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Martin Voigt, Journalist

"Familiär und kulturell entwurzelt"

Die fortschreitende Zerstörung der klassischen Familienstruktur.
In a world where you can be anything.. BE YOURSELF ♥
- schreibt eine 16-Jährige 2012 zu ihrem neuesten Profilfoto auf Facebook. Sie lächelt auf dem Bild, die mit Wimperntusche akzentuierten Augen strahlen und ihr leicht zur Seite geneigtes Gesicht wird von langen, geglätteten Haaren umrahmt, die ihr bis ins Dekolleté fallen. Weder in der Wahl des selbstbezogenen Spruchs noch in der Art der Bildgestaltung unterscheidet sie sich von den Inszenierungen ihrer Altersgenossinnen, doch sie selbst empfindet ihr Profilbild sowie ihre gesamte Selbstdarstellung als individuelles und authentisches HERSELF.

Die Begriffe 'Identität', 'Individualität', 'Authentizität' müssen mit dem Begriff der 'Bindung' in Bezug gesetzt werden. Jahrhundertelang wurde von einer einheitlichen und dauerhaft festen Persönlichkeit des Individuums ausgegangen. Moderne Theorien sprechen hingegen von einem aktiven Prozess der Identitätskonstruktion. Allerdings führt die sogenannte Individualisierung in der Postmoderne durch die Auflösung traditioneller Bindungen (Familie, Ehe) und gesellschaftlicher Strukturen (Religion, Beruf, soziale Schicht, Wohnsitz) nur scheinbar zu einer freien Gestaltung der eigenen Identität. Vermeintlich eigene Lebensentwürfe werden zu neuen sinnstiftenden Instanzen. Wie in vergangenen Epochen werden heute immer noch vorgefertigte soziale Rollen und standardisierte Selbstbilder übernommen und in einem Kombinationsprozess zu einer Identität zusammengefügt, die nun jedoch als selbstbestimmt empfunden wird. Dass die Auswahl an solchen Identitätsbausteinen immer größer wird und theoretisch jeder sein und werden kann, was er möchte, bedeutet nur an der Oberfläche mehr Freiheiten und mehr Chancen. Letztendlich wurde durch die immer umfassendere Aufhebung der als einengend empfundenen Strukturen eine Unsicherheit erzeugt, die das Individuum oszillieren lässt zwischen den schier unbegrenzten Möglichkeiten der freien Entfaltung.

Als von jeglicher Perspektive auf schillernden Horizonte beraubt oder gar als intellektuell beschränkt erscheint uns das Leben vor der Aufklärung. An ihrem Pranger steht: Gebunden an die Familie, gefangen in der Zunft der Väter, gefügt in vorgegebene Geschlechterrollen, unterdrückt von Staat und Kirche. Die Grenzen waren eng gefasst und wurden zu Recht gelockert, doch die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert nahezu vollständig gesprengten Bande wurden bei näherem Hinsehen durch neurotische Zwänge ersetzt. Die Abkehr von allem, was Grenzen setzt, führte gleichzeitig zu einem Verlust an Sicherheit, auf die das sich ausprobierende Individuum zurückfallen konnte, falls der Lebensentwurf schief ging.

Wenn Ungebundenheit zur Maxime erhoben und mit Freiheit gleichgesetzt wird, können Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und bohrende Sinnfragen zu düsteren Wolken am grenzenlosen Horizont werden. Der postmoderne, auf sich selbst zurückgeworfene Mensch ist wie ein freies Radikal – immer auf der Suche nach Bindung. Schlimm nur, wenn diese Identitäts- und Sinnsuche zu einem lebenslangen Aushandlungsprozess in einer stets pluralistischer werdenden Gesellschaft wird und sich das Gefühl 'ich bin angekommen', 'ich bin angenommen' nie einstellt.

Langsam findet eine Rückbesinnung auf bindende Werte statt, die dem außer Rand und Band geratenen Leben wieder Führung und Sinn verleihen, während der totalitäre Freiheitsanspruch an Leuchtkraft verliert. Noch können genug Menschen empfinden, dass die Sicherheit einer verlässlichen Bindung Selbstvertrauen und individuelle Entfaltung erst ermöglichen.

