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Dr. Heiner Emrich, Vorsitzender des CV

Beruf und Familie in Deutschland - quo vadis?

Dient der Mensch der Wirtschaft oder dient die Wirtschaft dem Menschen? Die aktuelle Entwicklung lässt den Menschen immer stärker zu einem Instrument der Wirtschaft werden. Dabei ist anzuerkennen, dass die Arbeitgeber nicht unbedingt die treibenden Kräfte dieser Entwicklung sind. Es ist eher die Politik, die Unternehmer in eine diesen nicht immer gefallende Rolle treibt.
Ein ganz wesentliches Thema ist in diesem Zusammenhang der demographische Umbruch mit seinen weitgehend fatalen Folgen. Schon vor vier Jahrzehnten wurde das drohende Schrumpfen der Bevölkerung durch sinkende Kinderzahlen in die Diskussion gebracht. Die entscheidenden Stellen in unserer Gesellschaft schauten allerdings nur zu, wie sich das Problem über mehr als drei Jahrzehnte zu einer großen Krise entwickelte. Erst dann setzte sich die Politik damit auseinander, wobei die schließlich ergriffenen Maßnahmen leider nur wenig mit den Ursachen des Bevölkerungsschwundes zu tun hatten. Sie betrafen ausschließlich die Folgen der zurückliegenden Fehlentwicklung. Der Staat sieht nur die soziale Aufgabe, nunmehr sowohl die Erziehung der Kinder als auch die Pflege alter und kranker Menschen übernehmen zu müssen, obwohl er dazu finanziell gar nicht in der Lage ist, was sich dann wiederum auf die Qualität der Betreuungstätigkeit auswirkt.

Dass eine solche soziale Betreuung sowohl bei den Jüngsten als auch bei den Ältesten über Generationen in der Familie bewirkt wurde, gilt als Tabuthema. Dass die Familie nicht nur für die Regeneration der Gesellschaft gesorgt hat, sondern gleichzeitig auch die entsprechende Betreuung als bedeutende volkswirtschaftliche Leistung ohne zusätzliche Kosten für die Gesellschaft bewirkte, wird nicht anerkannt, obwohl die Familie nicht zuletzt deshalb vom Grundgesetz unter einen besonderen Schutz gestellt wurde. Die in der Familie erbrachte Leistung wird vielmehr abgewertet. Wer sich "nur" den Kindern und der älteren Generation widmet, der arbeitet nicht, obwohl er eigentlich für die Gesellschaft mehr tut als andere. Es wird eine staatliche Kinderbetreuung eingerichtet zu Gunsten der (heute leider oft notwendigerweise) beiderseits berufstätigen Eltern, während man die finanzielle Unterstützung durch das Betreuungsgeld für diejenigen, die sich selbst die Mühe machen, ein Kind zu erziehen, als Herdprämie abwertet.

Eine unmittelbar sich ergebende Folge dieser Verstaatlichung der Kindererziehung ist der mittlerweile vielfach von Psychologen und auch Unternehmen schon kritisierte Mangel in deren Persönlichkeitsentwicklung. Natürlich müssen Kinder das Zusammenleben mit anderen in einer Gemeinschaft lernen, allerdings benötigen sie auch eine feste Basis und eine enge innere Beziehung zu den Eltern, um mit dem notwendigen Grundvertrauen spätere Schwierigkeiten überwinden zu können. Wenn aber Eltern keine Möglichkeit haben, z. B. ethische Werte aus der religiösen Überzeugung heraus zu vermitteln, können das berufsmäßige Betreuer schon aufgrund der Größe der jeweiligen Kindergruppen nicht nachholen. Derzeit werden Kinder aber trotzdem eher abgegeben als mitgenommen.

Wachsen sie dann heran, so stehen sie unter dem Druck, den die Bildungsziele auf junge Menschen ausüben. Dabei geht es zum einen um den Zeitdruck. Gymnasien und Hochschulen verdichten den Unterricht unter dem Ziel der Wissensvermittlung dermaßen, dass Schülern und Studenten kaum mehr Zeit für den Blick über den Tellerrand bleibt. Der gewünschte Wissenserwerb dient der guten Ausbildung. Am Ende des Studiums gibt es daher hervorragend ausgebildete Spezialisten, die aber – so die Aussage von Headhuntern – als Führungspersönlichkeiten ungeeignet sind. Selbständiges Denken und das Abstrahieren von Themen auf einer höheren Ebene sowie das Einfügen erlernten Wissens in ein Gesamtbild sind im heutigen Bildungswesen nicht gefragt. Zu Recht kritisierte daher schon vor ca. 30 Jahren der Bonner Rechtswissenschaftler Professor Dr. Marcus Lutter, der Staat wolle Richter als Vollzieher seiner Befehle und richte daran das juristische Staatsexamen aus. Damals nahm er wenigstens für die Universität noch in Anspruch, sie müsse das Gift des Zweifels streuen, müsse das Recht hinterfragen und kritisch erörtern.

