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Gertrud Höhler, Publizistin

Islam: Die Stunde der Wahrheit
für unsere Werteordnung

"Der Islam gehört zu Deutschland": Im Karriereplan der Kanzlerin mag dieser Satz den nächsten Modernisierungs-Schub beschreiben, den das Land braucht, um auf die Höhe der Zeit zu kommen. Die Gleichung ist einfach: Islam minus islamistischer Terror gleich Frieden und Freiheit unterm westlichen Wertehimmel.

Die Blitzlektion dieser Terrorwochen ist keine einfache Gleichung. Sie lehrt uns Globalisierung noch einmal neu verstehen: als den Zusammenprall der Ungleichzeitigen.

Wer sich vorn glaubte in der Zivilisationsgeschichte, wir zum Beispiel, wird mit einem Schlage an jene nicht gelernten Lektionen der Jahre 1979 und 2014 erinnert, als der iranische Ayatholla Khomeiny - wie heute der türkische Staatschef Erdogan - der Welt vorführte, dass man den Rückwärtsgang einlegen kann, um antimodern weiterzufahren. "Modernisierung" geht nur in modernen Gesellschaften, die ihr weltliches Profil bereits gefunden haben. Dieser Prozess kann nicht einfach losgetreten oder verordnet
werden, wenn ungleichzeitige Kulturen aufeinanderprallen.
Er kann auch nicht beliebig beschleunigt werden, wenn
die eine Kultur sich der anderen überlegen fühlt.

Erst recht nicht dann, wenn die "verspäteten" Kinder einer streng religiösen Erziehung im Islam den "dekadenten" Westen zu fürchten gelernt haben. So werden aus "verspäteten" verlorene Kinder.

Alle diese Lektionen nachzuholen, bleibt uns plötzlich keine Zeit mehr. Auch die Klärung von Lesarten des Korans wird uns nicht in die Lage versetzen, den kriegerischen Prozess der Verweltlichung des Islamismus zwischen rivalisierenden Lagern weltweit zu beeinflussen. Auch der Appell an muslimische Theologen, die Friedfertigkeit ihrer Schutzbefohlenen zu beweisen, bleibt ein symbolischer Akt. Jeder Theologe, wir wissen es aus der christlichen Religion, wird keines seiner Kinder im Glauben vom Heilsversprechen ausschließen dürfen.

Auch der Islam ist eine Offenbarungsreligion. Der Missionsauftrag, der dazugehört, ist uns aus dem Christentum bekannt: "Gehet hin und lehret alle Völker", heißt es im Neuen Testament (Matth. 18,29). Auch den Bildersturm, der dem Mohammed-Portrait auf dem Charlie Hebdo-Heft nach den Morden galt, kennen Christen aus der frühen Neuzeit. Erst die fortgeschrittene Verweltlichung des Christentums in den Wohlstandsgesellschaften hat jene coole Gleichgültigkeit hervorgebracht, mit der wir einen fragwürdigen "Vorsprung" für uns verbuchen: dass uns auch in unserer Herkunftsreligion nichts mehr heilig genug ist, um nicht zur Satire freigegeben zu sein.

Was aber ist mit dem Terror? Ist er einfach im falschen Jahrhundert zwischen lauter Friedfertigen unterwegs? Oder ist er entgleister Fundamentalismus, den die eigenen Leute nicht mehr einzufangen wagen? An den massenhaften Umarmungen der bedrohten Regierenden nahmen auch die bewährten Schutzherren der Terrorzellen teil.

Der Islam, als stolze Offenbarungsreligion mit einem globalen Missionsauftrag, wird an keine Gastgesellschaft anderer Prägung seine Modernisierung delegieren können. Die friedlichen Muslime in unseren Städten sind zum Teil nur noch locker mit ihren Religionsführern und deren Lehre verbunden. Strenggläubige Muslime leben bei uns in der Auseinandersetzung mit den Botschaften ihrer Erzieher und Vorbilder. Sie erfahren in ihrem interkulturellen Konflikt, der in ihrem Gewissen abläuft, keine Hilfe von der Gastkultur, in der sie leben.

Der archaische Impuls, sich diesem Konflikt durch einen starken Auftrag zu entziehen, ist daher eine große Versuchung. Wenn die Kanzlerin darauf besteht, dass der Islam pauschal zu Deutschland gehört, dann handelt sie sich gegenüber den Muslimen, die bei uns leben, auch einen Schutzauftrag ein, über den wir noch nichts von ihr gehört haben. Die Herrschaft des Rechts und der Anspruch der Werte, die bei uns gelten, sind ja zugleich Forderung und Versprechen. Wenn die muslimischen Frauen zu uns gehören, dann brauchen viele von ihnen Schutz vor ihren Männern und Brüdern. Sie brauchen unseren Schutz vor den barbarischen Beschneidungsritualen, die als heimlicher Import in Deutschland gegen unsere Grundrechte verstoßen. Frauen müssen aus der Kopftuchpflicht entlassen werden, wenn sie bei uns leben. Freigestellt von diesem Zwang können sie es damit dann halten wie sie wollen. Schuljungen sollten die Welt, in der sie leben, kennenlernen und dann entscheiden dürfen, ob sie eine-Koranschule besuchen wollen, die sie von der Kultur, in der sie leben, isoliert.

Die Liste unserer Verpflichtungen gegenüber den Muslimen, die sich in den Schutz unserer Rechts- und Werteordnung begeben, handelt eben nicht nur vom Spracherwerb und Wohnen und Arbeiten, sondern auch von den Errungenschaften jener Jahrhunderte, die wir hinter uns haben - und die jene Menschen, die bei uns leben wollen, nicht mehr vor sich haben sollten. Wir können ihnen eine Wegstrecke in die Moderne schenken.

Dafür sollten wir möglichst schnell die Kränkung überwinden, die der Einbruch des Archaischen in unsere aufgeräumte Wohlstandskultur gebracht hat.

Schon als Putin das angerostete Kriegsbeil wieder ausgrub, verweigerten wir uns der Lehre, dass Geschichte auch rückwärts buchstabiert werden kann. Was tun, wenn die Rule of Law, die wir beschwören, ohne sie genug zu schützen, von der Hand des Stärkeren umgeschrieben wird? Schon zu Putins Rückwärtskurs fiel uns wenig ein.

Mit den verlorenen Söhnen des Islam erreicht uns nun ein Gewalt-Import der barbarischen Spielart. In der Schusslinie ist nicht unser Wohlstand, sondern seine hochsensiblen Wächter, die Werte. Verwundbarer sind wir an keiner Stelle, außer bei den Freiheiten, die auch ohne den globalen Terror Transfer täglich bedroht sind, weil wir sie kostenlos wollen – und eher für uns als für die anderen. Arm in Arm mit den Terrortransferchefs mögen sich einige Europäer unwohl gefühlt haben.

Die Waffen der Friedfertigen müssen neu sortiert werden, wenn wir dem fatalen Mix entgegentreten wollen, in dem die Menschenwürde stirbt, weil Mordlust und Selbstmord zusammenfallen.

Von Gertrud Höhler zuletzt erschienen:
"Die Patin – Wie Angela Merkel Deutschland umbaut"

11. Februar 2015