Die erste entscheidende Bindung im Leben ist die zwischen Mutter und Kind. Das besonders in den ersten Lebensmonaten gefasste Urvertrauen stabilisiert das weitere Leben. Die auf dieser Basis erfolgende emotionale Verwurzelung des heranwachsenden Kindes in seiner Kernfamilie bietet jene Geborgenheit, die später für eine freie und selbstbestimmte Identitätsbildung unabdinglich ist. Die ersten Lebensjahre im Besonderen aber auch die Jahre danach bis in die Pubertät entscheiden darüber, ob der zukünftige Erwachsene einmal die Kraft innerer Ruhe ausstrahlen wird, oder ob er sich zwanghaft und selbstbezogen über einen Ersatz zur mangelhaften Mutterliebe definieren muss.

Zurück zu dem 16-jährigen Mädchen auf Facebook und seinen zahlreichen Freundinnen, die das Profilfoto geliked und kommentiert haben:

*___* wunderschön !! ♥♥
mein topmodeeel :*
ich lieebe dich ♥

Soziale Inszenierungsplattformen bieten erstmals die Möglichkeit, die Selbstbilder einer gesamten Generation im Querschnitt zu erfassen. Pubertierende Mädchen stechen dabei heraus, allerdings nicht, weil einzelne Selbstdarstellungen besonders originell wären, sondern weil sie in der inhomogenen Masse der Nutzer als einheitlicher Typus zu erkennen sind. Das heißt, sehr viele Mädchen präsentieren ein sehr ähnliches Selbstbild, das auf den sozialen Status unter Gleichaltrigen ausgerichtet ist. Der Rahmen des sozial Akzeptierten scheint enger gefasst zu sein als die Doktrin der katholischen Kirche im Mittelalter. Die beliebten Teenager-Mädchen mit den besten Freundinnen um sich herum und dem Smartphone in der Hand verorten ihre Identität tief im Mainstream, als würden sie einer Kaste angehören. Das fällt ihnen nicht weiter auf, weil für sie eben all jene Muster und Verhaltensweisen authentisch sind, die in dieses ich bin ein Mädchen-Motiv passen. Ich bin hübsch und beliebt wird als normatives Schema zum Repertoire der Identitätskonstruktion und es wird als individuell empfunden, sobald es in das Selbstbild integriert ist. Das Übernommene wird nicht mehr als Symbol für Zugehörigkeit erkannt.

Soziale Medien offenbaren das, was sonst nur Lehrern aufgefallen wäre: Das Beziehungshandeln unter Mädchen nimmt symbiotische Züge an. In egozentrisch-emotionaler Manier werden aus Mädchen-Cliquen, die ehemals im Pausenhof Gummihopse gespielt haben, eingeschworene Like-Seilschaften, die ihren Blick kaum noch vom Handy lösen können. Alle haben sich ganz doll lieb und finden sich gegenseitig wunderhübsch – ein öffentliches Geben und Nehmen an Bestätigung, das ganze Jahrgangsstufen in den Bann schlägt. Mädchen setzen sich und ihre Freundschaften in Szene, weil ihr Aussehen, ihre besten Freundinnen und ihr sozialer Status in der Jahrgangsstufe die wichtigsten Facetten ihrer Identität sind.

Ist das soziale Kompetenz im 21. Jahrhundert, oder ein unter oberflächlichen Inszenierungskünsten verborgener Kollektivismus, der durch die sozialen Medien verstärkt und erstmals abgebildet wird? Anpassung ist in der Pubertät nun einmal wichtiger als Individualität, finden Jugendforscher. Aber warum? Und warum in einem Ausmaß, dass es auffällt?

