Corona: Ein Reallabor der Energiewende

Die Energiefrage #75

Letzte Woche hat die Bundesnetzagentur die Höhe der EEG-Umlage für 2021 bekanntgegeben. Sie stieg so stark wie noch nie an, oder wäre gestiegen, wenn sie nicht ab 2021 durch unser Steuergeld aus dem Bundeshaushalt gedeckelt wäre. Warum sie immer weiter ansteigen muss, je mehr Solar- und Windenergie im Netz sind, liegt eigentlich auf der Hand. Und der Anstieg in diesem Jahr zeigt an, was uns in Deutschland blüht, wenn der Anteil der „erneuerbaren“ Energien wie geplant bis zum Jahr 2030 auf 65% ansteigt.

Es war die Meldung der Woche in vielen Medien. Die EEG-Umlage steigt in nur einem Jahr von 6,756 auf 9,651 Cents je Kilowattstunde. In absoluten Zahlen steigt der Umlagebetrag von 2020 von ca. 24 Mrd. Euro auf 33 Mrd. Euro an. Nur weil der Staat aus dem Bundeshaushalt einen Betrag von voraussichtlich 10,8 Mrd. Euro zuzuschießen bereit ist, bleibt die EEG-Umlage auf 6,500 Cents je Kilowattstunde nahezu konstant [1].

Die Ursache ist nicht so sehr ein starker Zubau an Solar- und Windanlagen, sondern günstiges Wetter und die durch die Anti-Corona-Maßnahmen ausgelöste Wirtschaftskrise. Weil der Stromverbrauch stark zurückging, stieg das Verhältnis der durch Umgebungsenergien produzierte Strom im Verhältnis zum Gesamtverbrauch deutlich an. Hierbei ist vor allem die Wind- und Solarenergie bedeutsam, also die wetterabhängigen Umgebungsenergien (WAUE). Deren Anteil stieg von 2019 auf 2020 von 34,8 Prozent auf 38,5 Prozent des Stromverbrauchs an. Im Februar wurde gar ein Spitzenwert von 53,4 Prozent WAUE-Anteil erreicht.

Was von den Anhängern der Energiewende als Erfolg verkauft wurde, zeigt sich bei näherem Hinsehen aber deutlich kritischer, denn dieser Anstieg des WAUE-Anteils ging mit gravierenden Problemen einher.

- Seit März 2018 ging der Stromverbrauch in Deutschland wegen der einsetzenden Wirtschaftskrise zurück, verschuldet durch politische Eingriffe vor allem im Automobilsektor. Nach Einsetzen der Coronakrise im April 2020 verstärkte sich dieser Trend deutlich und griff auf ganz Europa über, der Stromverbrauch lag etwa zehn Prozent unter den Vorjahreswerten.

- Während es im ganzen Jahr 2019 nur zwei Mal vorkam, dass mehr als 5 GW an Strom nach Deutschland importiert werden mussten, waren es im Jahr 2020 schon 17 Mal [2].

- Analog gab es zahlreiche Situationen in den vergangenen Jahren, in denen Deutschland mehr als 5 GW Strom exportierte. Seit 2019, verstärkt aber seit 2020 fallen diese Exportzeiten zunehmend auf Zeiten mit sehr niedrigen oder gar negativen Erlösen.

Die wachsenden Im- und Exportsalden sind ein starkes Anzeichen dafür, dass die nicht bedarfsgerechte Stromproduktion aus wetterabhängigen Umgebungsenergien erhebliche und ungelöste Probleme schafft. Weil es gerade diese sind, die nach Ansicht der Regierungskoalition in den kommenden Jahren stark ausgebaut werden sollen, lohnt ein genauerer Blick. Denn mit jedem zusätzlichen Ausbau an WAUE potenzieren sich deren Probleme. Was wir in diesem Jahr gesehen haben, ist also geradezu ein Reallabor für die Zukunft unserer Energieversorgung: Wir sehen heute an den Zahlen, was in einigen Jahren, wenn nach den Plänen der Bundesregierung 65% des Stroms aus Umgebungsenergien stammen sollen, zu erwarten ist.

