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Sebastian Moll, Autor

Das Christentum gehört zu Deutschland -
Ob Sie glauben oder nicht

"Der sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich." So argumentierte der Sozialdemokrat August Bebel im Jahre 1875 gegenüber dem katholischen Priester Wilhelm Hohoff, der sich bei Bebel über dessen Angriffe auf das Christentum beklagt und auf die vielen Verdienste der Christen für die Gesellschaft hingewiesen hatte. Bebels Entgegnung, obwohl nunmehr bald 140 Jahre alt, könnte auch in heutigen Diskussionen problemlos Eingang finden. Die Vorstellung, dass das Positive der christlichen Religion in der Ethik liege, und dass diese Ethik wiederum völlig unabhängig vom, wenn nicht gar in direktem Gegensatz zum Dogma stehe, ist selbst unter Christen stark verbreitet. In Wirklichkeit zeigt sich aber, dass jene ethischen Vorstellungen, die unsere westliche Kultur ausmachen, weder allgemein menschlich, noch von den Grundpfeilern des christlichen Glaubens loszulösen sind.

 

Wie alles begann

Wir schreiben das Jahr 30 n. Chr. Ganz Judäa ist von den Römern besetzt. Ganz Judäa? Ja, ganz Judäa! Das Römische Reich erstreckt sich von der Iberischen Halbinsel bis zur heutigen Türkei und mit ihm die griechisch-römische Zivilisation. Mit ihr erlebt die Menschheit bisher nie gekannte Höhen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur, ein hoch entwickeltes Rechtssystem, eine effiziente Verwaltung – das Reich funktionierte. Doch eins fehlte dieser großartigen Zivilisation. Sie konnte den Menschen nicht um seiner selbst willen lieben. Es mangelte ihr an jenem Gefühl für die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen, wie sie unser deutsches Grundgesetz garantiert. Tatsächlich wäre ein derartiger Gedanke den meisten Bewohnern des Reiches absurd vorgekommen. Sklavenhaltung war die natürlichste Sache der Welt. Auch das demokratische Vorbild des antiken Griechenlands entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Schimäre. Demokratische Systeme innerhalb der griechischen Stadtstaaten hielten meist nur kurze Zeit und endeten für gewöhnlich in einer grauenvollen Pöbelherrschaft. Große Persönlichkeiten wie Sokrates oder Themistokles wurden von diesen Regimen zum Tode verurteilt bzw. in die Verbannung geschickt. Es war ebendiese Entwicklung, die dazu führte, dass Philosophen wie Platon die Demokratie vehement ablehnten und stattdessen das Modell eines autoritären Kastenstaates propagierten. Für römische Philosophen wie Cicero wiederum war der Begriff der Würde (dignitas) zwar von großer Bedeutung, doch betrachtete er diese als eine zu erwerbende Eigenschaft, keineswegs als eine allen Menschen zuzusprechende. Damit traf er exakt das Gefühl dieser Epoche.

Doch in diese Epoche fällt nun ein Ereignis von solchen Ausmaßen, dass es die Kunst des Historikers nicht zu beschreiben vermag. Mit einem Mal steht der Mensch als Individuum im Mittelpunkt, als solches wird er von Gott angesprochen und angenommen. Kein passives Ertragen des Schicksals, kein ewiger Kreislauf, keine Unterordnung unter abstrakte Systeme: "Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbat willen", lautet die neue Parole der göttlichen Wertschätzung des Menschen. "Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat", lautet die prägnante Antwort des Neuen Testaments auf die offenbarte Gnade Gottes. "Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Christus seid ihr alle eins", bringt es der Apostel Paulus auf den Punkt.

Wenngleich festgehalten werden muss, dass es die frühen Christen noch nicht zu einer wirkungsvollen Umgestaltung der tatsächlichen Verhältnisse im Römischen Reiche gebracht haben, so war der Same zweifellos gelegt. Es sollte allerdings einige Zeit dauern, bis er in voller Blüte erstrahlen konnte.

