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Barbara von Wulffen

Die wahre Stunde Null

Als die ewige Gegenwart in die hastige irdische Zeit einbrach, muß das kreisende Universum für einen Augenblick angehalten haben. Aber niemand merkte das zunächst. Für diese Atempause des Alls fand erst 100 Jahre später ein Autor namens Jakobus Worte in seinem "Protoevangelium", das wir zu den Geheimen, den Apokryphen zählen. Er läßt Josef auf der Suche nach einer Hebamme durch die Nacht laufen und legt ihm seltsame Worte in den Mund: "Ich ging umher und doch nicht umher, blickte hinauf zum Himmelsgewölbe, sah es stehen und die Vögel unbeweglich bleiben, blickte zum Lauf des Flusses und sah die Mäuler der Böcke darübergehalten und nicht trinken. Dann aber ging alles wieder seinen Gang." Also weder Donner, Sturm oder das Rauschen von Wassermassen sondern Stille, Nacht, ein Punkt im Zeitlauf. Und dann ging der Text der Weltgeschichte weiter.

Bei Lukas ist die Rede von Hirten, die nahe der Stadt, "die da heißt Bethlehem," abends ihre Hürden aufgestellt haben. Als wäre er dabeigewesen beschreibt Lukas, wie sie staunen und sich fürchten, als sie Gesang und einen Engel sagen hören "Fürchtet Euch nicht!" Auch wir wären erschrocken. Ob wir allerdings gemerkt hätten, daß "die Klarheit des Herrn um sie leuchtete," so daß sie liefen um zu schauen? Wir hätten wahrscheinlich nur zwei Obdachlose mit einem weinenden Neugeborenen gefunden und die Engel über dem Stall gar nicht gesehen. Es hat dann lange gedauert, bis jemandem auffiel, daß sich eine Zeiten-wende ereignet hatte.

In der Epoche des Kaisers Augustus lebten die Leute ihren Alltag in keiner festen "Ära". Im Sakralbereich galt die Gründung der Stadt Rom als Anfang der Historie: "ab urbe condida" mit dem seltsam ungewissen Mythos der Zwillinge Romulus und Remus, die an den Zitzen einer Wölfin saugten. Die nüchternen römischen Verwaltungsbeamten nutzten für die Datierung von Geschehnissen die Liste der Konsuln, und als es keine mehr gab die "Indictiones", Besteuerungsperioden von je 15 Jahren ohne astronomischen Bezug. Bis ins Mittelalter dachte man in relativen Chronologien, etwa nach Regierungszeiten von Fürsten, Kaisern, Päpsten oder nach einschneidenden Ereignissen, wie auch wir sie als Jubiläen kennen. So leben wir heuer im hundertsten Jahr nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs, oder im 25. Jahr nach dem Mauerfall. Anders zählt die jüdische Glaubenskultur, die sich von Jahwes Schöpfungswoche herleitet, die "Ära mundi", die damals bereits auf 43 Jahrhunderte angewachsen war.

Als ich im Advent 1987 um einen Weihnachtsartikel für die "Süddeutsche Zeitung" gebeten wurde, fragte ich bei klügeren Leuten, als ich es bin, nach der Herkunft unserer "christlichen Ära" und stieß auf erstaunliche Unkenntnis. Mein alter Brockhaus erwähnte Dionysius Exiguus (den Kleinen), im Jahr 470 unserer Ära geboren, nach damaligem Brauch im Jahr 186 nach Regierungsantritt Kaiser Diokletians. Es ist nicht leicht, diesem spätrömischen Gelehrten näherzukommen, einem Mönch und Übersetzer griechischer Konzilstexte ins Lateinische. Er stammte aus der weiterhin Scythia Minor genanten Provinz, der heutigen Dobrudscha im Donaudelta, Durchzugsgebiet von Westgoten, Herulern, Hunnen. Ein Skythe? Eigentlich nicht! Deren Glanzzeit lag schon mehr als 1000 Jahre zurück, als Sarmaten jene Steppennomaden, Reiter und Kunstschmiede verdrängten. Seine Muttersprache war vermutlich Latein; später sei er von einem Bischof Petrus ins Griechische eingeführt worden und vor dem Pontifikat des Gelasius nach Rom gekommen.