Wenn unzählige Mädchen ihre Identitätsentwicklung auf einen Mädchentypus ausrichten und dabei vollständig auf altershomogene Bezugsgruppen fixiert sind, ist dies ein Indikator dafür, das gemittelt über die Generation Probleme mit ihrer emotionalen Verwurzelung in die Familie vorliegen. Ein auf stabilen Bindungen fußendes Selbstwertgefühl würde sich einer Assimilation diesen Ausmaßes verweigern und die Selbstdarstellungen wären vielseitiger und nicht ausschließlich auf die Identitätsbausteine ich bin süß und das sind meine Freunde ausgerichtet.

Die Jugendforschung ist keine ganz neue Disziplin und sie weiß zu berichten, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen ihre Freundschaften gefühlsbetonter inszenieren und gestalten. Das Bestätigen von Verbundenheit gehörte schon immer in eine Mädchenfreundschaft, doch was Facebook & Co seit einiger Zeit an jugendkulturellen Diskursen offenlegen, ist eine starke Überhöhung des für Mädchen charakteristischen Sozialverhaltens:

Vor allem Mädchen suchen die Geborgenheit in der Uniformität ihrer schulischen Kuschelgruppe. Bloß nicht negativ auffallen, aber schon auch authentisch sein, sind die Anforderungen an das nach außen inszenierte Ideal. Sie lächeln lieb für Facebook und Instagram und das Smartphone mutiert zur Nabelschnur ins vermeintliche Bindungsbiotop, in dem Eltern nichts zu melden haben. Augenscheinlich sind diese symbiotischen Ersatzbindungen im Durchschnitt eher labil, wenn die Freundschaft täglich neu bestätigt und die Beliebtheit in der Klasse täglich neu ausgelotet werden muss. Die Emotionalität steigert sich entsprechend der kulturellen Vorgabe ins Unermessliche, um dann irgendwann dem erreichten Niveau der großen Gefühle nicht mehr standhalten zu können. Wenn beste Freundinnen in ihrer Suche nach Bindung zu ausschließlich auf ihr Gegenüber fixiert sind, sitzen sie auf einem Pulverfass aus Verlustangst, Abhängigkeit, Eifersucht und Vereinnahmung. Das öffentlich gepostete ich liebe dich richtet sich auch an die gesamte online vernetzte Jahrgangsstufe und bedeutet: Das ist allein meine beste Freundin!

Die in solchen altershomogenen Bezugsgruppen entwickelten Selbstbilder, fallen durch ihre serielle Gleichförmigkeit auf. Anpassung wird zur sozialen Notwendigkeit, da pubertierende Teenager sich im Umgang miteinander nicht wie seelisch gereifte Erwachse verhalten und sich in ihren Freundschaften nicht wie Eltern ihren Kindern mit bedingungsloser Annahme begegnen. Intuitiv wollen sie im Kollektiv der Ganztagsschule so sein, wie alle anderen bzw. wie das inhärente Ideal, das sich in einem Spannungsfeld aus Adaption und Distinktion permanent neu konstituiert und nur an der Oberfläche Spielraum für individuelle Alternativen lässt. Ausgerechnet in dieser eigentlich stürmenden und drängenden Phase bleibt die Identitätsbildung eingeschränkt und zwanghaft, wenn sie nahezu ausschließlich unter Gleichaltrigen stattfindet oder wenn wegen einer unsicheren Bindung in die Familie die emotionale Basis für eine frei Identitätsentwicklung fehlt.

Die Ursachen für eine schwache Bindung in die Kernfamilie liegen in den kulturellen Veränderungen der postmodernen Gesellschaften begründet. Kinder wachsen immer seltener in traditionellen Familienverhältnissen auf und sie werden immer mehr aus ihren Familien gelöst und in schulischen Gleichaltrigengruppen neu sozialisiert. Der flächendeckende Ausbau von Kinderkrippen und Ganztagsschulen hat zum vordergründigen Ziel, Mütter so schnell wie möglich und dauerhaft ins Erwerbsleben zurück zu holen und modernen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Ginge es um Hundewelpen, würden Züchterverbände und Tierschützer Sturm laufen, aber Kinder dürfen von klein auf ganztags kollektiviert aufbewahrt werden.

