Dr. Björn Peters

Buchbesprechung „Apokalypse, Niemals!“ von Michael Shellenberger

Die Energiefrage #78

Es gibt Bücher, die sollte man gelesen haben. Und es gibt Bücher, die muss man gelesen haben. Michael Shellenbergers „Apocalypse Never“ gehört in letztere Kategorie. Ich kenne Shellenberger persönlich und hatte bereits die englische Originalausgabe verschlungen. Das Buch hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Das ging anscheinend vielen so, sodass NZZ („Die Klima-Apokalypse wird wohl nicht ganz so düster“), WELT („Die Illusionen der Öko-Romantiker“) und eine Reihe anderer Medien über dieses wichtige Buch berichteten, bevor es überhaupt auf Deutsch zu haben war. Dies hat sich vor Kurzem glücklicherweise geändert. Der Münchner Langen Müller Verlag hat den New York Times Bestseller Ende März als Übersetzung (inklusive neuem Vorwort des Autors) herausgebracht. Das Buch heißt hierzulande nun: „Apokalypse, Niemals! Warum uns der Klima-Alarmismus krank macht

Für alle, die Michael Shellenberger (noch) nicht kennen: Der Autor ist 50 Jahre alt und kämpft seit Jahrzehnten für den Schutz der Umwelt. 2008 ehrte ihn das Time Magazine als Umweltheld des Jahres. Doch wer denkt, damit passe Michael Shellenberger perfekt in die Zeit oder besser in den Zeitgeist, quasi als geistiger Vater von Greta Thunberg und Luisa Neubauer, irrt und das gewaltig. Das wird schon beim Lesen der ersten Seiten klar.

Keine Sekunde scheut Michael Shellenberger die (verbale und inhaltliche) Auseinandersetzung mit Vertretern der Mainstream-Umweltbewegung wie Fridays For Future oder Extinction Rebellion. Dabei macht Shellenberger etwas, was leider unter Journalisten Seltenheitswert hat, aber eigentlich zum Standard gehören sollte: Er hakt bei den Experten nach, wenn diese mit apokalyptischen Aussagen (direkt oder indirekt) zitiert werden. Und dann zeigt sich allzu oft, dass Experten missverstanden oder nur selektiv zitiert wurden.

Statt sich – wie ihr Kollege Shellenberger – bei den Experten noch einmal rückzuversichern, haben viele Journalisten hingegen diverse NGOs auf den Kurzwahltasten, die – oh welch Wunder – natürlich ein ureigenes Interesse an Worst-case-Szenarien haben. Bedeutet doch das Warnen vor dem kurz bevorstehenden Weltuntergang bare Münze. Das tun diese schon seit Jahrzehnten. Der Weltuntergang hätte längst kommen müssen, so oft wurde er schon vorausgesagt.

Für die Menschen vor Ort kann das „Engagement“ von westlichen Aktivisten fatale Folgen haben: keine wirtschaftliche Entwicklung, Armut und Tod. So sieht die wirkliche „Apokalypse“ aus. Und sie bedeutet mittel- bis langfristig noch mehr Umweltzerstörung!

Shellenberger schreibt nicht aus dem wohlbehüteten Elfenbeinturm heraus. Er hat die Länder bereist, über die er schreibt. Beispiel Kongo: Die Menschen dort haben ganz andere Probleme als den Klimawandel. Hier geht es um das nackte Überleben, nicht bis zum Jahr 2030, sondern im hier und heute!

Ihrer Ideologie wegen versuchen von Greta Thunberg & Co. fehlgeleitete NGOs ärmere Länder, die man früher gemeinhin der „Dritten Welt“ zugeordnet hätte, auf einem Entwicklungsstand einzufrieren, der ungefähr dem Schwedens im 19. Jahrhundert gleicht.

Wer aber die Umwelt schützen möchte, der muss allen Ländern auf der Welt eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Ansonsten werden Länder wie der Kongo in bitterer Armut gefangen gehalten. Umweltaktivisten bekämpfen, dass dort Wasserkraftwerke entstehen, die den Menschen vor Ort billig und zuverlässig Strom liefern. Und so gehen die Menschen – vereinfacht gesagt – in den Wald und verbrennen Holz zur Energiegewinnung. Das wird schlagartig aufhören, sobald sich die Menschen fossilen Brennstoffen zuwenden. Fossile Brennstoffe wie zum Beispiel Kohle müssten als Geschenk für die Menschheit begriffen werden, so Shellenberger. Natürlich seien diese nicht nur Segen, sondern auch Fluch, weil damit auch Umweltverschmutzung einherginge. Es sei aber ein Fakt, dass sich nur Menschen in wohlhabenden Ländern für Dinge wie Klima-, Umwelt- und Naturschutz interessierten. Das erkläre auch, warum die Nettoausdehnung der Wälder weltweit ansteige.

Der nächste Schritt der Entwicklungsstufe sei die Hinwendung der Menschen zur Kernenergie. Überhaupt ist Shellenberger ein großer Anhänger der Kernenergie, die er als den grünstigsten aller Energieträger bezeichnet. Die Kernenergie sei nicht nur klimaschonend, sondern die einzige Art von Müll, die der Mensch so stark wie möglich begrenzt und strikt darauf achtet, dass dieser nicht „in der Landschaft“ landet.

