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Professor Dr. Hans-Jörg Jacobsen

Das Vorsorgeprinzip gilt – nur nicht im Naturschutz oder bei Bio-Produkten

Die typische Lesart des an sich ja durchaus sinnvollen Vorsorgeprinzips sieht im grünen Mainstream so aus, daß die Verantwortlichen – in der Regel Politiker- handeln müssen, sobald eine Gefahr aufpoppt.  Diese Handlungen bestehen dann zumeist aus Verboten, womit der vorherrschende rotgrüne Reflex bedient wird.

Da Evidenz für die Realität einer Gefahr meist nicht erforderlich ist, wird das Prinzip inzwischen grundsätzlich und inflationär angewendet – allemal wenn es um Gentechnik, "Chemie" , Fracking oder sonstigen Innovationen geht.

Ganz anders aber sieht es mit der Behandlung des Vorsorgeprinzips aus, sobald es um Bio-Produkte oder romantische Naturverklärung geht. Beispiel gefällig?

Durch kontaminierte Sprossen aus einem Hardcore Biobetrieb im niedersächsischen Bienenbüttel erkrankten einige tausend Menschen - 53 starben von den 4.000 (!!) Infizierten. Viele leiden noch immer unter den Langzeitwirkungen. Wurde nun, als eigentlich zwingende  Konsequenz, nach dem Vorsorgeprinzip der Biolandbau in Frage gestellt?

Kam gar nicht in Frage. Obwohl immer wieder Berichte über hygienische Mängel gerade bei "Bioprodukten" vermeldet werden , man muss nur die entsprechenden Hefte der Stiftung Warentest durchblättern. Dabei fällt auf, daß angesichts des Anteils von Bioprodukten im Lebensmittelmarkt die Anzahl der Skandale unverhältnismäßig hoch ist. Aber kein Politiker hat das Rückgrat, auch hier das  Vorsorgeprinzip anzuwenden, könnte es doch Wählerklientel verscheuchen.

Stellen wir uns spaßeshalber einmal vor, etwas auch nur annähernd gravierendes wäre bei einem Nahrungsmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen passiert. Die Technologie wäre töter als tot. Das führt dann aber auch zu der Frage, warum all die seriösen Ergebnisse der langjährig von öffentlich geförderten, unabhängigen Wissenschaftlern durchgeführten Arbeiten zur Sicherheit der Gentechnik keinen Niederschlag in politischem Handeln gefunden haben.

Offenbar war man von den Ergebnissen, die nicht den geringsten Hinweis auf eine mögliche Gefährdung durch gentechnisch veränderte Pflanzen erbrachten (obwohl die Arbeiten teilweise sogar in dem Bestreben durchgeführt wurden, etwas zu finden) enttäuscht. Man hatte sich von grün über rot, braun oder tiefschwarz offenbar etwas anderes erwartet und entschied, weil die Wissenschaft sich nicht als willfährig gezeigt hatte, die Ergebnisse zu ignorieren. Das Vorsorgeprinzip gilt eben nicht, wenn die Wissenschaft Entwarnung gibt. Das Prinzip gilt nur, wenn die Sturmabteilungen und Schutzstaffeln rotgrünbraunschwarzer Hysterie sich zu Wort melden.

Ein weiteres Beispiel: Die Populationen des Wolfs in unseren Wäldern und Feldern nehmen überraschend schnell zu. Als kürzlich in der Gegend von Vechta ein Wolf in der Nähe eines Waldkindergartens gesichtet wurde, redeten die Naturschützer, für die die Rückkehr des Raubtiers Wolfs eine Art religiöses Erweckungssignal darstellt, das Problem klein. Muss erst ein Kind von einem Wolf gerissen werden, ehe sich das Jagdgesetz des Wolfes annimmt?
Wahllos herausgegriffen ein weiterer Beleg: In vielen Gegenden der Republik gibt es einen Wettlauf, landwirtschaftliche Flächen wieder zu "vernässen" und in Moore zurück zu verwandeln. Abgesehen davon, dass es sich dabei um fragwürdige Eingriffe in das Eigentumsrecht handelt, kümmert es die nostalgischen Renaturierer nicht, dass vielleicht bei Anwohnern Keller nass werden oder Brutplätze für Mückenschwärme geschaffen werden. Dabei wird geflissentlich vergessen, dass in vielen Teilen Norddeutschlands Moore aus drei Gründen ausgetrocknet wurden: Landgewinnung, Brennstoffgewinnung und Ausrottung des "Marschenfiebers", einer nördlichen Variante der Malaria, die durch Mücken übertragen werden. Gerade in den moortypischen Flachgewässern ohne Fischbesatz finden Mücken im Sommer beste Brutbedingungen. Ermöglicht durch Klimawandel und Fernreisen in die Tropen – werden vermehrt auch in Deutschland Tigermücken, die das Dengue-Fieber übertragen können oder Anopheles-Mücken, die Hauptüberträger der Malaria,  gefunden.  Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir aus den renaturierten Mooren wieder mit Problemen konfrontiert werden, die viele Ärzte ´vermutlich erst einmal gar nicht diagnostizieren können.

Aus dem Bundesumweltministerium heißt es, dass viele Hochmoore durch den hohen Säuregehalt der Gewässer keine Brutmöglichkeiten für Mücken böten. Das kann man aber nur so interpretieren, daß in diesem Ministerium die Möglichkeit einer evolutiven Anpassung, die bei den großen Populationen von Mücken auch recht schnell erfolgen kann, ausgeschlossen wird. Eine derartige Meinung  würde man, wenn sie in einer Verlautbarung aus dem mittleren Westen der USA käme, resignierend und achselzuckend abtun, denn dort ist die Darwin´sche Evolutionstheorie so beliebt, wie eine Flasche Scotch in Mekka.

Doch die Antwort stand in einem Schreiben des Bundesumweltministeriums, dessen Chef war damals Norbert Röttgen und die Verfasserin eine promovierte Biologin. Zum Realitätscheck sollte man sich beispielsweise mit Menschen aus Hülsberg unterhalten, die nach der Wiedervernässung eines Hochmoores unter einer horrenden Mückenplage leiden.

Fazit: Bei der Umsetzung des Vorsorgeprinzips gibt es in Deutschland blinde Flecken, verursacht durch eine nur ideologisch begründbare Vernebelung einer klaren Gedankenführung.  

Die Langfristschäden tragen die Menschen. Die 4.000 EHEC Opfer waren ganz sicher erst der Anfang.

Prof. Dr. H.-J. Jacobsen
Inst. Für Pflanzengenetik
Leibniz-Universität Hannover

16. März 2015