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Jürgen Kaube,
Ressortleiter "Geisteswissenschaften" der FAZ

Wozu Bildung?

Jeder kann heute eine Bildungsrede halten. Denn die übliche geht ganz einfach und zwar so: Wir leben in einem rohstoffarmen Land. Darum müssen wir in Köpfe investieren. Für die Wissensgesellschaft und die Standortkonkurrenz brauchen wir mehr Akademiker. Die Schulen und Hochschulen dürfen dabei keine Zeit verschwenden, sie müssen praktisch denken und ihre Absolventen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.

Jeder kann diese Rede halten, sie ist auch schon ganz oft so gehalten worden. Doch nicht nur darum kommen Zweifel auf, ob sie noch jemand hören will. Denn näher betrachtet ist jeder einzelne dieser Sätze falsch oder sagen wir: zumindest fragwürdig. Gehen wir sie der Reihe nach durch.

Tatsächlich haben wir in Deutschland weder Erdöl noch Aluminium oder Kaffeeplantagen. Doch bei genauerem Nachdenken gibt es nur sehr wenige rohstoffreiche Länder, in denen man gerne leben möchte. Die allermeisten sind arm, verödet, Kriegsgebiete oder in der Hand von Räuberbanden. Ein paar andere lassen von Gastarbeitern Öl aus dem Boden holen und waren jedenfalls bis vor kurzem reine Rentiersgesellschaften mit hohem Analphabetismus in der Bevölkerung.

Wir müssen also nicht "darum" für Bildung sorgen, weil wir nichts anderes haben, sondern weil eine intelligente Bevölkerung unter allen Umständen besser ist als eine ungebildete. Das betrifft auch das in Bildungsreden beliebte Argument, höhere Bildungsabschlüsse seien ein Mittel zu sozialem Aufstieg. Im Durchschnitt mag das so sein. Im Einzelfall ist es aber unklar, ob das Kind eines Schreinermeisters, das Betriebswirtschaft studiert und danach in einer Bank Riesterrenten verkauft, oder Jurisprudenz studiert und danach Mietrechtsanwalt wird, einen Fall sozialer Aufwärtsmobilität verwirklicht hat. 18 % aller Studierenden in Deutschland studieren Geisteswissenschaften, damit halten wir den Weltrekord – aber ist das ein Mittel zum sozialen Aufstieg?

Natürlich wäre es töricht, den Zusammenhang zwischen einer guten Ausbildung und guten Berufschancen zu leugnen, oder den zwischen einer gut ausgebildeten Bevölkerung und dem Wohlstand eines Landes. Alle ökonomischen und soziologischen Studien, die sich damit befassen, sprechen dafür, dass Schulen und Universitäten, die funktionieren, einer Gesellschaft gut tun. Aber angenommen, der Wohlstandszuwachs bliebe auch mit mehr Abiturienten und besseren Hochschulen und einer intelligenten frühkindlichen Erziehung aus, weil selbst finnische oder kanadische Bildungsverhältnisse nicht verhindert hätten, dass die Lehman-Bank den Bach heruntergeht. Angenommen, man studierte und stiege trotzdem nicht auf. Wäre Erziehung dann gescheitert? Hätten wir uns dann die Kosten und die Zeit für Bildung lieber gespart?

Der Sinn des Studiums wie der Bildung kann jedenfalls nicht darin liegen, in welcher Stufe der Steuerprogression man danach landet. Gewiss, Geld allein macht nicht unglücklich, aber die Aufgabe der Schulen und Hochschulen liegt nicht allein darin, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber hervorzubringen. Natürlich wirft es Probleme auf, wenn die Abiturienten mehrheitlich lieber Medienwissenschaften als Maschinenbau studieren wollen. Doch auch zum Studium des Maschinenbaus und vorher zur schulischen Beschäftigung mit Mathematik, Physik und Chemie motivieren wir nicht mit den Gehältern, zu denen es vielleicht führt. Bildung heißt vielmehr: einer Sache folgen, weil sie den Verstand erfrischt, weil sie das Könnensbewußtsein steigert, weil sie eine Welt erschließt.

Gebildete Personen brauchen wir also nicht nur für die Wirtschaft. Genauer noch: Auch die Wirtschaft braucht gebildete Absolventen nicht nur als Träger von neuem, rentabel zu machendem Wissen. Damit wir uns recht verstehen: nichts, überhaupt nichts gegen Rentabilität, Innovation, Effizienz. Der gute Lehrling aber hat mehr als technische Fertigkeiten, und dasselbe gilt für den guten Ingenieur, den guten Manager, den guten Arzt. Was wir uns unter Bildung vorstellen ist kognitive und moralische Wachheit, ein Gespür für Fragen, ein Sinn für Probleme und Lösungen, die Fähigkeit zum Umgang mit anderen, Durchhaltevermögen, Distanz gegenüber Sprüchen, Urteilskraft. Wir brauchen die Praktischen, aber auch die Theoretischen, wir brauchen Leute, die mit Zahlen rechnen können und solche, die mit Zahlen phantasieren können. Und weil wir heute noch nicht wissen, was wir morgen brauchen, müssen wir uns, was die Bildung angeht, an die Lernfähigkeit halten. Schulen und Hochschulen sollen lernfähigere Personen ins Leben entlassen, nicht solche, die Bildung als einen merkwürdigen Hindernisparcours erlebt haben, den die Gesellschaft zwischen ihnen und der Berufswelt errichtet hat.

Das alles wird man nicht bekommen, wenn man jungen Leuten einredet, sie hätten keine Zeit, weil der Weltmarkt drängt, wenn man sie dazu erzieht, stets auf den kurzfristigen Nutzen zu achten oder auf das, was sie dafür halten, wenn man ihnen sagt, es komme in der Gesellschaft nur darauf an, sich durchzusetzen, wenn man die Gesellschaft mit dem Markt verwechselt. Vor allem sollten wir es uns selbst nicht einreden. Es gibt in vielen sozialen Milieus inzwischen ein Unverständnis gegenüber Bildung, die sich nicht sofort auszahlt. Und in anderen gibt es Resignation gegenüber Bildung, weil man nicht mehr daran glaubt, dass sie sich auszahlt. Es wäre eine lohnende Aufgabe für diejenigen, die Bildungsreden halten, einmal darüber nachzudenken, ob ein intelligentes Wesen zu sein eigentlich ein Mittel zu etwas anderem ist oder nicht doch ein Zweck.

Jürgen Kaube
ist Ressortleiter "Geisteswissenschaften" der FAZ

12. November 2014