Prof. Dr. Max Otte

Die Geburt einer neuen Weltordnung: einige Hinweise zum Umgang mit einer Weltkrise

Aktuell sind wir Zeugen, wie eine völlig neue politische (Welt)Ordnung entsteht.[1] Freiheiten werden eingeschränkt, Selbstverständlichkeiten verschwinden und der Staat greift massiv ins Wirtschaftsleben und in die Privatsphäre ein. Sogar ein Krieg ist in Europa ausgebrochen.

Zeiten des Umbruchs sind Zeiten der Unsicherheit. Unsicherheit macht Angst. Manipulation, Repression und Verwirrung nehmen zu. Da ist es gut, einen klaren Kopf zu behalten. Vieles kann passieren, auch sehr unschöne Dinge. Manche kündigen sich bereits an. Deswegen möchte ich ein paar persönliche Hinweise geben.

Die praktische Vernunft pflegen: Reine Vernunft ohne Tradition und Glauben kann sehr schnell pervertieren, zu einem totalitären System und in den Abgrund führen. Wir sind in dieses Leben gestellt. Menschen müssen ihre Grenzen akzeptieren. Diese Forderung gilt natürlich ganz besonders für die Mächtigen: gerade sie müssen sich kluge Selbstbeschränkungen auferlegen.

Edmund Burke (1729–1797) argumentiert in seinem wichtigsten Werk Über die Französische Revolution (engl. Reflections on the Revolution in France), dass der Rationalismus die Wurzel seines eigenen Verderbens in sich trägt.[i] Ein Beispiel ist das Marktprinzip. Auf die Spitze getrieben, zerstört es unsere Gesellschaften – wir sehen den Prozess teilweise vor unseren Augen ablaufen. Die praktische Vernunft erkennt Traditionen, Strukturen und Grenzen an und arbeitet damit.

Bücher lesen – gerade in Zeiten der Digitalisierung: Gute Bücher lösen von den Fesseln der Zeitgebundenheit, sind zeitlos. Bei jedem Buch hat sich ein Mensch Gedanken gemacht und diese unter dem Umständen seiner Zeit niedergeschrieben. Bücher erlauben uns hundert- oder tausendjährige Zeitreisen.

Dazu kommt: Bücher sind nicht manipulierbar. Das war Machthabern immer schon ein Dorn im Auge. Qin Shihuangdi, der erste chinesische Gottkaiser (259–210. v. Chr.), ließ alle Bücher vernichten, damit er neu anfangen konnte. Die Nationalsozialisten führten 1993 Bücherverbrennungen „wider den undeutschen Geist“ durch. Heute wiederum verschwinden Bücher aus dem Verkehr, indem unliebsame, aber wichtige Werke nicht mehr verlegt werden. Immer häufiger werden auch Bücher oder ihre Verfasser diffamiert und die Werke einfach umgeschrieben.

Der Wert der Klassiker und das Studium der Geschichte: Unter den Büchern ragen manche besonders heraus – die „Klassiker“. Klassiker helfen uns, die uralten Fragen der Menschheit, die jede Generation neu für sich beantworten muss, zu reflektieren. An vielen US-Universitäten wurde lange Zeit ein Kurs namens „westliche Zivilisation und Kultur“ angeboten, in dem Klassiker des westlichen Denkens gelesen und diskutiert wurden. Mittlerweile sind derartige Kurse oder Vorlesungen vielerorts abgeschafft, aber nichts hindert Sie daran, selbst die Klassiker zur Hand zu nehmen.

Sich selbst hinterfragen: Werden Sie ein skeptischer Realist, also das, was einige Zeitgenossen schon als „milder Verschwörungstheoretiker“ diffamieren würden. Fragen Sie bei tagespolitischen Ereignissen wie dem Ukraine-Konflikt oder dem Stellvertreterkrieg in Syrien, welche Interessen dahinterstecken könnten. Cui Bono – wem nützt es: der lateinische Spruch birgt auch heute noch den Schlüssel zum Selberdenken.

