Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband

(K)ein Recht auf Spitzenabitur

Viele Abiturienten klagen über eine angeblich zu schwere Mathe-Prüfung und fordern eine mildere Bewertung. Unterstützt werden sie von der Lehrergewerkschaft GEW, der SPD und Helikoptereltern. Dabei wurde mit der Prüfung nur das seit Jahren sinkende Abi-Niveau wieder leicht abgefangen.

Wir leben in hysterischen, ja schier massenpsychotischen Zeiten. Ein Twitter- oder Facebook-Eintrag vermag große Teile der Bevölkerung und der Presse in Wallung zu versetzen. Das ist die Schattenseite der neuen, angeblich sozialen Medien, die ja eigentlich einen Beitrag zur Demokratisierung von Information und Meinungsbildung leisten könnten.

Dass zumeist die Schattenseiten überwiegen, dafür sind neben ungezählten Alpha- und Beta-Promis unter anderem Leute wie die Endlos-Zwitscherer US-Präsident Donald Trump, Außenminister Heiko Maas oder die Berliner Staatsekretärin Sawsan Chebli verantwortlich – um nur einige zu nennen. Und natürlich samt „Followern“ die junge, klimabewegte Schwedin Greta Thunberg. Diese Leute belegen, wie sich massenpsychologisch in kürzester Zeit mit einigen Satzfetzen in rasender Geschwindigkeit eine kleine Revolte anzetteln lässt, die die Welt, zumindest Deutschland und alle Talkshows für einige Tage oder auch länger in Atem hält.

Unterschriften von Helikopter-Omas

So geschehen seit dem 3. Mai 2019, als Deutschlands angehende Abiturienten ihre Mathematikprüfungen zu absolvieren hatten. Viel zu schwer seien die Aufgaben gewesen, verkündeten Internet-Petenten von Hamburg über Hannover bis München; sie fordern, dass die Aufgaben auf den Prüfstand gestellt und die Arbeiten der Prüflinge milder beurteilt werden müssten. Allein in Bayern haben sich einer entsprechenden Petition über 60.000 Leute angeschlossen. Es können nicht nur Abiturienten sein, weil es 2019 in Bayern „nur“ etwa 36.000 sind. Also haben Mitschüler, Helikoptereltern, Helikopteromas und so weiter mitunterschrieben.

Publizistischen Flankenschutz bekommen sie unter anderem von der linken Lehrergewerkschaft GEW und von der SPD. Klar doch, beide haben sich ja immer schon gegen ein leistungsorientiertes gegliedertes Schulwesen, zumal gegen das Gymnasium, in Szene gesetzt. Der Vorsitzende eines Pädagogenverbandes in Brandenburg springt den Prüflingen bei und meint, er habe für die Bewältigung des diesjährigen Abiturs 15 (!) Stunden gebraucht. In ihrem Egalisierungseifer, der schon auch mal in die Forderung nach „Abitur für alle“ / „Gymnasium für alle“ einmündet, wettern all diese Gruppierungen gegen das Mathematikabitur.

Fehlt nur noch der Rassismus-Vorwurf

Eine Abiturientenmutter meint, die Mathe-Aufgaben hätten einfach zu viel semantisches Textverständnis vorausgesetzt. Fragt sich nur, wie es dann sein konnte, dass ihr Sohn respektive ihre Tochter überhaupt bis ans Ende der Gymnasiallaufbahn kam. Ein Hamburger Lehrer ereifert sich über Kritiker der Kritik am Mathe-Abi: Diese Kritik an der Kritik sei elitäres, aber nichtsdestotrotz populistisches Gewäsch unerträglicher Arroganz.

Da fehlt eigentlich nur noch – hoffentlich löst dieser Beitrag es nicht aus – die Behauptung der Professorin Rochelle Gutierrez von der Universität Illinois, die die Mathematik für rassistisch hält, weil Mathematik von den toten weißen antiken Griechen abstamme und dies der Grund sei, warum Menschen mit Migrationshintergrund hier schwach abschneiden würden.

„Hauptsache bessere Note"

Was sind die Fakten? Das Abitur in Deutschland ist von Jahr zu Jahr einfacher und anspruchsloser geworden. Anders wäre eine Verdoppelung der Abiturientenzahlen binnen zwanzig Jahren und eine Verdoppelung bis Verdreifachung des Anteils der 1-Komma-Abiturnoten nicht möglich gewesen. Ganze Gymnasien rühmen sich von Jahr zu Jahr aufs Neue eines Abiturschnittes von 1,9 oder 2,0. Die Niveauabsenkungen betrafen natürlich auch das Fach Mathematik. Folge davon ist unter anderem, dass immer mehr Hochschulen Förderkurse in Mathematik für die Studienanfänger in MINT-Fächern sowie in wirtschaftswissenschaftlichen Fächern einrichten müssen.

So, und nun sind die Mathe-Aufgaben 2019 zu Recht einen kleinen, kleinen Tick schwieriger geworden, etwas schwieriger als die Aufgaben der Jahre 2017 und 2018. Und schon gerät die Generation Schneeflocke außer Rand und Band. Natürlich wollen die Petenten nicht, dass die Mathe-Prüfung neu angesetzt wird; das brächte ja so manche Job- oder Reiseplanung durcheinander. Verräterisch ist vielmehr eine What's-App-Zeile, die sich in Bayern verbreitete: „Leute, unterschreiben, egal, ob zu schwer oder nicht – Hauptsache bessere Note...!"

Nach unten offene Anspruchsskala

Aber mal halblang! Der Philologenverband als Vertretung der Gymnasiallehrer sowie Hunderte von erfahrenen Gymnasialdirektoren und Mathematiklehrern, die sich mittlerweile öffentlich – etwa in Regionalzeitungen – erklärten, bestätigten: Die gestellten Aufgaben entsprechen den Lehrplänen und damit dem Mathematikunterricht der gymnasialen Oberstufe. Nur sind sie eben eine Spur anspruchsvoller ausgefallen.

Die Ursachen für den ganzen Anti-Mathe-Hype (aus den USA wird man bald den studentischen Schlachtruf übernehmen: „I feel offended“) liegen weiter zurück. Hier gilt, was bereits in der Kleinkinderziehung gilt: Sind Eltern permanent zu großzügig, werden die Ansprüche der Kinder an deren Großzügigkeit immer weiter ausgedehnt. Siehe den berühmten Finger und die ganze Hand!

In der Schulpädagogik vollzieht sich Entsprechendes. Auf der nach unten offenen Anspruchsskala soll es offenbar kein Halten mehr geben. Die Hysterisierung schulischer Ansprüche durch die Adressaten von Bildung zeigt jedenfalls, was junge Leute heutzutage unter „Recht“ verstehen und was sie wie selbstverständlich meinen in Anspruch nehmen zu können – nämlich nicht nur ein Recht auf Abitur, sondern ein Recht auf ein Spitzenabitur, mag es auch noch so inflationär vergeben werden.

16. Mai 2019

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