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Klaus Alfs

Nordische Rassenlehre:
Jetzt auch fettarm erhältlich

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Diesen drei grundlegenden Fragen Immanuel Kants soll nach dem Willen vieler Gesundheitspolitiker und –Experten eine noch wichtigere Frage vorausgehen: Bin ich zu dick?

Auf dem Planeten scheint es keinen existenzielleren Kampf mehr zu geben als den gegen das Moppel-Ich. Die gesamte Wohlstandswelt zittert vor einem Fettgespenst namens Adipositas, das von der WHO 1998 offiziell zu einer Epidemie erklärt wurde. Seitdem gilt "Fettsucht" als eine Seuche wie Hühnerpest oder Schweinegrippe, die sich in Windeseile auf dem Globus ausbreite. Die WHO ist vom Kampf gegen diese Geißel der Menschheit offenbar derart geschwächt, dass sie eine echte Gefahr, wie jetzt Ebola, wohl vollkommen unterschätzt hat. Das kann ja mal passieren, schließlich wird Adipositas nicht durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen, sondern allein durch sozialen Kontakt. Das behauptet zumindest der Arzt und Soziologe Nicholas Christakis von der Harvard-Universität. Er will das hohe "soziale Ansteckungsrisiko" von Adipositas bewiesen haben.

Als erstes wurden Ärzte von dieser These befallen: "Ein Adipositasrisiko besteht auch dann noch, wenn der Freund des Freundes des Freundes übergewichtig ist", behauptet das Deutsche Ärzteblatt, und warnt: "Wer enge soziale Beziehungen – auch über große Distanzen – mit Übergewichtigen pflegt, läuft Gefahr, selber übergewichtig zu werden."

Friedrich Schiller kann dann wohl einpacken: "Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein", heißt es bekanntlich in seiner Ode an die Freude. Abermillionen Menschen haben diese Ode begeistert hinausgekräht und sich anschließend verschwistert, dass es nur so eine Art hatte. Doch aus dem großen Wurf ist inzwischen ein Griff ins Klo geworden, denn heute sind selbst Facebook-User weltweit in akuter Verfettungsgefahr, sobald sie Freundschaftsanfragen von Übergewichtigen annehmen oder mit Teilnehmern kommunizieren, die übergewichtige Freunde haben. Alle sozialen Netzwerke müssten sofort geschlossen werden – wie Kindergärten mit akutem Läusebefall. Als praktische Maßnahme wäre außerdem die Separierung von Schlanken und Dicken dringend geboten. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre freundliche Apartheid-Fachkraft von nebenan!

Warum nur die ganze Panik? Fachleute menetekeln, dass aufgrund der globalen Gewichtszunahme die Grenzen des Fettwachstums in naher Zukunft erreicht sein werden. So behaupten Harvard-Mediziner in einer Studie, Dicke würden durch ihr schweres Atmen das Klima negativ beeinflussen. Der Bioethiker Peter Singer verrechnet schon mal fleißig die Anzahl der Erdbewohner mit deren Körpermasse: "Viele von uns fragen sich zu Recht, ob unser Planet eine menschliche Bevölkerung von mehr als sieben Milliarden Menschen aushält. Aber wir sollten bei der Größe der Bevölkerung nicht nur an die Anzahl denken, sondern auch an die Masse."

Wird die Erde zu schwer? Gerät sie aufgrund ihres schwellenden Speckmantels bald in eine Unwucht und kullert aus der Galaxie? "In dubio pro malo", heißt die Devise des einflussreichen Philosophen Hans Jonas. Sein Prinzip Verantwortung besagt: "wenn im Zweifel, gib der schlimmeren Prognose vor der besseren Gehör, denn die Einsätze sind zu groß geworden für das Spiel."

Das ließen sich die Minister der Europäischen Union nicht zweimal sagen. In einer "Charta zur Bekämpfung der Adipositas" von 2006 beschlossen sie drakonische Maßnahmen. Schwere Obst- und Gemüsegeschüzte werden darin gegen die Fettzellen in Stellung gebracht. Auch die "Förderung des Treppensteigens" findet in dem Werk endlich eine angemessene Würdigung. Seit Verabschiedung der Charta wird europäischen Kindern und Jugendlichen in öffentlichen Einrichtungen mit Äpfeln, Brokkoli und Vollkornpampe systematisch der Appetit verdorben. Denn das Pummelchen von heute ist der Fettsack von morgen.