Dass der Verlust einer intellektuellen Bildung zu einem Klein-Klein von Entscheidungen führt, zeigt sich heute bei zahlreichen Entscheidungen vor allem auf der politischen Ebene. Es wird an den Symptomen kuriert, während die Ursachen außer Acht gelassen werden. Eine Änderung der Probleme tritt daher nicht ein. So werden in Koalitionsverträgen Einzelpositionen zu einem Gesamtpaket geschnürt, das weder eine einheitliche Zielrichtung hat noch überhaupt zusammenpasst. Es fehlt die Erkenntnis eines Zusammenhangs und der Notwendigkeit einer einheitlichen Grundlinie. Um daran zu arbeiten, ist ein solides Fundament erforderlich, also eine Gesamtbildung, die über eine spezialisierte Ausbildung hinausgeht. Menschen müssen sich geistig entwickeln und ihre Kreativität auch durch Ideen aus ganz anderen Bereichen in das Berufsleben einbringen können, um einen echten Fortschnitt zu bewirken. Humboldt hatte also gar nicht so unrecht.
Dass eine solche auf der persönlichen Bildung basierende Leistung in der heutigen Karrieregesellschaft nicht gefragt ist und sich die Gesellschaft damit von der Leistungsgesellschaft zur Karrieregesellschaft entwickelt hat, ist Folge der Ökonomisierung des Menschen. Und auch das langjährige Missachten evolutionärer Entwicklungen, z. B. der Tatsache, dass Frauen heute einen höheren Bildungsgrad erwerben und dadurch teilweise für berufliche Tätigkeiten besser qualifiziert sind als Männer, wird dann nicht durch eine Bewusstseinsänderung honoriert. Stattdessen wird durch Quotenregelungen die Leistung wieder in den Hintergrund gedrängt. Es wäre besser, sich zu einem frühen Zeitpunkt für eine Offenheit gegenüber den durch die Kindererziehung sich ergebenden Problemen einzusetzen und vor allem für Lösungen zu der familiär bedingten Lückenbildung in der beruflichen Laufbahn (die im übrigen auch bei einem Mann entstehen könnte) zu sorgen, als durch eine Quotenbildung die augenscheinlich (leider) doch nicht vorhandene Gleichberechtigung numerisch auszugleichen. Echte Gleichberechtigung setzt nämlich voraus, dass jedes Kind als Fortschritt für die Gesellschaft betrachtet wird und Kindererziehung als Leistung für die Allgemeinheit. Diese Erkenntnis muss zu einer größeren Durchlässigkeit von beruflicher Arbeit und familiären Verpflichtungen genutzt werden.

Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) sieht in den aus der katholischen Religion und ihrer Soziallehre hervorgehenden ethischen Werten die Basis, unsere Gesellschaft in eine Richtung zu entwickeln, bei welcher das Gesamtwohl im Vordergrund steht und deshalb sowohl der berufliche Erfolg als auch die familiäre Gemeinschaft gefördert werden. Der Verband bemüht sich deshalb, seine studentischen Mitglieder mit diesen Werten vertraut zu machen und sie so auf eine fundierte Führungsrolle in Beruf und Gesellschaft vorzubereiten. Einerseits soll das Zusammenwirken der Studenten verschiedenster Fachrichtungen den Blick über die eigene Spezialisierung hinaus auf die Gesamtheit und deren Entwicklungen schärfen, andererseits soll der Zusammenhalt der jungen und der älteren Generation in den Verbindungen durch die jeweils unterschiedlichen Betrachtungsweisen das Gesamtziel einer für alle Altersgruppen positiven gesellschaftlichen Entwicklung fördern.

Dr. Heiner Emrich ist Vorsitzender im CV-Rat,
dem Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV)
Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentvenverbindungen (CV)
ist mit rund 30.000 Mitgliedern, davon rund 4.000 Studenten,
der größte katholische Akademikerverband. Zu seinen Mitgliedern
zählen zahlreiche Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft,
Gesellschaft und Politik. Prominentestes Mitglied
des CV ist Papst em. Benedikt XVI.

17. Dezember 2014