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Bernd Stock, Dipl.-Wirtsch.-Ing.

Internet – bald "Made in Germany"?

Wenn es stimmt, was die Experten aktuell auf der Cisco Connect 2014 in Berlin im November präsentiert und diskutiert haben, hat Deutschland die besten Chancen, dem Internet in seiner nächsten Phase den Stempel "Made in Germany" aufzudrücken und daraus einen neuen Exportschlager zu machen.

Nachdem die ersten drei Phasen der Revolution der digitalen Kommunikation darin bestanden, isolierte Datensätze miteinander zu vernetzen, diese Netzwerke dann für E-Commerce-Anwendungen zu nutzen und wir derzeit die Social-Media-Eigenschaften für uns entdecken, beginnt gerade die vierte Phase – mit dem "Internet of Things" (IoT). Trotz des Umstandes, dass deutsche Unternehmen den Kampf in der Consumer-Welt und damit die Macht über die Consumer-Daten gegen Firmen wie Amazon, Google oder Facebook – die nur stellvertretend für eine ganze Industrie stehen – verloren haben, hat gerade jetzt die deutsche Industrie die besten Chancen, die nächste Welle der Internet-Entwicklung zu dominieren. Mit dem "Internet der Dinge" beziehungsweise dem "Internet of Things" ist eine neue Ära eingetreten: Autos, Maschinen, Produktionsstätten können mit Hilfe von Software und Sensoren Daten austauschen. Neue Anwendungen sind die Folge. Autos verbinden sich dann beispielsweise über das Internet eigenständig mit Ampeln. Städte sind in der Lage, mit intelligenter Straßenbeleuchtung Stromkosten einzusparen. Maschinen kommunizieren mit der Produktionsware und Roboter melden selbständig ihren Wartungsbedarf. Wahrscheinlich werden sich viele der neuen Anwendungen sogar ganz einfach über Smartphone-Apps generieren lassen.

Das "Internet of Things" hat die komplette Digitalisierung der Gebrauchs- und Produktionsmittel zum Ziel und wird unsere traditionellen Geschäftsmodelle über kurz oder lang ablösen. Als Exportweltmeister ist Deutschland in genau den Branchen bestens positioniert, die jetzt digitalisiert werden. Hier ist nicht die USA die direkte Konkurrenz, sondern Volkswirtschaften, die ähnlich strukturiert sind wie unsere – allen voran China.

Bis dato ist die Bilanz deutscher Firmen, die das Internet für neue Geschäftsmodelle einsetzen allerdings nur mäßig. Warum tun sich die deutschen Firmen eigentlich so schwer, diese neue Technik für ihre Belange zu nutzen und daraus Vorteile zu ziehen?
Dazu sollte man zuerst einmal verstehen, welchen Paradigmenwechsel das Internet in der Geschäftswelt vollzogen hat. Wie die Komplexität unserer Technologie-Systeme rasant zunimmt und der Komplexität biologischer Systeme immer ähnlicher wird, erfahren wir unter anderem in Büchern wie "Probleme der postindustriellen Gesellschaft" und von Autoren wie Kevin Kelly. Ein Experiment mit einem Bienenschwarm macht klar, was gemeint ist: Täglich wird eine Schale gesüßtes Wasser in der Nähe des Bienenstocks aufgestellt. Von Tag zu Tag wird dann die Entfernung zum Stock verdoppelt. Es dauert gar nicht lange, bis der ganze Bienenschwarm ab einem bestimmten Tag immer genauer an der richtigen Stelle wartet – noch bevor die Schale aufgestellt ist. Diese rätselhafte Gruppenintelligenz oder auch Schwarmintelligenz haben Psychologen auch bei Menschen beobachtet. Jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass Schwarmintelligenz nur bei Teams zu beobachten ist, die harmonisch zusammenarbeiten.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass im Informationszeitalter der Nutzwert eines Produktes mit dem Angebot steigt. Ganz im Gegensatz zu früher: Je knapper Produkte waren, desto wertvoller waren sie – seltene Edelmetalle wie Gold oder Rohstoffe wie Öl.
Wer heute mit Laptop, Smartphone oder Faxgerät kommuniziert, erwirkt gleichzeitig ein Netzwerk, das aus Millionen von Geräten besteht. Alle diese vernetzten Geräte erzeugen Daten in Hülle und Fülle. Nach Schätzungen von Experten werden bis zum Jahr 2020 ca. 40 Prozent des Datenaufkommens vollautomatisch durch Sensoren generiert. Das bedeutet, das Öl von heute sind die Datensätze von morgen. Daten werden in Zukunft eine enorme Bedeutung erlangen. So tragen zum Beispiel Röntgenbilder, die über einen längeren Zeitraum in Datenbanken gesammelt werden, bereits heute dazu bei, genauere Analysen von Krankheiten oder Krankheitsverläufen zu liefern. Wir müssen uns also nicht mehr auf die Erfahrung eines Arztes verlassen, sondern uns steht der Erfahrungsschatz zigtausender Untersuchungen zur Verfügung.

