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Wolfgang Prabel

Der Bausatz des Dritten Reiches

Der Bausatz der NS-Ideologie aus ökologischen und ökonomischen Irrlehren wurde vollständig vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt. Spätkaiserzeitliche Ideologiepuzzles wurden von den Lebensreformern immer wieder neu zusammengesetzt und dekonstruiert. Einzelne Teile kamen wie bei Kinderspielen weg, andere dazu.

Adolf Hitler zimmerte aus dem nietzscheanischen Elitarismus, dem vermeintlichen Produktionsstreik der Natur, aus paranoider Aversionen gegen den Zins und die Banken, aus Antisemitismus und Verstaatlichungsphantasien, aus Volksbildung und Volksgesundheit, aus Ariosophie, Mutterschutz und Sportpflicht, aus Tierschutz, Vegetarismus und Katastrophenglauben, aus Angst vor großen Kaufhäusern und dem Freihandel, aus Rassenlehre und Euthanasie seine 25 Punkte als Parteiprogramm und seine spätere Regierungspraxis.

Das Ergebnis dieser Politik war 1945 für die Deutschen so ernüchternd, daß der "Neue Mensch" und die Jugendbewegung mehr als ein Jahrzehnt Sendepause hatten. In der Mitte der 60er Jahre begann dann aber die Renaissance der Lebensreform. Wenn man die alten Bauklötze der Jugendbewegung unter Weglassung des Rassismus und der Germanenschwärmerei, wie von den 68ern praktiziert, wiederverwendet, kommt leider nicht das Gegenteil des Nationalsozialismus heraus, nämlich eine demokratische Bürgergesellschaft, sondern neuerlich ein kleinkarierter, elitaristischer Bevormundungsstaat.

Da ein Bausatz immer auf einfachen Figuren fußt, ist keine besondere Intellektualität für den täglichen Gebrauch  erforderlich – ganz im Gegenteil. Eigenständige Orientierung und Nachdenken über Alternativen wären hinderlich. Ein Bausatz ist auch nicht wirklich flexibel. Es dominiert beim Nachbau der Lebensreform der Wunsch, sich als moralisch überlegener Zeitgenosse zu produzieren und zu profilieren sowie nebenbei seinen goldenen Schnitt aus Fördergeldern zu machen - seien es EEG-Stromvergütungen, Filmförderungen oder KfW-Beihilfen für Dämmfassaden. Hingebungsvolle Bereitschaft zur Unterwerfung unter ein Heilssystem war schon immer die Kehrseite eines irrlichternden Moralverlangens.

Im Werkzeugkasten, aus dem sich Adolf Hitler und die Nationalsozialisten bedienten, lag also das erprobte Handwerkszeug der Lebensreformer, die bereits um 1900 die deutsche Befindlichkeit diktierten und bis zum heutigen Tag, mit einer von wissenschaftlichen Grundlagen abgehobenen Naturreligion, einen parteiübergreifenden Einfluß in Deutschland haben. Ein abschreckendes, aber prägnantes Beispiel für den bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik fortgeschrittenen lebensreformerischen Diskurs, ist die Rassenhygiene- und Eugenikdebatte von 1890 bis 1933.

Der Arzt Alfred Ploetz (1860-1940) war ein Opfer des Bismarckschen Sozialistengesetzes. Er war leidenschaftlicher Antialkoholiker und seit seiner Studentenzeit in einer Gemeinschaft organisiert, die ein "Gemeinwesen auf freundschaftlicher, sozialistischer Grundlage" als Ziel der Träume hatte. Viele, auch heute noch bekannte Persönlichkeiten, waren Teil dieses schwärmerischen Treibens. Frank Wedekind zum Beispiel, Richard Avenarius, auch Carl und Gerhart Hauptmann. Dieser Alfred Ploetz, dem als Sozialist in Deutschland der Prozess gemacht wurde, dem er sich 1883 durch Flucht in die Schweiz entzog, gründete nach seiner Wiederkehr 1905 die "Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene". Sein Ziel war die Förderung der arischen Rasse, der "Kulturrasse par excellence". Was für ihn gleichbedeutend war mit der Förderung der Menschheit insgesamt, da die Menschheit, wie er meinte, mit wenigen Ausnahmen, wie etwa der jüdischen Rasse, ohnehin arisch sei. Ploetz wurde 1933 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft für Rassenhygiene und Rassenpolitik im Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik. Gründungsmitglied dieser Gesellschaft für Rassehygiene war auch der Arzt Ernst Rüdin (1874-1952), ein Schwager von Ploetz. Rüdin hatte sich bereits 1903 für die Sterilisation bei bestimmten Diagnosen ausgesprochen. 1933 wurde er Kommissar des Reichsinnenministeriums für Rassenhygiene und Rassenpolitik, ein Jahr später Richter am Erbobergesundheitsgericht, 1937 wurde er Mitglied der NSDAP und 1944 endlich erhielt er den Adlerschild des Deutschen Reiches. 1945 verlor er allerdings die schweizerische Staatsbürgerschaft wegen unschweizerischen Verhaltens. Spät, aber immerhin.