Ganz offensichtlich gibt es eine maximale Kapazität unseres Stromerzeugungssystems für die Aufnahme von WAUE. Den Zahlen nach zu urteilen, liegt diese Grenze bei etwa einem Drittel. Steigen die WAUE-Kapazitäten darüber an, reicht die in Deutschland vorhandene Flexibilität der Stromerzeugung nicht mehr aus, um die wetterbedingten Schwankungen aus Solar- und Windstromproduktion hierzulande auszugleichen. Mehr und mehr müssen Überschüsse im Ausland – teils gegen Geldzahlung – entsorgt und fehlende Kapazitäten dort einkauft werden. Während in Deutschland WAUE immer noch ausgebaut werden, werden mehr und mehr regelbare Kraftwerke abgeschaltet. Der WAUE-Ausbau bei gleichzeitigem Atom- und Kohleausstieg schiebt nun den WAUE-Anteil stark nach oben und sorgt dafür, dass wir von einem Netto-Stromexporteur nach und nach zu einem Importeur werden, sowie für zunehmende Zeiten mit Unter- oder Überdeckung des heimischen Strombedarfs.

Die Problematik ist, dass Energiepolitik in Europa in nationaler Zuständigkeit liegt, wir das Ausland aber dringend benötigen, um die wetterbedingten Schwankungen aus Solar- und Windenergie auszugleichen. Die deutsche Regierung verschärft die Situation noch dadurch, dass es versucht, die Nachbarn auf den deutschen Weg einzuschwören ohne auf Augenhöhe mit ihnen darüber zu verhandeln. Auch dort soll nach Ansicht der Bundesregierung der Kohle- und Atomausstieg vollzogen und auf WAUE gesetzt werden. Da Wetterlagen in ganz Europa stark korrelieren, würden sich die Probleme mit den Einspeiseschwankungen gemeinsam potenzieren.

Was unsere Nachbarn allerdings abschreckt, unserem Weg zu folgen, sind die hiesigen Strompreise – die höchsten aller OECD-Länder. Ein deutsches Beharren auf unserer Energiepolitik hat daher das Potenzial, den europäischen Einigungsprozess um Jahre zurückzuwerfen.

In diesem Lichte sollten wetterabhängige Umgebungsenergien so lange nicht mehr staatlich gefördert werden, bis Technologien entwickelt und am Markt eingeführt sind, mit denen die wetterbedingten Schwankungen ausgeglichen werden können. Ein solches Moratorium wurde jüngst übrigens auch von sämtlichen Fachleuten auf einer Physikertagung gefordert, dem Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Hören wir also auf „die Wissenschaft“, bringen wir die EEG-Novelle zum Stoppen, in der allen Ernstes untaugliche Technologien zum „öffentlichen Interesse“ und sogar zur „öffentlichen Sicherheit“ hochgejazzt werden. Übrigens wieder im Kontrast zu einschlägigen EU-Direktiven! Es ist, als wollte Deutschland alles tun, um einen Keil in die europäische Union zu treiben.

Wer CO2-Emissionen reduzieren möchte, kann dies sehr übrigens einfach tun: Den CO2-Emissionshandel stärken bei Abschaffung aller sonstigen nationalen Gesetze im CO2-Kontext. Sehr einfach wäre, den Atomausstieg zu stoppen. Sollten die letzten sechs Kernkraftwerke wie geplant vom Netz gehen, müsste deren Strom aus fossilen Kraftwerken ersetzt werden, zusätzliche Emissionen von 50 bis 76 Millionen Tonnen jährlich wären die Folge [3]! Dass dies nicht mehr zeitgemäß ist, liegt auf der Hand. Wer CO2-Emissionsminderungen erzielen möchte, darf die Kernenergie nicht verteufeln und die Umgebungsenergien nicht überbewerten. Hoffen wir, dass sich diese Erkenntnis rasch durchsetzt.

Quellen:

[1] https://www.netztransparenz.de/portals/1/Content/EEG-Umlage/EEG-Umlage%202021/2020-10-15%20Veröffentlichung%20EEG-Umlage%202021.pdf

[2] Agorameter von Agora Energiewende. Die Daten erkennt man am besten, wenn die einzelnen Länder-Außenhandelssalden weggeklickt werden.

[3] https://nuklearia.de/2020/09/10/die-antinuklearen-irrtuemer-des-hans-josef-fell/

Alle sonstigen Zahlenangaben von Netztransparenz.de, zusammengetragen von Rolf Schuster, dem ich an dieser Stelle herzlich danke.

19. Oktober 2020

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