Glaube: Das Christentum ist die Wurzel unserer moralischen Vorstellungen. Die Denker der Aufklärung suchten es zu überwinden, trugen diese Wurzel aber unbewusst in sich. Die zehn Gebote haben auch heute noch ihre Relevanz. „Das Fremdgehen beschädigt und unterminiert Ehe und Familie. Die biblischen Gebote gegen den Ehebruch und das Verbot des Nächsten Frau zu begehren sind die logische Antwort, um eine Gesellschaft stabil und erfolgreich zu machen, indem sie ihren Grundbaustein, die Familie, schützt. Das gleiche gilt für die private Eigentumsordnung.“[ii]

Menschen, die glauben (können), sind glücklicher. In einer Umfrage, die in zwei Dutzend Ländern durchgeführt wurde, fand das Pew Research Centerheraus, dass glaubensstarke Menschen im Durchschnitt nicht nur glücklicher sind, sondern auch die besseren Bürger, die häufiger wählen gehen und sich freiwillige sozialengagieren. Zudem leben sie gesünder.[iii]

Traditionen pflegen und daraus Neues entwickeln: Auch das Pflegen sinnbehafteter Traditionen vermittelt Identität und Standhaftigkeit.

Soziales Kapital anhäufen: Die Bedeutung von Sozialkapital wird gerne unterschätzt: welche Beziehungen haben Sie? Wie belastbar sind diese? Ist Ihre Familie intakt? Sind sie in Ihrem Ort vernetzt? Angesehen? Sind Sie Mitglied einer Kirchengemeinde? Haben Sie einen Garten? Freunde auf dem Land? Freunde im Ausland?

Investieren Sie in Ihr Sozialkapital! Es wird die wichtigste Investition Ihres Lebens sein. Was nützt Ihnen in einer großen Krise ein Bankkonto oder ein Aktiendepot, wenn diese vielleicht eingefroren sind? Gute Beziehungen und Sozialkapital sind hoffentlich auch dann belastbar.

Gelassenheit, aber nicht Gleichgültigkeit, das ist die Geisteshaltung, welche die antiken Stoiker wie zum Beispiel Mark Aurel oder Seneca vertraten.

Dinge um ihrer selbst willen tun: Zum Abschluss nur noch eines: vergessen Sie nicht zu leben! Tun Sie Dinge um ihrer selbst willen. Engagieren Sie sich in einem Chor, wandern Sie, lesen Sie, gehen Sie Ihren musischen und geistigen Interessen nach. Friedrich August von Hayek: „Es entspricht vollkommen dem Geiste des Totalitarismus, dass er jede menschliche Tätigkeit verdammt, die um ihrer selbst willen und ohne einen weiteren Zweck betrieben wird. Die Wissenschaft um der Wissenschaft und die Kunst um der Kunst willen sind bei den Nationalsozialisten in gleichem Maße verrufen wie bei den Kommunisten und bei unseren sozialistischen Intellektuellen.“

Menschen, die Dinge um ihrer selbst willen tun, sind besser gegen die geistigen und moralischen Stürme gefeit, die durch unsere Länder toben. Sie werden aus der Menge derjenigen, die sich von den Stürmen mal hierhin, mal dorthin treiben lassen, herausragen. Sie haben einen festen Stand. Das wünsche ich Ihnen für die kommende Zeit des großen Reset!


[1] Max Otte, Weltsystemcrash – Krisen, Unruhen und die Geburt einer neuen Weltordnung, München 2019.


[i]Edmure Burke, Friedrich von Gentz, Über die Französische Revolution. Betrachtungen und Abhandlungen. Manesse, Zürich, Hansebooks Verlag, 1987, engl. Reflections on the Revolution in France, 1790.

[ii]Dr. Markus Krall,2019.

[iii] Josef Joffe, "Glaube und Glück", Zeit.de, 27.09.2019, unter https://www.zeit.de/2019/10/religiositaet-glaube-gluecksgefuehle-wohlbefinden-hilfsbereitschaft-herzlichkeit

20. Juni 2022

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