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Hans-Jörg Jacobsen

Gentechnik – Ignoranz bis in
die höchste politische Ebene

Wir haben es ja schon etliche Male erleben dürfen, daß Minister oder Ministerinnen ernannt wurden, die vor ihrer Ernennung keine Ahnung von ihrem Ressort hatten. Manchmal haben die sich dann eingearbeitet und das Ministerium einigermaßen vernünftig verwaltet, es gibt aber auch krasse VersagerInnen, hier überlassen wir mal die Leser den eigenen Erinnerungen, um über Gescheiterte sinnieren, die finden wir in allen Parteien.

Beim Ressort Umwelt scheint es da derzeit aber besonders zu hapern, jedenfalls bei der derzeitigen Amtsinhaberin, Barbara Hendricks, die ja vor ihrer Ernennung in ihrer Vita keinen Bezug zum Thema "Umwelt" erkennen ließ. Hier ein Rat: Wenn man außer einem guten Willen schon keine Ahnung vom Ressort hat, sollte man sich in einem solchen Amte jedenfalls von loyalen und sachkundigen Ministerialen umgeben, um die Gefahr, sich selbst bloß zu stellen oder durch falsche Sprechzettel bloßgestellt zu werden, zu minimieren. Das hat Hendricks offenbar versäumt und sich auf die verlassen, die ihre Vorgänger im Amt installiert hatten. Hier ging seinerzeit offenbar die richtige Gesinnung vor Kompetenz, denn sonst wäre der Ministerin der in der SZ berichtete Lapsus nicht widerfahren: Barbara Hendricks behauptete: "Grüne Gentechnik sei für Umwelt und Natur riskant und sollte daher verboten werden". Diese Aussage bedient zwar den Verbotsreflex möglicher grüner Koalitionspartner der Zukunft und stellt die notorischen Drobinski-Weiß´s in ihrer Fraktion zufrieden, sie ist aber gleichzeitig ungeheuerlich, sie ist dumm und wissenschaftsfeindlich. Diese Aussage negiert in unverantwortlicher Weise die mit viel Steuergeld erarbeiteten wissenschaftlichen Fakten zu den möglichen Risiken der grünen Gentechnik. Zitiert wird die Ministerin weiter mit "Die grüne Gentechnik hat sich als Holzweg erwiesen", obwohl ein Holzweg – entgegen dem öffentlichen Sprachgebrauch - ja wohl eher auf eine ökologisch korrekte und CO2-neutrale Art des Straßenbaus hindeutet (Danke, W.N. für dieses Bild). Hendricks behauptet weiter, "diese (grüne Gentechnik) werde von Verbrauchern nicht gewünscht". Während das Forschungsministerium und die EU-Kommission nach der Ausgabe von etlichen hundert Millionen Euro in der Sicherheitsforschung zur grünen Gentechnik in Bezug auf mögliche Risiken zu einem gegenteiligen Schluss kommen (den die Ministerin eben ignoriert oder den man ihr bewusst vorenthalten hat, sie ist ja nicht vom Fach), hat sie mit der letzteren Aussage recht. Aber was will man nach 25 Jahren Hetze gegen die grüne Gentechnik durch Grüne Politiker und ihre Sturmabteilungen aus der gut alimentierten NGO-Szene von einer Öffentlichkeit erwarten, in der naturwissenschaftliche Bildung offenbar nichts gilt? Sachliche Aufklärung war und ist nicht erwünscht (s. auch den von rotgrün in Niedersachsen zu verantwortende Verbot des Schulprojekts HannoverGen). Um "Argumente" für ein Verbot dieses Projekts bei der Regierungsübernahem 2013 zu haben, wurde ein Lohnschreiber für ein "Hintergrundpapier" geheuert. Der hat weder mit den Machern, noch mit Schülern und Lehrern gesprochen oder sich etwa die Mühe gemacht, die erarbeiteten Materialien anzufordern oder auch nur mal einen Kurstag besucht, sondern er hat sich einen runter-gegoogelt, dabei nicht einmal die Materialien des Projekts gefunden und dann trotzdem das gewünschte Ergebnis geliefert.

Was bedenklich stimmt – und dafür ist der Lapsus von Hendricks nur ein Symptom- ist die Tatsache, wie die Politik mit Wissenschaft umgeht. Zwielichtige Schreiber von Hintergrundpapieren, NGOs oder die Biolandbau-Lobby werden ernst genommen, unabhängige, aus öffentlichen Mitteln bezahlte Wissenschaftler als "industriehörig" diffamiert, um einen seichigen Zeitgeist zu bedienen, der alles andere als zukunftsfähig ist.

Man stellt, weil es so schön ins rückwärtsgewandte paternalistische Kalkül passt, bestimmte Forschungszweige in die Schmuddelecke, Studiengänge werden dann in der Folge geschlossen und das Land wird forschungspolitisch auf Verschleiß gefahren. Die heutige Politik denkt nur taktisch bis zur nächsten Wahl und nicht strategisch für das Land. Irgendwann fragt man sich dann in ein paar Jahren, wo denn nun die Ingenieure und Techniker herkommen sollen, die die auf politische Weisung abgeschalteten Kernkraftwerke rückbauen sollen, denn ausgebildet werden die schon lange nicht mehr. Irgendwann wird man sich fragen, woher denn die deutsche Landwirtschaft Standort-angepasste Pflanzensorten herbekommt, die mit dem Klimawandel, so er denn eintritt, klar kommen sollen. Was wir also brauchen, ist eine starke öffentliche Forschung, die die Ergebnisse der in Deutschland noch immer sehr guten Grundlagenforschung auf dem Gebiet der grünen Gentechnik so weiter entwickelt, dass die Züchter sie in neue Sorten umsetzen können. Diese Forschung findet weltweit statt, sie profitiert von den international hochrangig publizierten Ergebnissen unserer öffentlichen Forschung in Universitäten und Forschungsinstituten wie etwa der Max-Planck-Gesellschaft, sie profitiert auch von deutschen Wissenschaftlern, die in wissenschafts-freundlicheren Gesellschaften arbeiten.

Nur in Deutschland leistet man sich eine überforderte Umweltministerin, die, flankiert von falschen Freunden, auch diese Zukunftstechnologie verhindern will.

Prof. Dr. H.-J. Jacobsen
Inst. Für Pflanzengenetik
Leibniz-Universität Hannover

25. Januar 2015