Am Ende des Jahres 1905 waren bereits 31 Mitglieder in der illustren Rassenhygienegesellschaft versammelt, vom populärwissenschaftlichen Literaten Friedrich Bölsche über den Jenaer Zoologieprofessor Ludwig Plate - der bereits 1922 durchsetzte, daß die ersten vier Reihen des Klinischen Auditoriums an der Uni Jena nur von Ariern besetzt werden durften - den sozialdemokratischen Sozialhygieniker und Reichstagsabgeordneten Alfred Grotjahn, der 1926 die planmäßige Ausmerzung durch Verwahrung und Zwangsunfruchtbarmachung erblich Belasteter forderte, bis hin zum linken Pazifisten und überzeugten Europäer Wilhelm Schallmeyer, der 1903 das Buch "Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker" herausbrachte, welches zum meistgelesenen Standardwerk diese Genres wurde.

Die SPD blieb von der Neuerungswut nicht verschont: Oda Olberg verkündete 1907 im sozialdemokratischen Theorieorgan "Neue Zeit": "Nicht weil ich orthodoxer Parteisoldat bin, glaube ich, daß die Forderung der Rassehygiene in der sozialistischen Bewegung ihren wirksamsten Bahnbrecher hat, sondern ich bin Sozialist, weil ich das glaube." Kriminalität erklärte sie aus biologischer Minderwertigkeit, Kultur und zu geringe biologische Auslese würden zu einer Verschlechterung des Erbguts führen. Noch 1932 beklagte Olberg in frappierender Fehleinschätzung: "Der so notwendige Appell an ein rassenhygienisches Bewusstsein der Massen verhallt heute zum Teil deshalb so ungehört, weil der Nationalsozialismus diese Forderung in sein reaktionäres Programm aufgenommen hat."

Der Zoologe Ernst Haeckel und der Philosoph Alexander Tille hatten bereits am Ende des 19. Jahrhunderts die Euthanasie, insbesondere für behinderte Kinder gefordert. Lange vor der Machtübernahme der NSDAP wurde auf sozialdemokratischen Parteitagen über die Sterilisierung von Idioten diskutiert. Bereits vor der Jahrhundertwende gab es in Deutschland eine radikal antisemitische Partei, die Deutsche Reformpartei. Sie schaffte es, trotz Mehrheitswahlrecht, immer wieder in den Reichstag. Die KPD war übrigens nach 1928 systematisch entjudet worden. Die deutsche Intelligenz begeisterte sich am Ausbruch des Ersten Weltkriegs und anschließend für die Revolutionsexzesse in Rußland. Der Rassismus war damit fast allgemeiner Konsens in der Gesellschaft des Spätkaiserreichs und der Weimarer Republik.