Die EU-Bürokraten leben ihren Verwaltungstraum von einer normgerechten Obst- und Gemüsebefüllung aller Bürger bei gleichzeitiger Beförderung per pedes. Dabei lassen sich die wackeren Eurofighter von der wissenschaftlichen Datenlage nicht stören. Keine Studie konnte bisher nachweisen, dass Ernährungsumstellung oder regelmäßiges Sporttreiben zum Zwecke der Gewichtsabnahme die Menschen auf lange Sicht schlank macht. Die Studien belegen vielmehr das Gegenteil. Wie praktisch für die Diät-Gesundheits- und Sportindustrie, dass das menschliche Fett als nachwachsender Rohstoff nie versiegt! Treppensteigen hin, Obst und Gemüse her.

Wenn Dicke Aufzüge benutzen oder Schweinshaxen essen, scheinen sie gegen unbekannte kosmische Gesetze zu verstoßen. Deshalb wurde auch in der Bundesrepublik kräftig Halali geblasen. Die Hatz auf vermeintlich Übergewichte ging hierzulande richtig los, als die damalige Ministerin für Verbraucherschutz, Renate Künast, im Jahr 2004 eine Kampfschrift mit dem Titel "Die Dickmacher" publizierte. Darin ist von dem pazifistischen Jargon, den ihre Partei stets pflegen muss, wenn es um kriegerische Auseinandersetzungen geht, nichts mehr zu bemerken; im Kampf gegen jedes Gramm Fett redet sie plötzlich daher wie General Moltke beim Sturm auf die Düppeler Schanzen: "Was wir brauchen, ist eine Art Mobilmachung", schreibt Künast. "Wir müssen uns auf einen langen, zermürbenden Kampf um jedes Gramm einstellen, der uns sicher auch Rückschläge bescheren wird." Alle müssen Opfer bringen, damit ihnen das grausige Schicksal von Künasts Parteifreund Jo-Jo-Joschka erspart bleibt, der sich joggend ins Außenamt geschrumpelt hatte, um darin aufzugehen wie ein Hefekloß.

Der martialische Jargon von Frau Künast und anderen Mobilmachern ähnelt nicht zufällig Appellen zur Erhöhung der Wehrkraft. Schließlich sind die Forderungen nach regionaler Kost mit viel frischem Obst und Gemüse nichts Neues. Besonders beliebt war diese vierschrötige Ernährungsweise am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Damals gab es sogar einen "Reichsvollkornbrotausschuss" mit mehreren hundert Mitarbeitern.

Auch die Vorliebe für Sojaprodukte stammt aus dieser Zeit. Viele industrielle Fleischersatzprodukte aus Soja (Bratlinge) wurden von der I.G. Farben erfunden. Die Förderung des Sojaanbaus durch die Nazis diente dem kriegerischen Zweck, die Eiweißversorgung hinter der Frontlinie zu sichern, ohne Fleisch an die Front transportieren zu müssen. Deshalb wurde schon vor dem Krieg fleißig Propaganda für die dubiose Leguminose gemacht.

Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Uwe Spiekermann schreibt: "Die Kernpunkte der Empfehlungen am Ende der Weimarer Republik lassen sich in auch heute aktuelle Zielsetzungen fassen: Esst ‚deutsch', also regional, esst saisonal, esst ‚gesund', also mehr frisches Obst und Gemüse." Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten konnte endlich kraftvoll zugebissen werden. Es setzten sich, so Spiekermann, "seit 1933 Gesundheits- und Ernährungsziele durch, [...] die auf die gezielte Modellierung des Volkskörpers und seiner dienenden Einzelwesen ausgerichtet waren."

Die Ernährungsaufklärung ging damals "von der biologischen Gefährdung des deutschen Volkes aus, sah Menetekel in wachsenden Ziffern von Krebs, Alkoholismus und dem akuten Gebissverfall [...]." Dagegen setzte der Staat "auf die Zucht, auf eine ‚artgemäße Nahrungs- und Lebensweise'." Spiekermann wundert sich darüber, dass derzeit ein solches Fettleibigkeits-Fass aufgemacht wird: "In beiden deutschen Staaten gelang in den 1970er Jahren eine relative Stabilisierung des Übergewichtsproblems leicht unterhalb des heutigen Niveaus. Das heute scheinbar so drängende Problem besteht also schon seit ca. 40 Jahren."