Im "Internet of Things" steht demzufolge nicht der Wert des Produktes im Vordergrund, sondern die Daten über das Produkt selbst beziehungsweise die Daten, die während der Produktions- und Fertigungsprozesse geliefert werden. Mit den Produktdaten und gewonnenen Betriebsdaten lassen sich komplett neue Geschäftsmodelle und Services für Kunden gestalten – und zwar in allen Branchen. Es wird geschätzt, dass sich die Wertschöpfungsprozesse pro Jahr um 6-8 % optimieren lassen. Der eigentliche Vorteil liegt jedoch in den zusätzlichen Services, die den Kunden angeboten werden können.

Die Firma Amazon weiß bereits heute, welches Produkt der Verbraucher als nächstes kaufen wird. Die Hersteller können dem Kunden allerdings morgen sagen, wann beispielsweise sein Produkt kaputt gehen wird und sind somit in der Lage, vor der Konkurrenz aktive Handlungsschritte einzuleiten. Es ist also möglich, heute schon Fragen zu Situationen zu beantworten, die noch gar nicht eingetreten sind. Kausalität wird abgelöst durch Korrelation. Um diesen immensen Wettbewerbsvorteil nutzen zu können, muss jedoch in Deutschland zunächst das Verständnis dafür geweckt werden.

Ein weiterer wichtiger Wettbewerbsvorteil ist der Umgang mit personenbezogenen Daten am Standort Deutschland. Deutschen Firmen vertraut man, personenbezogene Daten sensibel zu behandeln. Darüber hinaus ist festzustellen, dass im Zuge der Snowden-Affäre immer mehr deutsche Firmen IT-Security-Produkte auf deutschem Boden entwickeln. Begleitet wird diese Entwicklung unter anderem durch Initiativen des Landes Baden-Württemberg – etwa die IT-Sicherheitsagentur oder ein TÜV-Zertifikat für sichere Software. Überaus positiv ist, dass bei diesem Thema die Politik ausnahmsweise nicht der Entwicklung hinterherläuft, sondern ein Treiber ist. Das Hightech-Programm der deutschen Bundesregierung "Industrie 4.0" ist sogar in den Laboren und Entwicklungszentren in Palo Alto im Silicon Valley ein Begriff und wird dort sogar auf Deutsch ausgesprochen. Nicht umsonst plant einer der größten Netzwerkausstatter der Welt derzeit die Einrichtung eines Labors in Berlin und sucht den Schulterschluss zu deutschen Firmen in der Pharma-, Chemie-, Energie- und Automobilindustrie sowie im Maschinenbau.

Damit wir im "Internet of Things" als deutsche Unternehmen Erfolg haben, ist es notwendig, endlich die Betriebsdaten zu erfassen und zu speichern, die von unseren Produkten erzeugt werden. Auch wenn derzeit noch nicht klar ist, welchen Nutzen diese Daten einmal konkret für die Unternehmen haben. Auf jeden Fall sollten wir unsere Chance nutzen, mit "Made in Germany" ganz vorne mitzumischen. Aber Achtung: Im Internet ist ein langer Atem erforderlich. Investitionen zahlen sich in der Regel erst nach längerer Zeit aus. Erfolg im Internet verläuft prinzipiell exponentiell, nicht geradlinig. Die Microsoft Aktie brauchte beispielsweise viele Jahre bis sie explosionsartig wie eine Rakete anstieg.

Um einen BASF Manager zu zitieren: "Net schwätze, sondern machen" oder nach Erich Kästner " Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" wünschen wir Ihnen eine gute Hand für Ihre zukünftigen unternehmerischen Entscheidungen.

Bernd Stock ist seit mehr als 18 Jahren für den
Systemintegrator und Managed Service Provider
Controlware GmbH als Key Account Manager
und Consultant tätig. Der Schwerpunkt
seiner Arbeit liegt dabei in der Migration
großer Prozess-Infrastrukturnetze auf die
neue Internet-Technologie und die damit
einhergehenden Sicherheitsaspekte.

10. Dezember 2014