Ich stelle ihn mir in einem Archivraum des neu geschmückten Lateranpalastes vor, wo er zwischen Papyrusstapeln dem Ausgleich zwischen östlicher und westlicher Kirche dient, Konzilstexte aus dem Griechischen ins Lateinischen überträgt und neu ordnet als Grundlage des bis heute Dionysiana genannten west-kirchlichen Rechtes. Nicht mehr der Jüngste war er auf geschliffene Gläser angewiesen und suchte zwischendurch Rat und Erholung vor dem strengblicken-den "Christus Salvator" in der päpstlichen Kapelle, der bis heute als "nicht von Menschenhand gemalt" gilt. Vom Baptisterium aus kann er zum Forum blicken, Versammlungsort der unruhigen Römer, wo der neue arianisch-gotische König Theoderich ihnen versprochen hat, von Ravenna aus für die Pflege der Monumente, Wasserleitungen und Stadtmauern zu sorgen und in die Ziegel "Roma felix" einprägen zu lassen. Darüber ist der Palatin zu sehen, dessen Paläste noch von Gold und Mosaiken glänzen für gotische, später griechische Hofhaltungen. Im Hintergrund liegt der Zirkus Maximus, weiterhin zu 2/3 gefüllt, wenn Tierfänger ihre blutigen Schauspiele geben. Im Westen scheint Hadrians Mausoleum Feuer zu fangen in der Abendsonne, wenn sie dahinter entlangwandert, wobei sie an den Frühlings- und Herbstäquinoktien den stets gleichen Punkt durchläuft.

Darin steckte ein Problem. Das christliche Osterfest hat sich aus dem jüdischen Pascha entwickelt, das auf den 14. Tag des Frühlingsmonat Nizan fällt. Ostern dürfe aber nie mit Pascha zusammenfallen, sei daher an dem Sonntag zu feiern, der auf den Vollmond nach den Märzäquinoktien folgt. Aber seit dem Konzil von Nikaia liegt diese Tag-und-Nachtgleiche in Alexandrien am 21., in Rom erst am 25. März, ein Dilemma, das unter Papst Johannes I. im Jahr 526 unserer Ära gerade wieder droht. Führt es doch zu unterschiedlichen Osterterminen in Ost und West. Der Papst wendet sich an zwei seiner Würdenträger, Bonus und Bonifatius, und diese an den klugen Archivar im Lateran, einem genauen Beobachter, den sein Freund Cassiodor, Ratgeber Theoderichs, einen "ganz vortrefflichen, in Wissen und Tugend gleichgroßen Mann" nennt. Er ist genau der Richtige, muß sich also in Astronomie, Kalenderkunde und die alten Ostertafeln zum Terminstreit zwischen Ost- und Westkirche einarbeiten. Um leidige Widersprüche zwischen dem 19-jährigen jüdischen Mondzyklus und dem zuverlässigeren 28-jährigen römischen Sonnenzyklus zu vermeiden, hat schon ein Victorius von Aquitanien unter Papst Leo dem Großen die beiden Zyklen multipliziert und in seinem "liber paschate" einen Zyklus errechnet, nach dem sich alle 532 Jahre die Wanderung des Osterfestes durch die Tage nach dem ersten Frühlingsvollmond wiederholt, also Wochentag und Mondphase auf denselben Tag fallen. Victorius hat vorgeschlagen, an den Anfang des ersten Zyklus die Passion Christi zur Zeit des Kaisers Tiberius zu stellen, ohne darin eine andere als rechnerische Bedeutung zu sehen.