In der Mischehendebatte, die am 7. Mai 1912 im deutschen Reichstag geführt wurde, zeigte sich, daß fast alle Parteien, auch die oppositionellen Sozialdemokraten, massive Vorurteile hatten und Ehen mit Negern und Südseeinsulanern mehr oder weniger ablehnten. Der Sozialdemokrat Georg Ledebour entrüstete sich wegen der unerfreulichen Tatsache, dass gewisse Frauen aus den wohlhabenden Kreisen für exotische Völkerschaften eine perverse Neigung bekundeten. Er sprach ausdrücklich von Entartung in diesem Zusammenhang. Den Samoanern und Bastards bescheinigte er, in körperlicher und geistiger Beziehung den Europäern nahezustehen, die Einwohner Togos, Kameruns und Ostafrikas erwähnte er in diesem Zusammenhang nicht. Der Parlamentarier Mumm von der Wirtschaftlichen Vereinigung sprach in der Debatte bereits von Rassenschande. Er wollte nur verheiratete Beamte in die Kolonien entsenden. Der Abgeordnete Freiherr von Richthofen von den Nationalliberalen verwies darauf, daß der Eingeborene, der von den Weißen lernen soll, diese als Wesen ansehen muß, die weit und stark über ihm ständen. Lediglich der katholische Abgeordnete Gröber dachte praktisch und fromm: Die eingeborenen Frauen würden oft ansehnliche Viehherden in die Ehe einbringen, kämen mit den widrigen Verhältnissen in den Schutzgebieten besser zurecht als deutsche Frauen und zudem sei es sachlich einfach unmöglich zu sagen: "Christen dürfen untereinander nicht heiraten, weil die Frau eine schwarze oder braune Haut hat und der Mann eine weiße. Das kann vom religiösen Standpunkt aus unmöglich vertreten werden." Auch seien diese Ehen fast immer glücklich. Der Staat habe kein Recht in ein auf ehrenhafter Gesinnung beruhendes Zusammenleben einzugreifen.

Wie man sieht: Die späteren Überzeugungen der Nationalsozialisten waren schon im späten Kaiserreich fast allgemeiner Konsens. Vor Hitlers Machtergreifung wurde dem Elitarismus, dem »Neuen Menschen« als Übermenschen und Führer, dem germanischen Blut, dem heimischen Boden, den deutschen Waldgewächsen, dem tradierten Brauchtum, den vorchristlichen Naturidolen, der Männlichkeit, dem Antikapitalismus, dem Antisemitismus, dem jugendbewegten Aktivismus und der Gewaltanwendung gehuldigt. Und zwar von der ganzen jugendbewegten Intelligenz. Der Glaube an bevorstehende Gesellschafts- und Naturkatastrophen und der Unglaube an Vernunft, Rationalität und Demokratie einte die deutschen Eliten. Es gibt keine politische Umwälzung auf der Welt, die nicht eine kulturrevolutionäre Vorbereitungsphase hatte.

Es ist an der Zeit, die Periode zwischen 1890 und 1933 neu zu analysieren, weil sich die Geschichte zu wiederholen scheint. Die Bundesrepublik Deutschland beginnt nach der Periode des Wirtschaftswunders, der Etablierung der parlamentarischen Demokratie und politischer Aufklärung zurückzufallen in antidemokratische Denkweisen und kulturellen Obskurantismus. Fast alle totgeglaubten Gespenster des Kaiserreichs und der Weimarer Republik sind am Erwachen. Wie vor 100 Jahren glaubt sich jener Teil der deutschen Intelligenz, welcher die Medien und den Kulturbetrieb kontrolliert, im Besitz globaler Weisheit; egal ob es sich um den Weltfrieden, den Welthandel oder das Weltklima handelt. Ähnlich wie vor hundert Jahren verteilt die deutsche Intelligenzija anderen Eliten der westlichen und Dritten Welt politische Zensuren. Deutschland ist wie vor 100 Jahren Exportweltmeister bei Maschinen und wie bei idealistischen Ideologien.

Es gibt fast keinen Schriftsteller, Maler, Dichter des Spätkaiserreichs, der sich nicht für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begeistert hat. Es gibt nur eine Handvoll Künstler, die in der fraglichen Zeit die parlamentarische Regierungsform akzeptiert oder unterstützt haben. Es gab auch in der Weimarer Zeit keinen konsequent demokratisch orientierten Kulturbetrieb. Die Kraftkerle der Moderne waren in der ganz überwiegenden Zahl elitaristische Antidemokraten.