Vielleicht ist das "drängende Problem" gar nicht das angebliche Übergewicht, sondern die Übergeschnapptheit derjenigen, welche der ganzen Menschheit ein bestimmtes Körperideal aufdrängen wollen und sich dabei pseudowissenschaftlicher Messinstrumente bedienen. Dies hat eine lange, unselige Tradition. So haben z. B. die Rassenforscher im 19. Jahrhundert mit Hilfe der Schädelvermessung (Kraniometrie) eine Ähnlichkeit der Schwarzen mit den Affen errechnet und damit deren Minderwertigkeit "bewiesen". Was heute als rassistisch gilt, war damals anerkannte Wissenschaft und entsprach dem Konsens der meisten Experten.

Der von der WHO benutzte Body-Mass-Index (BMI) ist auch so ein bizarres Folterinstrument. Er teilt die Körpermasse (kg) durch die Körperhöhe (cm) zum Quadrat. Laut WHO sind alle Menschen, deren BMI über 25 liegt, übergewichtig; ab einem BMI von 30 gelten sie als fettsüchtig. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie die Körpermaße von Pygmäen zum Größenstandard zu machen: Mit ein paar Zentimetern mehr gälte man als "übergroß", ab 1 Meter 70 als "größensüchtig".

Die WHO will offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, dass Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30 (Übergewicht) statistisch die höchste Lebenserwartung von allen haben. Auch ein BMI zwischen 30 und 35 (Adipositas Grad I) bedeutet gegenüber den "Idealgewichtigen" keinerlei erhöhtes Risiko (zu schweigen von den Untergewichtigen, die sowieso eher ihre Löffel abgeben). Erst bei ein BMI ab 35, also bei den extrem Fettleibigen (bis BMI 60) sinkt die Lebenserwartung und steigt das Gesundheitsrisiko stark an. Aber auch dies ist nur eine Korrelation, bei der man nicht weiß, welche Ursache dahinter steckt. Fettleibigkeit ist oft nur ein Symptom von Krankheiten.

Pummel und Dickerchen könnten es sich ohne schlechtes Gewissen gemütlich machen, wenn ihnen nicht ständig Gesundheitsrisiken angedichtet würden. Der Verweis auf vermeintliche Risiken dient anscheinend anderen Zwecken, als den offiziell genannten: Alle Menschen, die dem Schlankheitsideal nicht entsprechen, werden als liederliche Wesen stigmatisiert, die sich nicht zusammenreißen können und der Gemeinschaft auf der Tasche liegen. 

Der Body-Mass-Index taugt also weniger zur Vorhersage von Krankheiten als zur Diskriminierung von Menschen. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Index in verblüffender Weise dem alten Ideal der "nordischen Rasse" entspricht, deren körperliche und geistige Überlegenheit bis weit ins letzte Jahrhundert hinein als wissenschaftlich erwiesen galt. Den Begriff hatte  der Schwede Carl von Linné (1707-1778) geprägt und damit zugleich das Bewertungsmuster vorgegeben, an dem sich auch die Nationalsozialisten orientierten.

"Die nordische Rasse ist hochgewachsen, schlank. Die hohen Beine tragen zu dem ansehnlichen Wuchs bei", schreibt der nationalsozialistische Rassentheoretiker Hans F. K. Günther. "Kräftig-schlank ist die Gestaltung sowohl des ganzen Körperbaus wie der einzelnen Gliedmaßen und so auch des Halses, der Hände und der Füße." Günther bezeichnet den berühmten Piloten Charles Lindbergh als typischen Vertreter. Lindbergh war Enkel eines schwedischen Einwanderers und ein hochgewachsener, schlanker Mann.

Nach modernen WHO-Kriterien hätte der Idealmensch à la Lindbergh einen Ideal-BMI, weil er athletisch, aber nicht zu schwer gebaut ist. Die WHO könnte sich bei Günther für die theoretische Vorarbeit bedanken, da der "nordische Arier" mit seiner angeblich hohen Lebenserwartung und geringen Krankheitsrate die globale WHO-Vorgabe erfü̈llt. Vertreter zahlreicher Ethnien gelten nach den Maßstäben der WHO hingegen aufgrund ihres stämmigen Körperbaus als ü̈bergewichtig und gesundheitsgefährdet.