Dionysius übernimmt diesen Zyklus und setzt statt der Passion erstmals die Geburt Christi nach Matthäus zur Zeit des historisch bekannten Königs Herodes an den Anfang und schreibt auch, er wolle nicht mit der Ära Martyrum des Diokletian die Erinnerung an die bedauerliche Christenverfolgung bewahren, sondern lieber die Jahre seit der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus aufzeichnen: "Ab incarnatione domini nostri Jesu Christi annorum tempora praenotare"; er wählt, da Weihnachten bereits seit dem 4. Jahrhundert auf die Wintersonnwende fiel, den 25. März, Christi Empfängnis. Ein Paukenschlag? Noch nicht, auch Dionysius zählt die Jahre wie üblich nach dem im Abendland noch sehr lange weiterhin gebräuchlichen 15-jährigen Indicationszyklus. Aber der Nordafrikaner Victor von Tunnuna verwandte im 6. Jahrhundert als erster die neue Ära; Beda Venerabilis verhalf ihr im 8. Jahrhundert zu größerer Anerkennung, bis Karl der Großen seine Urkunden "nach Christi Geburt, dem Jahr des Heils" datierte.

Dionys kann nicht entgangen sein, daß er mit seiner Chronologie eine neue Ära begründet, zumal er sich bei seiner Rechnerei im Jahr 526 ausgerechnet vor der Wende seines 1. zum 2. Zyklus befindet. Lassen wir ihn also an Weihnachten 532 den steinigen, von Gestrüpp verwucherten Pfad zum Westrand des Capitols emporsteigen, wohin heute die steile Treppe zur Kirche Santa Maria in Ara Coeli mit der Kapelle des Santo Bambino führt. Dort habe die tiburtinische Sibylle die Geburt des kommenden Weltenherrschers dem Augustus vorhergesagt, der am Ort den Altar "Primogeniti Dei" erbauen ließ, des erstgeborenen Gottes. Dionysius mag den Blick nach Südosten Richtung Bethlehem wenden und wie jener Kaiser ein halbes Jahrtausend zuvor den Einbruch der Ewigkeit in das neue, das "Letzte Zeitalter der Erde" (wie er es selber nennt) spüren, ohne sich in seiner Bescheidenheit damit zu brüsten.

Wir verlieren unseren Exiguus nun aus den Augen. Er sei 550 gestorben, hat also erleben müssen, wie Justinians Feldherr Belisar im Jahr 547 Teja, den gotischen Herrscher Roms besiegt, die entvölkerte Stadt besetzt, die Wasserleitungen für die Thermen und den Palatin unterbricht, dessen Paläste bald nur mehr Vögel und Füchse bewohnen. Viel war ohnedies nicht mehr zu erobern gewesen.

Damals dichtete der Pseudo-Matthäus: "In jener Stunde kam alles in umfassendem Schweigen ehrfürchtig zur Ruhe. Sogar die Winde schwiegen und gaben keinen Hauch. Kein Blatt an den Bäumen regte sich. Kein Rauschen der Gewässer war zu hören. Das Meer wogte nicht, und alles Wasser wurde still von den Quellen an. Keine menschliche Stimme tönte, und es war ein großes Schweigen. Selbst das Volk ließ in jener Stunde ab von seiner Betriebsamkeit und die Uhren hielten an. Alles erstarrte und erwartete mit Staunen die Nacht, Ankunft des hohen Herrn, Erfüllung der Zeiten." Der Eröffnungsvers des Introitus zum 2. Sonntag nach Weihnachten sagt in Umdeutung von Weisheit 18: "Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, vom Himmel herab, vom königlichen Thron."

Wir sollten den Feinden der "christlichen" Ära dankbar sein, wenn sie statt vom "Anno Domini" lieber von der Zeitenwende sprechen und sich damit ungewollt auf das Unerhörte beziehen, das nach unserem Glauben heute vor 2014 Jahren im fernen Bethlehem geschehen ist: Der Beginn unseres Zeitalters des menschgewordenen Gottessohnes, der alle Sünden und Todesleiden auf sich genommen hat.


Barbara von Wulffen erhielt 1999 den
Eichendorff-Literaturpreis und ist
Vorsitzende des Adalbert Stifter-Vereins

Weihnachten 2014