Sowohl ökonomische, wie auch kulturelle Traditionen haben den Nationalsozialismus in seiner Entstehung begünstigt. Die ökonomischen Ursachen werden jedoch über- und die kulturellen unterbewertet. Und der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Kultur wird nicht konsequent benannt: Große Teile der deutschen Wirtschaft hatten das Ende der zünftigen Monopole und die Auflösung der ländlichen Bindungen, seien sie feudaler oder genossenschaftlicher Natur, nicht wirklich angenommen. Moderne Wirtschaftsformen waren im Gefolge der napoleonischen Eroberungen nach Deutschland verschleppt, aber nicht verinnerlicht worden. Die Fortschritte, wie Gewerbefreiheit und Judenemanzipation, waren durch französische Plünderungen, Einquartierungen, Brandschatzungen, Säkularisierungen von Klosterbesitz und anderen Gewaltexzessen diskreditiert.  

Der romantische Konservatismus war als Replik auf Napoleon ein zünftiger und bäuerlich-egalitärer Traditionalismus, der als Gegensatz zum modernen Industrialismus begriffen wurde - und damit auch als Gegensatz zum Marxismus. Der Marxismus wurde nicht deshalb vehement abgelehnt weil er egalitär war, sondern weil er ohne die Symbiosen mit der Industrie und dem Kapitalismus nicht hätte überleben können. Dieser konservative, aus dem Heiligen Römischen Reiche tradierte Sozialismus der Zünfte, Gilden und Genossenschaften beherrschte als Modeströmung das ökonomische und kulturelle Denken des Spätbiedermeiers, des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Der kulturelle Antikapitalismus war die Kehrseite des ökonomischen Antikapitalismus.

In diese restaurative Stimmung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts platzte Nietzsche mit seiner archaischen Blut- und Bodenphilosophie. Nietzsche stellte die Frage nach der Umweltverträglichkeit der modernen industriellen Gesellschaft und verneinte diese, stellte die menschliche Vernunft selbst in Frage und geißelte das Christentum, welches die ursprünglichen germanischen Naturidole weitgehend verdrängt hatte. Die deutschen Aborigines sollten die römischen Priester zum Tempel herausjagen, um Waldschraten und Elfen wieder ihren angestammten Platz zu verschaffen.        

1967/68 begann nach zwei Jahrzehnten der Ernüchterung der schleichende ideologische Rückweg in die deutsche Vergangenheit: Die NPD wurde damals mit bis zu 10 % in sieben deutsche Landesparlamente gewählt und verfehlte 1969 den Einzug in den Bundestag nur knapp; gleichzeitig wurden Antikapitalismus und Antisemitismus in der Studentenrevolte wiederbelebt. Es fehlte noch die Wiederauferstehung der totgeglaubten Lebensreform. Sie erfolgte mit geringem zeitlichen Abstand in der Mitte der 70er Jahre. Der erste grüne Barde im Deutschen Bundestag war der Niedersachse Herbert Gruhl, bald folgten grüne Wahlerfolge in Bremen und Baden-Württemberg. Seither nehmen die Allergien jedes Jahr zu, weil man sich einerseits vor Elektrosmog, Feinstaub, Ekelfleisch, Waldsterben, Erderwärmung, Genreis, Verkehrslärm, spanischen Paprika, chinesischem Spielzeug und Radioaktivität fürchtet, andererseits immer mehr Wasser und Gel unter der Dusche verplempert.        

Eine Bewegung wie die Lebensreform, die zwischen 1890 und 1945 das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben geführt und bestimmt hatte, auf deren ideologischen Krücken die politisch Lahmen und Blinden in Deutschland jahrzehntelang gehumpelt waren, konnte durch das Wirtschaftswunder nicht auf Dauer einfach wegradiert oder in den Sumpf ewigen Vergessens abgesäuft werden. Alte Kader und junge Spontis ergriffen bei der ersten Gelegenheit, nämlich während einer ersten Abflachung der Wachstumskurve ab 1965, die Chance zum kulturellen roll back. Anders als im Kaiserreich und in der Weimarer Republik regte sich jedoch immer wieder auch ernst zunehmender Widerstand gegen die Renaissance der Jugendbewegung und der Lebensreform. Die Lehre von der Erschaffung des »Neuen Menschen« blieb durch die Judenvernichtung, die Euthanasie, den verlorenen Weltkrieg und den Stacheldraht an der Zonengrenze diskreditiert. Viele kulturelle Erscheinungen der Jugendbewegung und Lebensreform wie zum Beispiel der Rassismus und der Antisemitismus konnten nur mit Verfremdungseffekten wieder aufgegriffen werden, andere Erscheinungen wie Vegetarismus, Bodenkult, Naturschutz, Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Expressionismus hatten es einfacher, weil neben Tätern und Mitläufern immer auch Verfolgte der NS-Periode als Zeugen der ideologischen Unbeflecktheit vorgewiesen wurden.