Vor wenigen Jahrzehnten war der Kindergarten für Kinder ab drei Jahren und das auch nur für ein paar Spielstunden am Vormittag. In der Grundschule war um 12 Uhr Schluss und am Gymnasium die ersten Jahre um ein Uhr. Ein paar Kinder gingen am Nachmittag in den Hort, aber das war die Ausnahme. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu erkennen, dass die linken Geister, die heute mehr Betreuungsangebote fordern, gestern an den finanziellen Stellschrauben gedreht haben, die es einem Familienvater unmöglich machen, als Alleinverdiener seine Familie durchzubringen. Gleichzeitig wurde die Rolle der Hausfrau und Vollzeitmutter der Lächerlichkeit preisgegeben. Beides gab es in noch keiner Kultur der Menschheitsgeschichte.

Wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen
(Marx, Kommunistisches Manifest).

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hat angekündigt, die Regierung wolle mit einem Ausbau der Ganztagsbetreuung eine "kulturelle Revolution" erreichen. Für die Zukunft Deutschlands sei es wichtig, den Rückstand an Ganztagsschulen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aufzuholen, sagte Scholz am Sonntag im Deutschlandfunk. Die SPD wolle "die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern" (FAZ vom 04.11.2002, Nr. 256, S. 1).

"Kulturelle Revolutionen", die vom (National-) Sozialismus über den radikalen Feminismus bis zur Gender-Ideologie verschiedene Gesichter zeigten, verfolgten stets das Ziel, die traditionelle Familie und damit die Mutter-Kind-Bindung zu schwächen, um Kinder nach ihrem Menschenbild prägen zu können. Die geistigen Erben von Marx und Engels waren im Sprengen familiärer Bande zunehmend erfolgreich aber besonders darin, Mann und Frau gegeneinander auszuspielen. Aus Ehemännern und Ehefrauen wurden Lebensabschnittspartner und von Kindern hört man immer öfter: "Am Wochenende besuche ich meinen Papa."

Zum Glück dreht sich unsere Kultur aber wie ein Schwungrad auch dann noch einige Zeit lang weiter, wenn bald jede zweite Ehe geschieden wird und fast alle Babys, die überhaupt noch geboren werden, von der KiTa bis zum Abi in den Genuss staatlicher Betreuung kommen. Die Bindungsfähigkeit als emotionales Kapital unserer Kultur schwindet aber immer schneller, wenn die traditionelle Familie nicht wieder mehr Wertschätzung erfährt. Seelisch entwurzelte Kinder, die in ihren Selbstverwirklichungs-Manien und in einer scheinbar vielfältigen und für alles offenen Gesellschaft gefangen sind, können das Schwungrad nicht mehr aus eigener Kraft zum Laufen bringen. Wie sollten auch aus der Vergangenheit einer Institutionenkindheit heraus neue Herzenswärme im Umgang mit eigenen Kindern entstehen?
In der egozentrischen Sinnsuche (z.B. Körperkult, Esoterik, süchtiges Verhalten) äußern sich narzisstische Defizite also die unbefriedigte Sehnsucht nach stabiler Bindung. Der unsicher gebundene Mensch ist eher konsumorientiert, politisch lenkbar, in gewissem Maße arbeitswillig aber kaum in der Lage, den höheren Sinn seiner Verantwortung für Familie und Gemeinschaft zu erfassen. Dem familiär und kulturell Entwurzelten fehlt der generative Aspekt in seiner Selbstwahrnehmung und folglich reagiert er mit Gleichgültigkeit, sofern nicht seine unmittelbaren Kreise gestört sind.

Martin Voigt ist Jugendforscher und promovierte 2014
an der Ludwig-Maximilians-Universität in München
mit einer soziolinguistischen Studie über
"Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von
Social Media". Er unterstützte mehrere Jahre ein
Präventionsprojekt der Bundespolizei, das auf
seiner empirischen Forschungsarbeit beruht.
Seit 2014 schreibt er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Momentaner Interessenschwerpunkt: Zusammenhang
zwischen Bindungserfahrungen und Beziehungs-/Sexualverhalten.

24. November 2014