Auf der Welt gibt es viele unterschiedliche Ethnien, deren Mitglieder sich nicht nur durch ihre Hautfarbe von anderen Menschengruppen unterscheiden, sondern auch durch Körperform, Stoffwechsel, Immunsystem und vielem anderen mehr. Eskimos haben z. B. ein ganz anderes Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen als die afrikanischen Dinka. Eskimos sind mit stämmigen Körpern und kurzen Gliedmaßen ausgestattet; ihr Körperfettanteil ist deutlich höher als bei den extrem schlanken und großen Dinka.

Japaner, Koreaner oder Philippinos haben einen niedrigeren BMI, aber einen hö̈heren Körperfettanteil als Europäer. Man sieht es den Menschen nämlich nicht immer an, wie "fett" sie wirklich sind. Es kann durchaus vorkommen, dass ein äußerlich dicker Europäer weniger Körperfett hat als ein schlanker Asiate, weil das Fett bei letzterem ganz anders verteilt ist, nämlich zwischen den Organen. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung, alle Völker der Erde mit Hilfe von Treppensteigen und Salatkonsum nordisch zu normieren, geradezu wahnhaft. Doch dieser Wahn hat durchaus Methode – dient er doch dem Zweck, alle, die an der Norm scheitern, als minderwertig zu klassifizieren. Im eugenischen Jargon des beginnenden 20. Jahrhunderts sprach man der nordischen Rasse die beste "Erbgesundheit" zu. Heute redet man lieber von "Zivilisationskrankheiten" und beruft sich auf den BMI als objektives Maß. Zwar ist es legitim Menschen zu vermessen; etwas anderes ist es, daraus unter dem Deckmantel objektiver Wissenschaft moralische Urteile abzuleiten und anderen Menschen gesundheitliche, sittliche oder charakterliche Mängel zu bescheinigen.

Schon die Aufklärung hatte das antike Schönheitsideal athletischer Schlankheit zum Maß der Klassifikation von Menschen gemacht. Der Pietismus hatte eine starke emotionale Komponente hinzugefügt, indem er jenes Ideal mit dem Bild des leidenden und ausgezehrten Christus verband. Ein Jesus, der am Kreuz hängt wie Ottfried Fischer in Kurve, machte für Pietisten nicht gerade bella figura. Schlankheit wurde zu einem Symbol gottgefälligen Lebens. "Alle europäischen Rassisten", resümiert der Historiker George L. Mosse, "hielten an einem bestimmten Schönheitsideal fest – weiß und klassisch; sie hielten fest an den mittelständischen Tugenden Arbeit, Mäßigung, Ehre, und sie glaubten, diese zeigten sich in der äußeren Erscheinung."

Die weltweite Mobilmachung gegen alles, was nicht dem Maß eines "gesunden BMI" entspricht, resultiert schlichtweg aus der ästhetischen Vorliebe für eine bestimmte Körperform, mit der tugendhafte Eigenschaften verknüpft werden. Aufgrund dieser fatalen Verquickung von Ästhetik, Moral und Wissenschaft wird es den Leuten viel zu leicht gemacht, ihr ganzes Ressentiment mit gutem Gewissen gegen füllige Menschen zu richten.

Und die Leute machen reichlich Gebrauch davon. Wie der Sozialpsychologe Christian S. Crandall in einer hervorragenden empirischen Studie schon 1994 zeigen konnte, entspricht in den USA das heutige Ausmaß des Ressentiments gegen Übergewichtige dem der Weißen wider die Schwarzen in den 1940er Jahren. Die Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts ist für Crandall eine aktuelle Form des "Symbolischen Rassismus" – eines Rassismus also, bei dem die Diskriminierung geleugnet wird oder gar nicht ins Bewusstsein gelangt, weil sie heute offiziell verpönt ist und unter Strafe steht. Zahlreiche deutsche Studien kommen zu ganz ähnlichen Schlüssen wie Crandall.

Beleibte Menschen sollten also beherzt die Rassismuskeule schwingen, sobald ihnen jemand ihre Körperfülle schlechtredet. Es gibt nicht den geringsten Grund, sich für sein Gewicht oder seine Körperform zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen.

Klaus Alfs ist ausgebildeter Landwirt und Diplom-Sozialwissenschaftler.
Im November erscheint im Hirzel-Verlag das von ihm zusammen
mit Udo Pollmer und Georg Keckl verfasste Buch
'Don't go Veggie' - eine umfassende, allgemeinverständliche Kritik
vegetarischer und tierrechtlicher Ideologien

03. November 2014