Die Taktik derer, welche die belastete Lebensreform und den abgewirtschafteten Idealismus wiederbeleben wollten, war denkbar einfach: Erstens die Verfolgten des NS-Regimes würdigen. Zweitens die nationalsozialistischen Nachkriegs-Wendehälse geißeln, drittens die Geschichte von hinten nach vorn neu schreiben: Beginn mit der bedingungslosen Kapitulation 1945 und Ende mit der Machtergreifung 1933. Es gab zwischen 1933 und 1945 viele Gegner und Opfer des nationalsozialistischen Schönheitsstaates, die Hitler vor 1933 auf die politischen Beine geholfen hatten. Einige davon erhielten nach 1968 politische Heiligenscheine, andere nicht.

Es geht um eine konsistente Erklärung der Entstehung des Nationalsozialismus. Darum erzählt dieses Buch die Geschichte anders herum: Beginn im 19. Jahrhundert bis zum Frühjahr 1933. Dabei werden Perspektiven freigelegt und rekonstruiert, die die Zeitgenossen wirklich hatten. Eine Logik der Entscheidungen und Langfristigkeit von Überzeugungen wird deutlich, die bei der üblichen rückwärtigen Betrachtung verlorengeht. Verbindungsknoten zwischen verschiedenen Lebensreformansätzen werden gesucht, gefunden und dargestellt, ebenso wie die Berührung oder Verknüpfung mit nationalsozialistischen Überzeugungen.

Ein beiläufiger Untersuchungsgegenstand des Buches ist die bisher weitgehend ungelöste Frage, warum die völkische NSDAP und die bolschewistische KPD oft so eng beieinanderliegen; warum sich die beiden Parteien in Fragen des Antikatholizismus, Antikapitalismus, Antisemitismus, Antiamerikanismus, der Gesellschaftskonzeption, der Führungspraxis und –philosophie, der ästhetischen Anschauungen, der Menschenhaltung in Lagern sowie in außenpolitischen Fragen sehr ähnlich sind. Es ist, wie wir sehen werden, die gemeinsame Herkunft aus dem Geist der Jugendbewegung. Lenin entwickelte 1901 in Schwabing unter dem Einfluß des deutschen Elitarismus in seinem Werk "Was tun?" die bolschewistische Führerpartei mit einer neuen antimarxistischen Definition des Verhältnisses von Führung und Masse; Hitler begann 1920 von Schwabing aus seine nationalsozialistische Führerpartei aufzubauen. Gleichermaßen beeinflußt von Friedrich Nietzsche wie die aktivistische Jugendbewegung ist auch das Bild vom anzustrebenden Neuen Menschen, einmal als Weltproletarier, ein andermal als Weltgermane.

Es ist an der Zeit, zum Ausgangspunkt der Analyse des Entstehens des Nationalsozialismus eine Betrachtung elitaristischer Grundströmungen und korporatistischer Rückerinnerungen zu machen, statt den "Faschismus" als Sieg des Monopolkapitals über die Arbeiterklasse zu werten oder als Auswirkung der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus im Allgemeinen. Der Sieg des Nationalsozialismus war der Erfolg der elitaristischen Jugendbewegung, die sich im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ungestört ausbreiten und die kulturellen Fundamente des Staats unterwühlen konnte, ohne vor 1933 jedoch die politische Macht zu erobern.       

"Der Bausatz des Dritten Reiches" ist Band 1 der edition:freiheit
des Deutscher Arbeitgeber Verband Autor ist Wolfgang Prabel.

Das Buch ist als eBook u. a. hier erhältlich:

itunes weltbild


26. März 2015