat zu integrieren.

Bildung darf nicht länger ein Instrument sein ausschließlich zur Berufserlangung. Bildung ist ein mächtiges Mittel, Menschen demokratisch zu erziehen und sie aufzuklären. Bildung ist sowohl eine friedliche Waffe und als auch ein friedliches Schutzschild zugleich.

Der Klassenraum muss ein Ort werden, der den Kindern Raum und Anregung bietet, sich mit unserem demokratischen und freiheitlichen Rahmen auseinanderzusetzen und sich in diesem Rahmen zu entfalten. Das ist die beste Hilfe gerade für diejenigen Kinder, die zu Hause nichts mehr von diesen Werten vermittelt bekommen.

Das gilt übrigens nicht nur für muslimische Kinder.

Unsere Lehrer und unser Bildungssystem scheinen mit dieser Aufgabe entweder überfordert oder man ignoriert diese Aufgabe sogar – dieses "Augen-zu-machen" würde sich fatal rächen.

Wir müssen von der Politik fordern, den Ethik-, Geschichts-, Biologie und Religionsunterricht in unserem Land so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche wieder mit den Grundlagen unseres Wertesystems vertraut gemacht werden. Es gilt, endlich unsere eigenen Werte zu verteidigen. Dies ist die einzig reelle Chance, die es Menschen mit anderem Glauben und anderer religiöser Identität ermöglicht, in einen demokratischen und humanistischen Rahmen hineinzuwachsen – und zu erkennen, wie wundervoll dies in unserem Land möglich ist.

Der schulische Alltag ist realer und tausendmal prägender als irgendeine deutsche Polit-Talkshow, ein Essay in einer Tageszeitung oder einer Panel-Diskussion über Islam, Demokratie und das berühmte Multikulti.

Wenn wir die Augen nicht mehr verschließen und uns dieser Aufgabe stellen bauen wir den stärksten Schutzwall auf, damit Kinder nicht mehr – auf jeden Fall aber nicht mehr so leicht - Opfer werden von menschenfeindlichen Ideologien und selbst zur Gefahr werden für unsere Demokratie.

Wenn Politiker, Verbandsvertreter und Intellektuelle endlich den Blick von ihren ideologischen Machtkämpfen abwenden und endlich erkennen, was auf unseren Schulhöfen, was in unserem Unterricht wirklich passiert, würden sie erkennen, welche Hilflosigkeit inzwischen bei allen herrscht: bei den Kindern, bei den Eltern und bei Politik, Medien und Intellektuellen selbst.

Während wir nichts wissen aber umso mehr diskutieren wissen die Kinder nicht, wie sie aus den Fallen herauskommen, die Ihnen Zuhause und im Alltag gestellt werden.

Was ist die junge Frau? "Gute Muslima und Tochter", eine "potentielle Terroristin", eine "integrierte Deutsche" oder "eine beispielhafte Frau mit Migrationshintergrund"?

Wo sind Maßstab und Wertebasis für ein 13-jähriges heranwachsendes Mädchen muslimischen Glaubens? Wer reicht diesem jungen Menschen, der sich so oder so schon in einer orientierungslosen Zeit befindet, die Hand?

Und wer überreicht ihr endlich unser Grundgesetz, das sie neben ihren Koran legen kann und darf?

28. März 2015