Womit wir bei einem weiteren Schwerpunkt Shellenbergers sind: Plastik. Natürlich ist Müll weltweit ein großes Problem. Aber Shellenberger plädiert dafür, besser den Fokus auf Müllvermeidung und Müllbegrenzung zu legen, als Plastik per se zu verdammen. Denn dieser Stoff sei – ähnlich wie die Kernenergie – nicht nur für die Menschheit ein Segen, sondern auch für die Natur.

Was im ersten Moment irritieren mag, ist beim zweiten Blick ganz offensichtlich: so waren Klaviertasten früher aus Elfenbein. Auch Schildpatt war ein gefragter Stoff. Elefanten und Schildkröten wurden für das Material geradezu abgeschlachtet. Dann wurde Plastik erfunden. Das Künstliche half, das Natürliche zu schonen. Doch der symbolgewaltige Kampf gegen den Kunststoff bedeutet vielen Aktivisten mehr als eine verantwortungsvolle Umweltpolitik. So ist die Klimabilanz einer Papiertüte um ein Vielfaches schlechter als die einer Plastiktüte. Kunststoffe werden aus einem Abfallprodukt der Erdölförderung gewonnen. Damit geht keine weitere Flächennutzung einher. Wolle man zum Beispiel die Produktion von fossilen Kunststoffen auf Biokunststoffe umstellen, wäre allein in den USA eine Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche von fünf bis 15 Prozent erforderlich. Das sind Zusammenhänge, die Shellenberger spielend leicht erklärt. Einige Dinge sind so naheliegend, dass man sich beim Lesen doch tatsächlich wundert, nicht selbst darauf gekommen zu sein.

Shellenberger räumt wortgewandt mit vielen Mythen auf, die im Namen des Umweltschutzes verbreitet werden. Dabei setzt er den Mythen schlichtweg Fakten entgegen. Das Amazonas-Gebiet sei nicht die viel beschworene Lunge der Welt – was aber natürlich nicht heiße, dieses zum Abholzen freizugeben. Dass mehr Häuser von Wirbelstürmen zerstört werden, liegt schlichtweg daran, dass es mehr Häuser in eben jenen Gebieten gibt, wo man solche Häuser besser nicht errichtet – und früher deswegen auch nicht errichtet hat. Waldbrände seien in den allermeisten Fällen auf menschliche Fahrlässigkeit zurückzuführen. Es klingt paradox, aber indem der Mensch jegliche Art von kleineren Busch- und Waldbränden unterbinde, komme es wegen des nicht abgebrannten Holzes irgendwann unweigerlich zu großen Bränden.

Bei all dem dürfte niemanden überraschen, dass Shellenberger von vielen Vertretern der Klimaszene als Verräter betrachtet wird. Er war mal einen von „ihnen“, hat sich aber abgewendet. Und zwar nicht von der Sache selbst. Shellenberger liebt Natur und Menschen, das merkt man in jeder Zeile. Doch ist er nicht bereit, Menschen die Existenzgrundlage zu entziehen und der Natur oftmals weiteren Schaden zuzufügen, um einer Ideologie zu dienen. Er hat früher auch dieser Ideologie gedient, doch diesen Fehler eingestanden und sich vor Jahren öffentlich dafür entschuldigt.

Es gehört viel Mut – und auch Anstand – dazu, einen Fehler einzugestehen. Zwar möchte Greta Thunberg, dass wir alle in Panik verfallen, aber zumindest Shellenberger hat eingesehen, dass diese Art von Alarmismus kein einziges Problem löst, wenn nicht sogar neue schafft – und letztendlich auch krank macht. Wenn unsere Kinder nachts nicht schlafen können, weil sie Angst vor einer behaupteten „Klimaapokalypse“ haben, ist damit niemanden gedient, auch dem Klima nicht.

Als Vertreter der Ökomoderne bestreitet Shellenberger selbstredend nicht den Klimawandel. Er verwehrt sich aber dem apokalyptischen Gerede von der „Letzten Generation“. Denn diese Art von Alarmismus verhindere, dass die wahren Probleme angegangen werden. Mit acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten können wir aber nur nachhaltig leben, wenn wir Technologie und Umweltschutz miteinander vereinen. Wirtschaftliche Entwicklung ist auch das Einzige, was einem weiterhin rasant in einigen Teilen der Welt steigenden Bevölkerungswachstum entgegenwirkt.

„Apokalypse, Niemals!“ ist beunruhigend beruhigend. Übertreibung, Alarmismus und schon gar nicht Extremismus sind durch nichts gerechtfertigt und entbehren jeglicher wissenschaftlichen Grundlage, wie Shellenberger kenntnisreich dokumentiert. Das führt uns wieder zum großen Mysterium, das die Umweltbewegung seit jeher umgibt: Warum werden im Namen der Umwelt immer wieder Maßnahmen gefordert, die nicht nur den Menschen, sondern unter dem Strich auch der Natur schaden? In diesem Sinne ist Michael Shellenberger ein wichtiger Aufklärer. „Apokalypse, Niemals“ sensibilisiert für tatsächlichen Umweltschutz und immunisiert gegenüber den ideologiegeschwängerten Sirenengesängen einer fehlgeleiteten Umweltbewegung, die im Kern wissenschaftsfeindlich und faktenfern agiert.

Michael Shellenberger: Apokalypse, niemals! Warum uns der Klima-Alarmismus krank macht. München: Langen Müller, 2022. 472 Seiten, 28 Euro.

19. April 2022

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