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+++ Aktuell & Nützlich +++

Prof. Dr. Philipp Schade
BAV-Spezial (2)
Wie die Direktversicherung die Bilanz fälscht!

Die (geliebten und verbreiteten) versicherungsförmigen Wege der betrieblichen Altersversorgung – also Direktversicherung, Pensionskasse und Pensionsfonds – wurden häufig mit dem Wunsch des Arbeitgebers bzw. Steuerberaters eingeführt, dass "keine Bilanzberührung vorliegen soll". Damit wird insbesondere die (attraktive) unmittelbare Durchführung über die sog. Pensions- bzw. Direktzusage verteufelt. Dort nämlich müssen verpflichtend Pensionsrückstellungen gebildet werden. Rückstellungen also, die die Passivseite der Bilanz belasten und meistens für den Verkauf des Unternehmens hinderlich sind.

Dieser angebliche "Makel" der unmittelbaren Gestaltung über die Pensionszusage ist keinesfalls gerechtfertigt. Nicht die Pensionszusage als solche ist schlecht, auch grundsätzlich nicht die Pensionsrückstellungen. Nein, es ist der Sachverhalt, dass den Rückstellungen in der Bilanz in den letzten Jahrzehnten häufig genug nicht ausreichend Vermögen auf der Aktivseite der Bilanz gegenübergestellt werden konnte. Das wiederum lag an einer "gewinnorientierten" Gestaltung der Pensionszusage mit dem damaligen Ziel, Unternehmenssteuern zu sparen. Wir räumen hier auf mit der Unfugsaussage der "Bilanzberührung" und zeigen gerade für die versicherungsförmige Alternative auf, was nur wenige wissen.

Aus vorwiegend diesen Gründen wurde die Pensionszusage in den Hintergrund gedrängt, gar gemieden und die versicherungsförmigen Gestaltungsformen fanden Verbreitung. Dem Unternehmer wurde zudem suggeriert, dass er alle administrativen Lasten einfach abgenommen bekommt, keine Kosten hat und sich um die Altersversorgung nicht weiter zu kümmern braucht. Weit gefehlt, wie schon der letzte Artikel zum fehlenden arbeitsrechtlichen Versprechen gezeigt hat. In Fortsetzung dessen wird nun die bilanzielle Seite betrachtet: denn der Wunsch "keine Bilanzberührung zu haben" war wohl nur einer frommer.

Um nicht direkt aus dem Handelsgesetzbuch zu zitieren, ziehen wir die sehr gute Erläuterung des Instituts der Deutschen Wirtschaftsprüfer (IDW) zur Bewertung von Pensionsverpflichtungen seit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz zu Rate. Dort wird im Schreiben des Hauptfachausschusses HFA 30 alles Wissenswerte zur Bilanzierung wiedergegeben. Zum Bilanzstichtag ist daher der aktuelle Wert des arbeitsrechtlichen Versprechens durch einen (pensionsmathematischen) Sachverständigen – einem sog. Aktuar – als der sog. "notwendige Erfüllungsbetrag" nach Vorgaben des Handelsgesetzbuches zu ermitteln. Dieser Wert beschreibt also die aktuelle Schuld des Arbeitgebers durch sein Versorgungsversprechen an den Mitarbeiter (oder sich selbst). Ihm gegenüber zu stellen ist bei mittelbaren Durchführungswegen der aktuelle Zeitwert der Versorgungseinrichtung, bei Direktversicherungen bspw. das Deckungskapital aus der aktuellen Standmitteilung.

Sofern der Zeitwert niedriger als das arbeitsrechtliche Versprechen ist, entsteht in Form der Differenz ein sog. Fehlbetrag, der die Unterdeckung des Versorgungsversprechens darstellt (siehe dazu Abschn. 4.8, Rz. 78). Ein solcher Fehlbetrag ist nun handelsbilanziell entweder freiwillig zu passivieren (man bildet eine Pensionsrückstellung) oder aber er muss zwingend im Anhang der Bilanz als Betrag ausgewiesen werden.

Ganz explizit und unmissverständlich schreibt dazu Rz. 93 IDW HFA 30: "Im Falle der Durchführung der betrieblichen Altersversorgung über versicherungsförmige Tarife mit voller Kapitaldeckung (z. B. Direktversicherungen) entfällt die Anhangangabe, [...] sofern keine Unterdeckung oder ein Fehlbetrag vorliegt".

Dass eine Unterdeckung üblicherweise vorliegt, prüft der gewissenhafte Kaufmann leicht und überschlägig, indem er einfach die Summe der in den Versicherungsvertrag eingezahlten Beiträge gegen den heutigen Vertragswert hält (siehe Standmitteilung). Das verdeutlicht gleichzeitig, wie kritisch die Eignung der üblichen Versicherungsverträge zum Altersvermögensaufbau zu sehen ist.

Damit bleibt allen Unternehmern, die bisher auf versicherungsförmige Altersversorgung wie Direktversicherungen setzten, die Frage, ob jemals überhaupt auf einen Fehlbetrag hin geprüft wurde oder wann das letzte Mal der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer schriftlich bestätigt hat, dass kein Fehlbetrag vorliegt.

Fazit

Eine Prüfung auf einen Fehlbetrag bzw. eine Unterdeckung bei den (verbreiteten) versicherungsförmigen Gestaltungsformen der betrieblichen Altersversorgung wurde regelmäßig ignoriert oder ist gänzlich unbekannt. Mit Blick auf die sorgenvolle Zukunft der deutschen Lebensversicherer (siehe ganz aktuell bspw. Wegfall der Beteiligung an den Bewertungsreserven, Kürzung oder Entfallen der Schlussüberschüsse, Nichterfüllen der Garantieverzinsung u. a.) führt der fehlende Ausweis der Fehlbeträge zu einer falschen Darstellung der Vermögenssituation bzw. der Belastungen des Unternehmens (Bilanzfälschung?). Gerade im Hinblick auf anstehenden Verkaufs-/Übernahmeverhandlungen (Due Dilligence) sollte dieser Aspekt zukünftig zwingend geprüft werden.

Das Thema ist ein schwer überschaubares Dickicht, in dem viele Fallstricke lauern. Über den Deutscher Arbeitgeber Verband und dessen Netzwerk können Sie von betroffenen Unternehmern und Spezialisten Unterstützung in Rat und Tat bekommen. Damit  Sie als Unternehmer nicht Verlierer sind.

BAV-Spezial ist eine Analyse von: Prof. Dr. Philipp Schade, Aktuar (DAV)

Er ist Wirtschaftsmathematiker und Professor für Mathematik, Statistik und Wirtschaftsinformatik an der EBZ Business School, Bochum sowie Lehrbeauftragter für Pensionsversicherungsmathematik in einem aktuarwissenschaftlichen
Master-Studiengang an der Technischen Universtät Dortmund und jüngst ausgezeichnet mit dem Lehrpreis 2013 der EBZ Business School
für herausragende Leistungen und Engagement in der Lehre.