 

Wie alles von neuem begann

Die Entwicklung zur modernen Idee der Menschenwürde nimmt ihren Anfang im Renaissance-Humanismus des 14. Jahrhunderts, einer Bewegung, die auf die Vorstellungen der Antike zurückgriff und daraus ihr neues Menschenbild entwickelte. So zumindest lautet die landläufige Erklärung. Die Wiederentdeckung der antiken Autoren alleine kann jedoch nicht ausschlaggebend für die neu formulierte Würde des Menschen gewesen sein, da es die antike Gesellschaft ja gerade nicht zu diesem Ideal gebracht hatte. Die weit verbreitete Vorstellung, die Renaissance hätte sich gewissermaßen von dem christlichen Erbe Europas gelöst und erst durch diesen Befreiungsschlag zu ihrem Menschenbild gelangen können, hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Besonders deutlich wird dies in den Schriften Francesco Petrarcas (1304-1374), der zu Recht als Vater des Renaissance-Humanismus gilt. In seinem Werk De otio religioso (Über die religiöse Muße) schreibt er:

"Freue dich, menschliche Natur, die in ihrem äußersten Elend mehr gesegnet wurde als sie es sich mit all ihrem Verstand hätte vorstellen können. Richtet euer gebildetes Genie darauf, sage ich. Hört, Platon, Aristoteles und Pythagoras: Hier liegt es verborgen, nicht ein lächerlicher Kreislauf von fantasievoller Seelenwanderung, sondern ein gewiss größeres Geheimnis wahrer Erlösung. Höre, Varro, Gebildetster unter den Menschen, der du so leidenschaftlich die Geheimisse erforscht hast: Hier wird nicht die Ratsversammlung deiner Götter und ihrer Irrtümer beschrieben, sondern die Wahrheit und Verehrung des einen Gottes […] Er kam herab zur Erlösung der Menschheit, die er erhöht hat."

Seine Wertschätzung für die Autoren der Antike ist unüberhörbar, doch ebenso wenig seine Betonung der Menschwerdung Gottes. Dieses Ereignis, das den menschlichen Verstand übersteigt, weshalb es selbst von den größten Geistern nicht erdacht werden konnte, bildet den Kern von Petrarcas neuem Menschbild, welches die Grundlage unserer Zivilisation werden sollte. Nach dem Bilde Gottes geschaffen, wird der Mensch zum Gestalter der Welt. Aus dem irdischen Paradiese verstoßen, nimmt Gott an seinem Elend teil. Erst durch diese fundamentalen Erkenntnisse, die sich nun mit der antiken Gelehrsamkeit zu einer wirkmächtigen Idee verbinden, wurde die weitere Entwicklung möglich, die schließlich ihren (vorläufigen) Höhepunkt in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fand: "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness." Natürlich müsste aus heutiger Sicht angemerkt werden, dass der hier formulierte Gleichheitsgrundsatz keineswegs offensichtlich (self-evident) ist. Er konnte den Verfassern der Erklärung nur deshalb so erscheinen, weil sie von dem Glauben an den Schöpfer beseelt waren und dies auch explizit in ihren Worten zum Ausdruck brachten. Eben dieser unmittelbare Zusammenhang zwischen der Idee der Menschenwürde und dem Glauben an den biblischen Schöpfergott ist heute vielfach verlorengegangen. Aber man kann es drehen und wenden, wie man will, sowohl unser Bild des Menschen als auch unsere Liebe zum Menschen basieren unmittelbar auf dem christlichen Dogma. Ob Sie's glauben oder nicht.

 

Dr. Sebastian Moll
Habilitand an der Evangelisch-Theologischen Fakultät
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Leiter der PR-Agentur WortmitWert,
zuletzt erschienen:

"Du sollst nicht atmen"
"Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung"

09. November 2014