Dr. Björn Peters

Wie misst man die Reichweite von Rohstoffen?

Die Energiefrage - #9

Letzte Woche haben wir uns mit den Reichweiten von Öl und Lithium beschäftigt.  Anlass war ja zu verstehen, wie es zu den Vorhersagen in den Reports "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome und "Global 2000" kam.  Zu Erinnerung:  Die Autoren rechneten vor, dass alle wesentlichen Rohstoffe um die Jahrtausendwende aufgebraucht seien, was aber offenkundig nicht eingetreten ist.  Wir haben gezeigt, dass der etwas schwammige Begriff der Ressource präzisiert werden muss.  Heute fragen wir uns, wie die Reichweite von Rohstoffen überhaupt ermittelt wird, und das ist durchaus lehrreich.  Ich hoffe, dass Sie am Ende der Lektüre davon überzeugt sind, dass die einzig begrenzte Ressource der menschliche Geist ist.

Die meisten Rohstoffe produzierenden Unternehmen werden privatwirtschaftlich geführt oder müssen Gewinne erwirtschaften, selbst wenn sie in staatlicher Hand sind.  Sie erwirtschaften Gewinne, indem sie Rohstoffe zu bestimmten Kosten aus der Erde holen und zu einem Marktpreis verkaufen, der im Mittel höher als die durchschnittlichen Produktionskosten liegen muss.  Der Marktpreis schwankt je nach Nachfrage und sind für Rohstoffunternehmen ein wenig beeinflussbarer Faktor ihres Geschäfts.  Die Kosten für die Rohstoffproduktion hängen beträchtlich von den Energiepreisen ab, besonders von den Kosten für Öl.  Bei einem Großteil der Abläufe in einem Rohstoffunternehmen wie in jedem anderen industriellen Betrieb lernen die Ingenieure kontinuierlich hinzu, wie sie ihre Abläufe effizienter und effektiver organisieren können.  Daher sparen sie Geld ein, wodurch Kosten und Preise für Rohstoffe inflationsbereinigt und im langjährigen Mittel eher sinken als steigen.

Die rohstoffproduzierenden Unternehmen müssen ihre Produktion für einige Jahre im Voraus sichern.  Dazu erkunden sie potentielle Lagerstätten für einen Zeitraum von 15 bis 30 Jahren im Voraus und führen darüber genauestens Buch, da die abbaubaren Reserven ein wichtiger Vermögenswert sind, der für Aktienanalysten und Bilanzprüfer eine wichtige Größe darstellt. Es gibt daher recht präzise Vorschriften, die international in guter Übereinstimmung festlegen, welche Reserven in Statistiken und Bilanzen aufgenommen werden können.  Besonders einflussreich sind die kanadischen Bestimmungen des Canadian Institute of Mining, Metallurgy and Petroleum' (CIM), denn Kanada ist eines der wichtigsten rohstoffproduzierenden Industrieländer.

Welche Lagerstätten zu welcher Kategorie zählen, hängt auch vom Preis für diesen Rohstoff ab.  Sinkt der Preis drastisch, kann eine Bestimmbare Ressource mit zu hohen Abbaukosten zu einer Vermuteten Ressource werden.  Überhaupt sind es zu einem ganz wesentlichen Teil wirtschaftliche Kategorien, die darüber entscheiden, ob ein Mineral als Ressource angesehen wird oder nicht.

Nur gemessene und bestimmbare Ressourcen fließen in die Statistiken ein.  Dass sie selten für länger als 30 Jahre reichen, liegt an einfachen ökonomischen Gegebenheiten.  Aktienanalysten sind zufrieden, wenn die Reserven eines rohstoffproduzierenden Unternehmens für länger als 15 Jahre reichen.  Würde der Vorstandsvorsitzende eines solchen Unternehmens aber für beispielsweise 50 Jahre erkunden lassen, geriete er in Schwierigkeiten.  Er würde nicht nur wegen übermäßiger Explorationskosten angegriffen werden.  Da sich Explorations- und Abbaumethoden über die Jahre dank des technischen Fortschritts verbessern, ist die Exploration heute wesentlich teurer als sie in dreißig Jahren sein wird.  Daher ist es für keinen Unternehmenslenker weise, sich mehr als 15 bis 25 Jahresproduktionen im Voraus zu sichern.

Daraus ergibt sich die zunächst befremdliche Tatsache, dass die gemessenen und bestimmbaren Reserven der Rohstoffunternehmen seit vielen Jahrzehnten immer für ca. 30 Jahre in die Zukunft reichen.  Diese werden ja in internationalen Statistiken zusammengetragen und aufaddiert.  Mit der tatsächlichen Reichweite von Rohstoffen haben die Statistiken allerdings nichts zu tun, sondern die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten rohstoffproduzierender Unternehmen bestimmen die Reichweite, nichts sonst.  Solange die Menschheit Rohstoffe benötigt und bereit ist, für sie zu bezahlen, werden sich Unternehmen finden, die diese finden, abbauen und vertreiben.  Was ein wirtschaftlich wertvoller Rohstoff ist, ändert sich zwar mit der Zeit.  Die einzige Konstante ist die Findigkeit der Ingenieure, neue Lagerstätten zu finden und alte besser auszunutzen.

Hätten die Autoren des Club of Rome und von "Global 2000" sich mal für einen Nachmittag mit dem Vorstand eines rohstoffproduzierenden Unternehmens zusammengesetzt, um sich über die elementaren wirtschaftlichen Abläufe dort zu informieren, wäre ihnen ein gravierender Irrtum erspart geblieben.  Beide Studien hätten so nie geschrieben werden dürfen.

13. Februar 2017

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